Frühjahrssynode mit Aufführung eines Stücks Vareler Kirchenmusik eröffnet

Mit einem Abendmahlsgottesdienst und einem Stück Vareler Kirchenmusik wurde am Donnerstagmorgen, 12. Mai, in der St.-Ulrichs-Kirche in Rastede die 7. Tagung der 47. Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg eröffnet. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand die musikalische Lesung und Inszenierung des Musicals „Josef“, das Anfang April dieses Jahres in Varel uraufgeführt wurde. Das Musical, dessen Text von Pfr. Achim Jürgens verfasst wurde, die Musik ist von Kantor Thomas Meyer-Bauer, handelt von der biblischen Josefs-Geschichte (1. Mose) und wurde in einer Inszenierung von Kantorin Dorothee Bauer mit der Jugendkantorei an der Schlosskirche Varel aufgeführt.

 

„Dass Kleider Leute machen, wie wir es sprichwörtlich sagen, das können wir in der Josefsgeschichte nachlesen“, so Pfr. Tom Brok in seiner Predigt. Josef sei ein besonderer Mensch gewesen, er habe Träume deuten können und habe „das Zeug zu Höherem“ gehabt. Das Glück sei auf seiner Seite gewesen. Und immer wieder werde erzählt, welche Kleidung Josef getragen habe.

 

Mit Blick auf die Träume des ägyptischen Pharao, die nur Josef habe deuten können, berichtete Brok, dass der Vorbereitungskreis des Eröffnungsgottesdienstes versucht habe, sich in die Situation des Pharaos einzuleben. Sie hätten nicht den Versuch unternommen, einen Traum zu deuten, sondern vielmehr einen Traum erst einmal zu finden, sich die Zukunft der Kirche im Jahre 2030 vorzustellen.

 

Es falle schwer, eine so große und weite Perspektive für die Kirche nach vorne zu denken und sich von Denkgewohnheiten zu befreien. „Wo liegen unsere Sichtgrenzen? Wie wird unsere Vorstellungskraft befreit? Wie sähe ein fettes oder ein mageres Jahr denn überhaupt aus? Liegen wir mit allen Reserven richtig? Wie bunt können wir uns den Rock unserer Kirche vorstellen?“, fragte Pfr. Brok.

 

Der ägyptische Pharao habe auf Geheiß des Josef seine Spielräume genutzt und für die Jahre des Mangels vorsorgen lassen. „Unser Traumfinder ist ein Weg. Ist ein Prozess bis zum Kongress 2012“, so Brok. Viele Bausteine kämen zusammen und womöglich füge sich dann im nächsten Jahr vieles „zu unserem Traum“ zusammen.

 

Josef habe am eigenen Leib erfahren, wie Gott durch menschliches Planen und Wirken hindurch alles zum Guten führe. „Gottes Weisheit bleibt höher als all unsere Vernunft. Das befreit uns nicht von aller verantwortlichen und klugen Planung. Aber es entlarvt den Trugschluss, dass eine heilvolle Zukunft einzig auf unseren Schultern und Entscheidungen liegt. Rechnen wir mit Gott. Womöglich auch entgegen unserer Planung. Solches Vertrauen in Gott entlastet uns. Es macht uns erst wirklich frei, in aller Vorläufigkeit – aber doch mit Lust und großem Engagement – die Zukunft desigual, d. h. vielfältig wie ein buntes Josefsgewand zu träumen“, sagte Pfarrer Tom Brok.

 

Die rund 60 Synodalen sowie Gäste und Mitarbeitende der Oldenburger Kirche tagen vom 12. bis 14. Mai in der Heimvolkshochschule Rastede. Im Mittelpunkt stehen neben dem Schwerpunktthema „Gemeindeverständnis“ die Berichte der AG Krippenfinanzierung und der AG Controlling sowie die Berichte zur Verwaltungsstrukturreform und zum Evangelischen Jugendheim Blockhaus Ahlhorn. Am Samstag, 14. Mai, wählen die Synodalen ein neues theologisches Mitglied des Oberkirchenrates.

