Von politischer Kirche und einer Zukunft im Einkaufskorb

Und sie bewegt sich doch. Auf dem Zukunftskongress am 6. und 7. Juli wird die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg zeigen, dass sie alles andere ist als statisch. Mit spannenden Projekten nutzen die einzelnen Kirchengemeinden den Zukunftskongress als Plattform, um unter Beweis zu stellen, wie vielfältig und jung das Gemeindeleben vielerorts gestaltet wird.

 

Mehr als 30 Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Einrichtungen und Werke sind der Einladung gefolgt und präsentieren ihre Projekte und Ideen im Rahmen des Zukunftskongresses. Was ist zukunftsfähig? Wo und wie reagieren wir kreativ auf veränderte Herausforderungen?


Die Projekte umfassen:


- gelungene Kooperationen
- neue Konzepte aus der Praxis
- Ideen zur Nachhaltigkeit
- Gottesdienstformen
- spannende Aktionen
- Kreatives
- und, und, und …


Lassen Sie interessante Ideen auf sich wirken.
Lassen Sie uns ins Gespräch kommen.
Lassen Sie uns Erfahrungen austauschen.
Lassen Sie uns in die Zukunft schauen.


Alle weiteren Informationen, die Übersicht und der Lageplan hier.

 

Einige der Akteurinnen und Akteure haben schon vor dem großen Delegiertentreffen einen Einblick in ihre zukunftsweisende Arbeit gewährt.

 

Ein Bericht von Anke Brockmeyer

 

„Die Marktmacht nutzen“

Maria Halbach: "Verbraucher können viel bewegen"

Wenn Marie Halbach von ihrem Alltag erzählt, sprudeln die Worte nur so. Es ist spürbar, dass die 28-Jährige in einem Bereich arbeitet, der ihr am Herzen liegt: Seit September leitet sie das Pilotprojekt „Zukunft einkaufen“ im Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven. Umweltbewusster einkaufen, Ressourcen schonen, auf die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern schauen – das sind Ziele, die der Kirchenkreis mit Marie Halbachs Hilfe erreichen will, denn: „Die Verbraucherinnen und Verbraucher können in der Masse unglaublich viel mehr bewegen, als wenn sie immer nur auf die Politik warten“, sagt sie. Am Beispiel von sechs Gemeinden und dem Diakonischen Werk Friesland-Wilhelmshaven soll das bisherige Einkaufs- und Konsumverhalten auf den Prüfstand. Die Ergebnisse dieser Pilotphase werden im Laufe des Prozesses auch den anderen Gemeinden zugänglich gemacht. „Schließlich soll ja nicht jede Gemeinde das Rad neu erfinden.“

 

Küster, Reinigungspersonal, Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenbüroteams, Ehrenamtliche – sie alle müssen ins Boot geholt werden, um eine ökofaire Beschaffung zum Erfolg zu bringen. Und nicht zuletzt hat die Projektleiterin auch die nächste Generation im Blick, erklärt Konfirmandinnen und Konfirmanden beispielsweise, wie Handys produziert und entsorgt werden, welche Probleme bei diesen Prozessen entstehen und vor allen Dingen, wie sie sich als Handynutzerinnen und -nutzer für eine Lösung dieser Probleme stark machen können. „Kinder und Jugendliche für das Thema Umweltschutz zu sensibilisieren, ist mir ganz wichtig.“ Entscheidend für das Gelingen des Projektes ist es, die Menschen zu überzeugen. Dafür greift Marie Halbach auch schon mal zu unkonventionellen Mitteln wie der blinden Teeverkostung. „Dabei stellte sich heraus, dass die Gemeindeglieder, die zuvor um ihre langjährige Teesorte gekämpft hatten, diese gar nicht herausschmecken konnten. Jetzt gibt´s dort fair gehandelten Tee“, freut sie sich.