 

Hier finden Sie den vollen Wortlaut der Predigt von Pfr. Tom Brok.

 

Dank für die langjährige Mitarbeit

Zu Beginn der Synodentagung wurde dem Vorsitzenden des Kirchensteuerbeirates, Dr. Jobst Seeber aus Oldenburg, dem Vorsitzenden des Ausschusses für Gemeindedienst und Seelsorge, Prof. Dr. Götz Strömdörfer aus Wilhelmshaven, und der Synodenpräsidentin Sabine Blütchen aus Oldenburg für ihre 15-jährige Mitarbeit in der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg gedankt.

 

Die Arbeit der Synodenpräsidentin Blütchen würdigte Bischof Jan Janssen in einer kurzen Ansprache. Er dankte ihr für ihren "hohen Einsatz für die Kirche" und die "konstruktiv kritische Begleitung".  

 

Während der Tagung wurden auch Pfarrer Joachim Tönjes (Butjadingen) und Ralf Wiechmann (Hude) als Synodale neu verpflichtet.

 

Ehrenamtliche stärker beteiligen

Vorstellung des Profils der niedersächsischen Gemeinde Bruchhausen-Vilsen (von li. nach re.): die ehrenamtliche Mitarbeiterin Regina Meyer, Moderatorin Birke Schoepplenberg und Pastor Christoph Gamer.

Stellenstreichungen sind nicht nur ein Thema in der freien Wirtschaft, sondern auch in der Kirche. Wie können Gemeinden auch mit weniger hauptamtlichen Kräften die traditionelle Erwartungshaltung der Gemeindeglieder erfüllen? Im niedersächsischen Landkreis Diepholz wurden die Gemeinden Bruchhausen und Vilsen kurzerhand zusammengelegt, um Synergieeffekte ausnutzen und ein weitreichendes Angebot sicherstellen zu können.

 

Seit 2008 agiert die Gemeinde als innovative „Beteiligungskirche“ mit insgesamt 380 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die sich von der Konfirmandengruppe bis zum Seniorenkreis überall einbringen. „Das ermöglicht eine lebendige Kirche, die aus sich selbst lebt“, sagt Pastor Christoph Gamer. „In unserer Gemeinde kommen die Menschen nicht auf mich zu und sagen mir, was Kirche alles könnte und müsste, sondern sie handeln und verantworten selbst.“ Seither gebe es „Kirchenarbeit auf gleicher Augenhöhe“. Arbeitslos wird der Pastor aber trotz der vielen Ehrenamtlichen nicht: Er setzt auf regelmäßige Schulungen seiner Helferinnen und Helfer, ist deshalb viel abends und am Wochenende im Einsatz. „Meine Arbeit hat sich verändert, aber sie ist nicht weniger geworden“, betont er. „Gute ehrenamtliche Arbeit funktioniert nicht ohne hauptamtlichen Einsatz.“ In der Gemeinde hat längst ein Umdenken eingesetzt. „Wenn ich möchte, dass Kirche lebendig bleibt, muss ich selbst etwas tun“, bringt es die ehrenamtliche Mitarbeiterin Regina Meyer auf den Punkt.

 

Wie groß das Interesse der Anwesenden an den Konzepten war, zeichnete sich in der angeregten Diskussion ab, die an die Vorträge anschloss. Persönliche Erwartungen, finanzielle Aspekte und auch Rückschläge wurden dabei angesprochen. So betonte Pastor Uwe Hoff, dass durch den Zusammenschluss der zwölf von ihm betreuten Gemeinden zu einem Kirchspiel auch kleinere Gemeinden nun mehr finanziellen Spielraum gewonnen hätten. „Abschied von Althergebrachtem bietet immer auch die Chance, neue Wege zu beschreiten“, so sein Fazit. Oft zeigt allerdings der Alltag, ob der neue Weg gangbar ist: Das Café Manna sei zunächst als Arbeitslosenprojekt gedacht gewesen, so Pastor Florian Barth. „Aber es stellte sich ganz schnell heraus, dass längst nicht nur Arbeitslose das Angebot annahmen. Also haben wir das Konzept geändert.“ Die Delegierten beschäftigte besonders die Frage nach dem Anwerben neuer ehrenamtlicher Kräfte. „Abgeben können!“ hieß darauf die einhellige Antwort der Pastoren. „Wenn ich eine Aufgabe delegiere, muss ich zugestehen, dass es vielleicht anders läuft, als ich es selbst gemacht hätte“, räumt Uwe Hoff ein. Und: „Ehrenamtliche lassen sich nur gewinnen, wenn man selbst Lücken lässt und nicht das Gefühl vermittelt, alles selbst zu können. Teamarbeit ist wichtig“, unterstreicht Christoph Gamer.