 

Dass gerade die Kirche ein Vorhaben wie „Zukunft einkaufen“ startet, lässt sich mit der tief verwurzelten christlichen Überzeugung zur Bewahrung der Schöpfung schnell erklären. Doch es gibt auch eine ganz pragmatische und ökonomische Motivation: „Die christlichen Kirchen in Deutschland geben pro Jahr 60 Milliarden Euro aus. Dadurch entsteht eine unglaubliche Marktmacht“, erklärt Marie Halbach. Die Projektleiterin ist Expertin für das Zusammenspiel von Umweltbedingungen und wirtschaftlicher Entwicklung. Sie studierte Geografie mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik, dann, nach Praktika bei internationalen Unternehmen und Organisationen, absolvierte sie noch ein Masterstudium in Umweltpolitik und Management. Strukturiert, mit kühlem Kopf und gleichzeitig mit einem großen Ziel vor Augen füllt sie ihre Stelle aus. Sie arbeitet Einkauflisten des Vorjahres durch, um sich einen Überblick über Waren und Konsum zu verschaffen, überprüft den Stromverbrauch. Wie viele Blumen werden im Kirchenjahr gebraucht, woher kommen sie? Welchen Kaffee verwenden die Gemeinden, welche Putzmittel stehen im Schrank, welche Art von Papier liegt im Drucker? Die akribische Bestandsaufnahme ist wichtig, um bei möglichen Lie- feranten Angebote einzuholen und auch, um in einigen Bereichen Einsparpotenziale aufzuzeigen, die Gelder freimachen, um recycelte oder fair gehandelte – und damit häufig etwas teurere – Produkte statt der konventionellen Waren einkaufen zu können. Trotz ihrer analytischen Herangehensweise sind ihre Tipps einfach und alltagstauglich: Etwa, den Computerbildschirm auszuschalten, um Strom zu sparen. Oder Putzmittel zu kaufen, auf denen keine Gefahrensymbole prangen – die Produktliste gibt´s gleich dazu.

 

Im Gespräch mit langjährigen Lieferanten sei oft einiges möglich, weiß Marie Halbach. Denn die möchten einen großen Auftraggeber nicht verlieren und zeigen sich deshalb meistens sehr flexibel. Doch auch hier geht nichts ohne detaillierte Recherche. Sind die Rosen aus einem niederländischen Gewächshaus tatsächlich besser als die aus Afrika? Welches Recyclingpapier ist das umweltfreundlichste? Was steckt hinter den Öko-Labels? „Zu jedem Themengebiet versuche ich, mir möglichst großes Fachwissen anzueignen, um mit Produzenten auf Augenhöhe verhandeln zu können“, sagt sie. Eine Arbeit, die längst nicht immer mit dem Feierabend endet. „Für mich ist Umweltschutz und soziale Verantwortung eine Lebenseinstellung. Nur so kann ich glaubwürdig sein.“

 

Gemeindeleben für die Ohren

Das Team "Katharina on the waves", unterstützt von Hörfunkjournalist Wolfgang Stelljes

Heute ist schulfrei im Gymnasium Bad Zwischenahn. Und während sich die meisten Schülerinnen und Schüler noch einmal gemütlich im Bett umdrehen, sitzt Florian schon voll konzentriert mit Kopfhörern vor seinem Laptop und sucht Musik für eine Radiosendung heraus. Der 14-Jährige ist einer von neun Teilnehmenden an einem Radioprojekt, das die Gemeinde Rostrup 2010 für Konfirmandinnen und Konfirmanden ins Leben gerufen hat. Mittlerweile haben fast alle von ihnen die Konfirmation hinter sich – und sind dem Projekt treu geblieben. „Katharina on the waves“ nennt sich das Team, die Adaption an die Band „Katrina and the Waves“ ist passend gewählt: Die Jugendlichen gehören zur Katharina- Kirche in Rostrup, und die Radiowellen, die sie über den Äther schicken, können sich hören lassen.

 

„Ich finde es toll, wie die Jugendlichen sich hier einsetzen. Dass sie, wie heute, einen schulfreien Vormittag opfern, ist keine Ausnahme“, sagt Wolf- gang Stelljes. Der Hörfunkredakteur des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsen (ekn) betreut die Gruppe seit ihren Anfängen gemeinsam mit Kreisjugendpfarrer Stefan Bohlen. „In diesem Projekt kommen ganz viele Aspekte zusammen“, erklärt Bohlen. „Die Jugendlichen können sich selbst ausprobieren, lernen die Technik kennen, setzen sich mit ihrer Lebenswelt auseinander und nähern sich kirchlichen Zusammenhängen und Glaubenswelten auf eine ganz neue Art.“ Gottesbilder verschiedener Generationen, das Porträt einer Ten Sing-Gruppe oder ein Interview mit der Kinderbuchautorin Miriam Pressler – ohne Scheu und mit immer mehr Erfahrung ziehen die Kids mit dem Mikrofon los, sammeln O-Töne, schneiden sie zusammen und liefern Beiträge, die normalerweise innerhalb des Bürgerfunkprogramms der Kirchenradiogruppe „KR 55“ bei dem Lokalsender „oldenburg eins“ gesendet werden.

 

Heute aber wartet eine neue Herausforderung auf die Gruppe: Zum ersten Mal werden nicht einzelne Beiträge produziert, sondern eine einstündige Sendung komplett zusammengestellt. Wie viele Wortbeiträge darf es geben? Wie lang sollen sie sein? Welche Musik gibt´s zwischendurch? All das besprechen die Jugendlichen an diesem schulfreien Vormittag mit Wolfgang Stelljes. Und man merkt: Hier sind mittlerweile Profis am Werk, die genau wissen, was sie wollen.

 

Dabei waren die Anfänge teilweise ernüchternd. Der Beitrag über die Kleiderwahl zur Konfirmation beispielsweise, für den auch eine alte Dame im Seniorenheim interviewt werden sollte. „Sie hat eine halbe Stunde über ihre Konfirmation erzählt – und dann stellte sich heraus, dass sie sich ausgerechnet an ihr Kleid leider nicht mehr erinnern konnte“, erzählt Rona. Oder der Bericht über eine Fast-Food-Kette, mühevoll geschnitten und fertiggestellt. Zu viel Werbung, befand Stelljes und ließ die Jugendlichen nochmal neu anfangen. Doch die jungen Radiomacher ließen sich nicht entmutigen.

 

„Es macht einfach Spaß. Und wir sind ein gutes Team“, bringt Rona auf den Punkt, was auch die anderen empfinden. „Für unseren ersten kleinen Beitrag haben wir drei Stunden gebraucht“, erinnert sich Anna. Und auch wenn das inzwischen schneller geht, wissen die Jugendlichen mittlerweile, wie viel Arbeit in einer Radiosendung steckt, die scheinbar so locker über den Äther kommt. Sehen sie die Arbeit der hauptberuflichen Rundfunkjournalistinnen und Rundfunkjournalisten durch die eigene Erfahrung seither mit anderen Augen? „Ich höre jetzt schon anders zu, weil ich weiß, was da im Studio passiert“, sagt Christopher. „Nee“, widerspricht Rona, „ich schalte immer noch um auf Musik, wenn ein langweiliger Wortbeitrag kommt.“ Deshalb gibt´s in ihrer eigenen Sendung neben spannenden Themen auch jede Menge Musik – denn umschalten sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer hier schließlich nicht.

 

Ein Bauwagen wird seefest

Jugendarbeit im Bauwagen

„Wir müssen weg von dem Kirchturmgedanken“, sagt Uwe Schwarting und  meint damit die Vorstellung, Kirche könne ausschließlich an einem festen Ort verankert sein. „Nur mit flexiblen und mobilen Angeboten sind wir zukunftsfähig.“ Und deshalb hat der Jugendtreff, den Schwarting anbietet, Räder statt eines Kirchturms. Mit einem Bauwagen macht er sich auf den Weg dorthin, wo die Kids in der ländlich geprägten Region rund um Wardenburg ihn gut erreichen können. Ursprünglich gab es in den Gemeindehäusern in Wardenburg Jugendtreffs, doch für viele Jugendliche, die gern gekommen wären, war der Weg dorthin zu weit.

 

Immer konkreter wurde deshalb bei Uwe Schwarting die Idee, einen mobilen Treffpunkt anzubieten. Als er im Internet einen Bauwagen entdeckte, der zu ersteigern war, griff er zu. Drei Jahre lang hat er gemeinsam mit Jugendlichen den ausgemusterten Anhänger umgebaut, Fenster und Regale eingepasst, Möbel besorgt, Stoff für Vorhänge ausgesucht. Die Segelerfahrung eines der Teilnehmer kam dem Projekt dabei zugute: Damit beim Transport des Wagens nichts zu Bruch gehen kann, wurde alles „seefest“ verstaut. Dann endlich konnte das erste Bauwagenprojekt im Ortsteil Littel starten. Zwei Tage in der Woche, jeden Donnerstag und Freitag, steht der Bauwagen nun dort.