"Ein Land, das ich dir zeigen will" - Zukunftskongress im Juli 2012 in Oldenburg

Bischof Jan Janssen

Der für die oldenburgische Kirche geplante Zukunftskongress soll am 6. und 7. Juli 2012 in der Oldenburger Weser-Ems-Halle stattfinden, kündigte Bischof Jan Janssen am Donnerstag vor der Synode an. in seinem Bericht aus dem Gemeinsamen Kirchenausschuss vor der Synode an. In seinem Bericht aus dem Gemeinsamen Kirchenausschuss erklärte Janssen, dass am Kongress zwischen 800 bis 1.000 Menschen über den Weg der oldenburgischen Kirche in das Jahr 2030 beraten sollen. Eingeladen seien Delegationen aus den Gemeinden, den Werken und Einrichtungen sowie Gäste. Alle 117 Kirchengemeinden sollen je eine Delegation entsenden.

 

Inhaltlich sollen unter anderem die Arbeitsfelder "Vergewisserung im Glauben", "Szenen kirchlicher und gesellschaftlicher Relevanz" sowie "Nachhaltigkeit und Profilierung" Schwerpunktfelder der Beratungen sein.


Die biblische Losung für den Zukunftskongress „Ein Land, das ich dir zeigen will“ stamme aus dem Predigttext (1. Mose 12) für den Sonntag, 8. Juli 2012, erläuterte Bischof Janssen. Dort rufe Gott Abraham zu, aufzubrechen „in ein Land, das ich Dir zeigen werde“. Dieses sei Verheißung, Aussendung und Auftrag zur Mitgestaltung. Dieses treffe auch für den Auftrag des Zukunftskongresses zu, so der Oldenburger Bischof. Das genaue Konzept soll der Synode im Herbst vorgestellt werden.

 

Gesetzesänderungen

Abstimmung im Plenum

Im Rahmen des "Sechsunddreißigsten Gesetzes zur Änderung der Kirchenordnung" hat die Synode folgende Änderungen des Kirchengesetzes beschlossen:


1. Artikel 56 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 werden wie folgt geändert:
„Für jede Kreissynodale/jeden Kreissynodalen ist ein Ersatzmitglied zu bestimmen. Scheidet ein gewähltes Mitglied aus, ist im Gemeindekirchenrat in der nächsten Sitzung eine Ersatzwahl der Kreissynodalen/des Kreissynodalen und des Ersatzmitgliedes vorzunehmen.“

2. Art. 88 Abs. 1 wird wie folgt neu gefasst:
„(1) Der Oberkirchenrat legt der Synode alle zwei Jahre einen Bericht über das kirchliche Leben in Rückblick und Ausblick vor und gibt die in der Synode verlangten Erläuterungen.“

3. Art. 90 Nr. 11 wird wie folgt gefasst:
„11. die Beschlussfassung über den Haushaltsplan der Kirche und Prüfung der jährlich vorzulegenden Rechnungen sowie über die Grundsätze zur Verwaltung des kirchlichen Vermögens.“ Mit der ersten Gesetzesänderung sollen die Nachwahlen von Vertreterinnen und Vertretern in die kirchlichen Gremien erleichtert werden. Die beiden anderen Änderungen sollen die Berichterstattung über die kirchliche Arbeit verstärken.