 

Dienstags ist er für die Kids in Höven und ihre ehrenamtlichen Betreuerinnen Carina Bolling und Ann-Christin Cordes reserviert. Im Winter wird der Wagen mit dem Trecker zum Treffpunkt gebracht. In den anderen Monaten, wenn die Landmaschi- nen auf dem Feld gebraucht werden, stellt die Wardenburger Firma Schelling einen Unimog zum Transport zur Verfügung. Der Jugendtreff sei „eine Freizeitaktivität ohne Verpflichtungen. Uns geht es um das Zusammensein, und natürlich ist uns auch die Auseinandersetzung mit christlichen Inhalten und Werten wichtig“, sagt Schwarting. Ob Freiwillige Feuerwehr, Spielmannszug, Fußballmannschaft oder Reitverein – überall stehe eine Leistung, eine Erwartungshaltung im Mittelpunkt. Bei Carina Bolling und Uwe Schwarting dagegen kommen die Kids vollkommen zwanglos zusammen. „Es ist klasse, hier einfach Freunde treffen zu können“, finden Christin und Lukas. Seit dem Start des Bauwagenprojektes in Höven im vergangenen Sommer sind sie regelmäßig dabei und genießen die Abende im Kreis von Gleichaltrigen. In der Weihnachtszeit backen sie zusammen, es gibt Filmabende, gemeinsame Unternehmungen, im Sommer ist eine Übernachtung im Bauwagen geplant. Doch ein festes Programm ist gar nicht so wichtig – meistens treffen sich die Kids einfach und reden, spielen zusammen, haben Spaß.

 

Ein Bauwagenprojekt, wo Jugendliche einfach mal nichts tun? Was frühere Elterngenerationen auf die Barrikaden gebracht hätte, löst heute Begeisterung aus. „Wir sind in Littel mit offenen Armen empfangen worden“, sagt Uwe Schwarting. Und in Höven war es sogar der Bürgerverein, der auf die Initiatoren zugekommen ist. Jetzt gibt es die Bitte einiger Eltern, den Bauwagen schon für Viertklässler an einem Tag in der Woche bereitzustellen. „Nach der Grundschule verteilen sich die Kinder auf unterschiedliche Schulen in Wardenburg und Oldenburg und verlieren sich aus den Augen. Deshalb hatten die Eltern die Idee, einen festen Treffpunkt für sie anzubieten“, erzählt Carina Bolling. Ein Vorschlag, der beim Bauwagen-Team auf große Zustimmung stößt, denn: „Wir hatten eigentlich die Altersgruppe von der Konfirmation aufwärts im Blick. Aber die Jugendlichen sind schulisch stark eingespannt, da bleibt wenig Freizeit. Deshalb ist es sinnvoll, sich auf Jüngere zu konzentrieren.“ Die nächste Generation der Bauwagen-Kids ist damit schon so gut wie gesichert.

 

Kirche soll politisch sein

Axel Erdmann links) und Thomas Meyer finden: "Kirche muss Stellung beziehen"

Diese Frage stellt sich für Thomas Meyer nicht mehr. „Eindeutig ja. Diese Rückmeldung bekommen wir mit der Citykirche ganz klar“, sagt der Pfarrer der Stadtkirche Delmenhorst, die seit gut drei Jahren als Citykirche auch politischen und kulturellen Veranstaltungen Raum bietet. Anders als in Großstädten, wo das Konzept der Citykirche aus der Not entstand, Innenstadtkirchen mit immer weniger Gemeindegliedern neu mit Leben zu füllen, gibt es in der Delmenhorster Stadtkirche ein funktionierendes Gemeindegefüge. Dennoch entschloss sich der Gemeindekirchenrat vor gut fünf Jahren, den Standort im Stadtzentrum, nur wenige Minuten von der Fußgängerzone entfernt, optimal zu nutzen.

 

„Als ich mich hier beworben habe, hatte die Aussicht, Citykirchenarbeit aufbauen zu dürfen, einen ganz besonderen Reiz für mich“, erklärt Meyer. Gemeinsam mit dem Gemeindekirchenrat und in Zusammenarbeit mit kirchlichen und außerkirchlichen Institutionen stellt er ein Programm mit Konzerten, Lesungen, Vorträgen und Diskussionen zusammen, das „Hemmschwellen abbaut und Menschen in unsere Kirche holt, die sonst nicht kommen würden“, beschreibt er. In Axel Erdmann, dem stellvertretenden Leiter der evangelischen Familien-Bildungsstätte Delmenhorst/Oldenburg-Land, hat Thomas Meyer dabei einen besonders engagierten Mitstreiter gefunden.

 

Mit ihrem Kulturprogramm greift die Citykirche immer wieder auch aktuelle und brisante Themen auf. Kinderarmut etwa, in Delmenhorst mit einer Arbeitslosenquote von 11,1 Prozent (Stand April 2012) ein großes Problem. Oder Rechtsradikalismus, Seniorenpolitik, Computersucht. „Wir zeigen: Kirche macht ’was. Kirche bezieht Stellung. Das nehmen die Leute wahr“, sagt Axel Erdmann. In speziellen Gottesdiensten, den „GoSpecials“, werden zudem wichtige Themen aufgegriffen: die Ermordung Martin Luther Kings beispielsweise, die deutsche Wiedervereinigung oder die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Terroranschlags vom 11. September. „Wir haben einen hohen Anspruch an die Qualität“, betont Thomas Meyer. Ein Anspruch, der angesichts der schmalen Budgets manchmal zur Zitterpartie wird. 3.000 Euro stehen ihm in diesem Haushaltsjahr für die Citykirche zur Verfügung. Nicht immer sind die Gagen mit den Eintrittsgeldern gedeckt. Denn die Zielgruppe für diese spezielle Art der Veranstaltungen ist in einer kleinen Stadt wie Delmenhorst überschaubar. Da ist es hilfreich, wenn Referentinnen und Referenten, wie es immer mal wieder vorkommt, auf einen Teil ihrer Honorare verzichten. „Das liegt auch an dem Veranstaltungsort“, erklärt Erdmann. „Wir sind nicht die ‚Eventagentur Meyer-Erdmann‘, sondern es ist die Kirche, die sich äußert und Raum bietet, und so wird es auch wahrgenommen.“ Und tatsächlich hat das Geld bisher immer gereicht, auch dank Sachund Geldspenden aus der Region.

 

„Die Veranstaltungen, Flyer, Berichterstattung in der örtlichen Presse – all das ist auch Öffentlichkeitsarbeit“, macht Thomas Meyer deutlich. Und die wirkt: Mittlerweile müssen sich Familien- Bildungsstätte und Kirche nicht mehr ausschließlich aktiv um Veranstaltungen kümmern, sondern sie bekommen auch Anfragen, ob die Citykirche an bestimmten Veranstaltungen interessiert sei. Neue „Schäfchen“ gewinne er dadurch vermutlich nicht, zeigt sich der Pfarrer nüchtern. „Wer einen Vortrag besucht hat, wird noch nicht unbedingt am nächsten Sonntag beim Kirchkaffee dabei sein. Da bin ich realistisch.“ Entscheidend aber sei, dass ein zusätzliches Bild der Kirche vermittelt werde: einer Kirche, die sich einmischt, die Position bezieht. Denn: „Wenn Kirche meint, sich politisch besser herauszuhalten, verhält sie sich damit auch politisch“, findet Axel Erdmann. Und deshalb hat sich das Team der Citykirche eines für die Zukunft fest vorgenommen: immer am Puls der Zeit zu sein und offensiv Themen anzusprechen, die die Menschen bewegen.

 

Kirche wird prominent

Die Macher von "Schaufenster Kirche" haben aktuelle Themen im Blick.

„Ich kenn´ Sie – arbeiten Sie nicht beim Fernsehen?“ Sätze wie dieser sind keine Seltenheit: In den 13 Jahren des Bestehens vom „Schaufenster Kirche“ haben es die Akteurinnen und Akteure der Kirchen- TV-Plattform in der Wesermarsch zu regionaler Berühmtheit gebracht. „Das zeigt, dass wir gesehen werden“, freut sich Hans-Wilhelm Biermann. Gemeinsam mit dem Medienspezialisten Dettmar Neels hatte der Pastor aus Abbehausen „Schaufenster Kirche“ 1999 auf die Beine gestellt.