 

Konzept für das Evangelisches Bildungszentrum Rastede (EBZ) gebilligt

Synodaler Rüdiger Schaarschmidt

In Vertretung für den erkrankten Oberkirchenrat Olaf Grobleben, stellte der Vorsitzende des Bildungsausschusses, Rüdiger Schaarschmidt (Wilhelmshaven), das Konzept für das Evangelische Bildungszentrum Rastede (EBZ) vor. Das neue Konzept umfasst demnach vier Fachbereiche:
- die offene Bildungsarbeit für Erwachsene,
- ein Bildungsnetzwerk mit kirchlichen Einrichtungen als Haus der Begegnung, des Austausches und Diskurses,

- ein "Forum Bibel" und
- die innerkirchliche Aus-, Fort- und Weiterbildung von ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden.

Die Synode billigte dieses Konzept mit der Auflage, besonders die strukturellen Fragen bis zur Synode im November noch zu präzisieren.

 

In Zukunft sollen möglichst alle kirchlichen Einrichtungen das Haus als ihre Bildungseinrichtung nutzen, betonte Schaarschmidt. Mit der Einrichtung werde das christliche Profil der kirchlichen Bildungsarbeit weiter geschärft. Künftig solle auch ein Pastor oder eine Pastorin das Haus leiten, sagte Schaarschmidt.

 

Individuelles Profil für Gemeinden

Birke Schoepplenberg vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen moderierte die Diskussion zum Themenschwerpunkt „Gemeindeverständnis“.

Wie lässt sich Gemeindearbeit stärker profilieren und zuschneiden auf individuelle Bedürfnisse? Mit diesem Thema befassten sich die 60 Delegierten der oldenburgischen Synode am Donnerstag. Drei Pastoren aus Gemeinden in Niedersachsen, Baden sowie Mitteldeutschland stellten ihre besonderen und einzigartigen Konzepte vor, gaben Anregungen und beantworteten Fragen der oldenburgischen Kirchenparlamentarier. Die Präsentation der besonderen Konzepte sollte die Delegierten einstimmen auf den Themenschwerpunkt „Gemeindeverständnis“. Birke Schoepplenberg vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen moderierte. Szenisch und musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom oldenburgischen Schlagzeugensemble Schlagwerk Nordwest und der Improvisationstheater-Gruppe Playback Theater Bremen.
 

Hemmschwellen abbauen

Vorstellung des Profils der Gemeinde Großkorbetha (von li. nach re.): Pastor Uwe Hoff, Moderatorin Birke Schoepplenberg und die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Elke Hoffmann und Grit Dähmlow.

Auch 20 Jahre nach den politischen Umbrüchen im Herbst 1989 besteht für viele Menschen in den neuen Bundesländern noch immer eine Hemmschwelle der Kirche gegenüber, weiß Pastor Uwe Hoff von der Gemeinde Großkorbetha in Sachsen-Anhalt. Hinzu kommt, dass die jungen Menschen die Region verlassen, weil sie anderswo Arbeit gefunden haben. Mittlerweile betreut Hoff zwölf Gemeinden, ist überwiegend per Handy erreichbar, weil er ständig zwischen seinen Gemeinden pendelt, und muss an Feiertagen wie Ostern auch schon mal elf Gottesdienste an vier Tagen meistern. Trotz dieser Alltagsbelastung hat der Pastor zusätzlich „seine Wohlfühlkirche“ ins Leben gerufen, um ein niedrigschwelliges Angebot für alle Menschen anbieten zu können.

So pragmatisch wie Hoff selbst ist auch sein Ansatz: Eine ehemalige Scheune ist Treffpunkt der Gemeindearbeit, hier wird gebastelt, geklönt, gemeinsam gegrillt. Jeder, der sich ehrenamtlich einbringen möchte, ist hier willkommen – die Kirchenzugehörigkeit ist zweitrangig. „Ich will einen Freiraum schaffen für jeden und jede, der oder die sich hier einbringen möchte“, betont der Pastor. Natürlich, räumt er ein, gebe es Kritiker und Skeptiker. Aber der Gemeindekirchenrat trage seine Entscheidung mit, und letztendlich gibt der Erfolg Hoff Recht: „Für uns ist die alte Scheune ein toller Treffpunkt geworden. Hier können wir uns austauschen, erfahren Neuigkeiten und verbringen Zeit miteinander“, bestätigen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Elke Hoffmann und Grit Dähmlow.

 

Für die Zukunft gerüstet sein

Vortrag von Dr. Steffen Bauer zum Schwerpunktthema "Gemeindeverständnis"

„Die Gemeinden müssen Abschied nehmen von einigen Projekten, sonst können sie ihre Zukunftsfähigkeit vergessen.“ Deutliche Worte wie diese fand Dr. Steffen Bauer zum Thema „Die evangelische Gemeinde im Prozess kirchlichen Wandels und ihre biblische Grundlage“. Wie die Kirche diesen Wandel meistern könne, stellte der Studienleiter des Instituts für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision (IPOS) in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau den Synodalen eindrucksvoll dar. Drei Aspekte modernen Gemeindelebens griff er heraus: die Abnahme der Mitgliederzahlen, die demografische Entwicklung und das neue Selbstverständnis der Gemeindemitglieder.

 

Weniger Mitglieder bedeuteten auch eine Verringerung der Kirchensteuereinnahmen, eine Senkung der hauptamtlichen Stellen und die Aufgabe einzelner Gebäude, rechnete Bauer vor und betonte, die Gemeinden müssten lernen, Abschied zu nehmen und sich zu bewegen. Gleichzeitig seien viele Gemeinden „nicht nur sesshaft, sondern regelrecht bewegungsunfähig geworden“. Zugleich versuche man, alle Aufgaben auch mit weniger Personal perfekt zu leisten, anstatt sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren. Um einer Überlastung entgegenzuwirken, sei es jedoch unerlässlich, sich auch als Pfarrer oder Pfarrerin abgrenzen zu können. Gleichzeitig appellierte Bauer an die Führungsebene, offen über Veränderungen zu sprechen. Nur dann ließen sie sich tatsächlich umsetzen.

 

„Wer als Gemeinde beginnt, seine Umwelt neu zu betrachten, für den rückt das Schlagwort vom demografischen Wandel in ein ganz neues Licht. Erst dann spürt man nämlich, wie gewaltig die Veränderungen in unserer Gesellschaft sein werden.“ Mit eindringlichen Worten beschrieb der IPOS-Studienleiter das Zukunftsszenario der alternden Gesellschaft. Dazu gehöre sowohl, die Senioren beispielsweise mit Wohnprojekten zu unterstützen, als auch, ein besonderes Augenmerk auf die junge Generation zu legen, um diese abnehmende Gesellschaftsgruppe zu stärken. Ein zweiter Punkt hängt mit der kleiner werdenden Zahl junger Gemeindemitglieder zusammen: das sich wandelnde Verständnis von Gemeinschaft und Gemeinde. „Es kann nicht sein, dass 100 Prozent einer Konfirmandengruppe bei Facebook sind und der Pfarrer noch nicht einmal weiß, was das ist.“

 

Bauer warnte davor, jeder Entwicklung hinterherzulaufen, schränkte aber ein: „Die Chancen von Entwicklungen können wir nur dann nutzen, wenn wir begreifen, was sich wie und warum verändert.“ Zum demografischen Wandel gehört es auch, dass ältere Menschen immer länger fit und aktiv sind und sich entsprechend ehrenamtlich einbringen möchten. 48 Prozent aller Ehrenamtlichen, so Bauer, seien zwischen 40 und 55 Jahre alt, am stärksten wachse die Zahl der Ehrenamtlichen im Alter von 55 bis 70 Jahre. Sie anzusprechen und individuell in die Gemeindearbeit einzubinden, hält er für eine große Chance, die nicht ungenutzt bleiben sollte.

 

Die stärkere Verzahnung kirchlicher Angebote, das intensive Zusammenarbeiten von Gemeinde und Diakonie sieht Bauer als eine wichtige Herausforderung für die Zukunft. „Wenn wir in einigen Jahren bald vier Millionen pflegebedürftige Menschen haben werden – jetzt haben wir 2,4 Millionen – dann stellt sich die Frage, wie wir das gestalten wollen“, machte er deutlich. Sowohl für die Pflegebedürftigen als auch für die pflegenden Angehörigen müsse es Angebote geben. „Bei dieser Form der Gemeindeentwicklung kann man sehen, wie eng Verkündigung in Wort und Tat zusammengehören.“

 

Hier finden Sie die vollständige Rede von Dr. Steffen Bauer.
 

Synodenpräsidentin Blütchen: Müssen Gemeindeverständnis infrage stellen

Synodenpräsidentin Sabine Blütchen im Gespräch mit Journalisten.

„Wir müssen uns immer wieder fragen, ob wir als Kirche noch so einladend und offen sind, wie wir es von unserem biblischen Verständnis her sein sollten“, sagte Synodenpräsidentin Sabine Blütchen am Donnerstag am Rande der Synode gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd).

 

„Solch extreme Situationen wie in Heidelberg oder Großkorbetha gibt es im Oldenburger Land zum Glück noch nicht“, sagte Blütchen. Gleichwohl müsse die Kirche zur Kenntnis nehmen, „dass wir nicht mehr überall alles leisten können.“ Zwar könne sie sich keine Gemeinde ohne Jugend- oder Seniorenarbeit vorstellen. „Wohl aber, dass sich bestimmte Gemeinden einen Fokus setzen.“

 

Diakoniekirche sorgt für Internationalität

Vorstellung des Profils der Diakoniekirche in der Kapellengemeinde in Heidelberg (von li. nach re.): Pastor Florian Barth und Moderatorin Birke Schoepplenberg.

Heidelberg ist nicht nur ein attraktives Reiseziel, sondern auch eine Stadt voller Kontraste. „Hier gibt es viele sehr reiche Menschen, gleichzeitig sind zehn Prozent der Einwohner arm oder von Armut bedroht“, sagt Pastor Florian Barth von der Diakoniekirche in der Kapellengemeinde im Herzen Heidelbergs. Nachdem die Gemeinde immer weniger Mitglieder hatte und überalterte, war die Kapelle von der Schließung bedroht. Die Umwandlung in eine Diakoniekirche mit Armut und Migration als Schwerpunktthemen ersparte ihr dieses Schicksal. Dreh- und Angelpunkt der Gemeindearbeit ist das Café Manna, in dem sich die Besucherinnen und Besucher nicht nur zum preisgünstigen Kaffee treffen, sondern auch Kursangebote wie Trommeln, Malen, englische Konversation und Kochen für Hartz IV-Empfänger wahrnehmen können. „Hier herrscht Rauchverbot und eine Null-Promille-Grenze, und auch wenn jemand zu ungepflegt erscheint“, kennt der Pastor kein Pardon. Für viele der Besucher und Besucherinnen ist das Café die einzige Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. „Einige haben verlernt, sich zu unterhalten“, so Pastor Barth.

Seine Arbeit unterscheidet sich von der anderer Gemeindepfarrer erheblich. Er unterrichtet keine Konfirmanden, hat pro Jahr höchstens ein bis zwei Trauungen, dafür aber viele Beerdigungen von Obdachlosen und Drogenopfern. Seine Arbeit sei schon manchmal ermüdend, sagt er. Gleichzeitig aber sieht er sich mit einer wachsenden Gemeinde, erhöhten Spendenaufkommen und sehr lebendigen, international gestalteten Gottesdiensten auf dem richtigen Weg. „Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind evangelisch, aber man hat oft den Eindruck, dass sich unsere Kirche abschottet. Dabei sei es nichts Schlimmes, das Vaterunser auf Französisch zu sprechen. Und es sei auch nichts Schlimmes, kein Paul-Gerhardt-Lied zu kennen.“

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