 

Mittlerweile besteht das Team aus sieben Männern und einer Frau, die alle gelernt haben, mit der Kamera umzugehen und es (manchmal) sogar schaffen, sich an die berühmten „einsdreißig“ zu halten – jene Berichtlänge, die unter Fachleuten als perfekt für einen Beitrag gilt, denn: „Länger als anderthalb Minuten hört kaum jemand wirklich intensiv zu“, weiß Neels. Doch Theorie und Praxis sind zweierlei. „Diese Zeit ist oft zu kurz, um alles rüberzubringen, was wichtig ist“, sagt Ute Mehlhorn, Pfarrerin in Lemwerder. Immer wieder „schmuggeln“ deshalb die Hobbyfilmer längere Beiträge ins Programm, erzählt Neels augenzwinkernd.

 

Der Anspruch, den die Gruppe an die eigene Arbeit hat, ist hoch. „Wir werden mit dem Profi-Fernsehen verglichen. Wackelbilder oder schlechten Ton können wir uns nicht leisten“, betont Dettmar Neels. Und auch bei der Kameraführung orientieren sich die Macher vom „Schaufenster Kirche“ an den etablierten Sendern: „Bundeskanzlerin Merkel muss erst mal über den Flur gehen, bevor sie für ein Interview frontal vor der Kamera steht. Das machen wir mit unseren Ansprechpartnerinnen und -partnern auch so – wir bedienen die Sehgewohnheiten der Zuschauerinnen und Zuschauer.“ Neels, Fachmann sowohl im Bereich Audio und Video als auch im Internet, sorgt beim „Schaufenster Kirche“ dafür, dass die Qualität stimmt. „Er macht aus dem Kram, den wir abgeben, Profi-Material“, bringt es Pfarrer Hartmut Blankemeyer aus Langwarden auf den Punkt.

 

Nachdem zunächst nur aus Butjadingen berichtet wurde, ist der Aktionsradius seit dem Zusammenschluss mit dem Kirchenkreis Stedingen 2007 zum Kirchenkreis Wesermarsch erheblich größer geworden. Zudem gibt es mit Thomas Cziepluch aus Oldenburg-Osternburg und Lars Löwensen aus Wildeshausen noch zwei „Auslandskorrespondenten“, die durch ihre früheren Pfarrstellen in der Wesermarsch zum „Schaufenster Kirche“ gekommen sind und dem Portal weiterhin die Treue halten. So arbeitsintensiv das Projekt auch ist – für einen Beitrag gehen schnell mehrere Stunden ins Land –, so viel Spaß macht es den Beteiligten auch. „Es ist spannend zu sehen, was so im Kirchenkreis los ist. Man bekommt einen Blick über den Tellerrand“, beschreibt Ute Mehlhorn den Reiz der Arbeit.

 

Wie sehr die Zuschauerinnen und Zuschauer das Angebot schätzen, erleben die Mitwirkenden immer wieder über das positive Feedback auf der Internetseite. „Es ist ein außergewöhnliches Projekt, das eine große Akzeptanz erfährt“, sagt Thomas Cziepluch. „Nicht nur die Zuschauer, auch wir bekommen durch die Arbeit viele Informationen über den gesamten großen Kirchenkreis“, ergänzt Hartmut Blankemeyer. Die Themen von „Schaufenster Kirche“ sind vielfältig. Passende Beiträge zum Kirchenjahr, Aktuelles, aber auch zeitlose Berichte bilden eine Mixtur, die ankommt. Saure-Gurken-Zeit? Nicht hier. „Als ich anfing, habe ich mich gefragt, ob wir überhaupt genügend Themen finden können“, erinnert sich Hans- Wilhelm Biermann. „Ich war erstaunt, wie viele mir sofort eingefallen sind.“ Und daran hat sich in diesem bunten Team bis heute nichts geändert.

 

„Schaufenster Kirche“ ist im Fernsehen über Kabel zu empfangen (Radio Weser TV, jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat, 19 – 19.30 Uhr, oldenburg eins am 2. Freitag im Monat, 18 bis 18.30 Uhr). Die Beiträge können zudem jederzeit im Internet gesehen werden unter: www.schaufenster-Kirche.de

 

 

Der kleine Unterschied

Gleichstellungsbeauftragte der oldenburgischen Kirche: Gabriele Rüsch-Tillmanns.

„Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, auch ganz praktisch zu arbeiten und das Thema Gender nicht nur theoretisch anzugehen“, sagt Gabriele Rüsch- Tillmanns, Gleichstellungsbeauftragte der oldenburgischen Kirche. Mit dem Projekt zur Geschlechtergerechtigkeit ist sie nun mittendrin – in der Praxis, und in der Kirchengemeinde Oldenburg-Osternburg, in der seit einem Jahr nach dem „kleinen Unterschied“ gesucht wird: Wer führt eigentlich Besuchsdienste durch? Wer gestaltet Gottesdienste? Sprechen Arbeitskreise eher Männer an oder Frauen? Wie gehen die Kindertagesstätten mit Mädchen und Jungen um? Es ist ein weites Feld, auf dem um Geschlechtergerechtigkeit gerungen wird.

 

„,Ungerechtigkeiten‘ werden zum Teil nicht als solche wahrgenommen“, betont die Gleichstellungsbeauftragte. „Wir transportieren noch immer Klischees und haben bestimmte Denkmuster“, ergänzt Susanne Duwe. Die Pfarrerin in Osternburg, Mitglied im Beirat der Gleichstellungsbeauftragten, arbeitet gemeinsam mit Rüsch-Tillmanns an dem Projekt. Mit dabei sind noch vier weitere Frauen – die Gemeindekirchenrätinnen Sabine Barghoorn-Zugermeier und Andrea Gellern, Pfarrerin Anne Jaborg und Diakonin Wiebke Lüthe – und ein Mann: Pfarrer Thomas Cziepluch. „Gleichstellung kann nur mit Männern zusammen passieren. Außerdem haben Männer häufig einen anderen Blickwinkel“, erklärt Gabriele Rüsch-Tillmanns, warum es den Frauen so wichtig war, nicht unter sich zu bleiben.

 

Die Zeiten, in denen die Frau den Kaffee gereicht habe und der Mann das Amt des Kirchenältesten innehatte, seien definitiv vorbei, stellt Susanne Duwe fest. Doch noch immer hätten die Gemeindekirchenräte überwiegend männliche Vorsitzende. Und in der Landessynode mit rund 40 Prozent weiblichen Mitgliedern und einer Präsidentin seien die Vorsitze der Ausschüsse bis auf einen ausschließlich mit Männern besetzt, gibt Gabriele Rüsch- Tillmanns zwei Beispiele. Zwar habe Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche einen hohen Stellenwert, aber: „Die Kirche ist auch ganz klar Spiegelbild der Gesellschaft“, weiß sie. Den Blick zu schärfen für diese Phänomene und eingefahrene Verhaltensmuster stärker zu reflektieren, ist Ziel des Projektes. Auf den Prüfstand kommen viele Bereiche des Kirchenalltags, der Gemeindebrief ebenso wie die Konfirmandenarbeit, die Gottesdienste und die Kindertagesstätten.

 

In der Kita St. Johannes trägt das Gender- Projekt schon erste Früchte: Passend zur Fußball-Europameisterschaft im Juni wurden feste Spielzeiten für Jungen und Mädchen auf dem Bolzplatz eingerichtet. Denn es stellte sich heraus, dass auch die Mädchen gern mal kicken möchten, sich aber nicht trauen, wenn die Jungs das Fußballfeld schon erstürmt haben. Und auch bei den Konfis ist Geschlechtergerechtigkeit ein Thema: Hier haben sich in den vergangenen Jahren Teams bewährt, die von einer Pfarrerin und einem Pfarrer gemeinsam geleitet werden. Im Rahmen der Sommerkirche sind nun zwei besondere Gottesdienste geplant: Eine Männerund eine Frauengruppe werden jeweils einen Gottesdienst zum gleichen Thema gestalten – aber vermutlich ganz verschieden. „Und gerade das macht es aus“, ist Susanne Duwe überzeugt. „Wenn Frauen und Männer sich gleichermaßen einbringen, bekommen wir eine gerechtere und damit lebendigere Gemeindearbeit, die alle anspricht.“

 

„Kirche bunt und fröhlich präsentieren“

Entwickelt maßgeschneiderte Konfimodelle: Meike Wendt

Jugendgottesdienst auf der einen, traditioneller Gottesdienst auf der anderen Seite – das ist für Meike Wendt keine Zukunftsperspektive. „Ich wünsche mir, dass das mehr zusammenwächst. Wenn ich manche Gottesdienste am Sonntag sehe, in denen 40 Konfirmandinnen und Konfirmanden sitzen, aber diese Zielgruppe gar nicht in der Liturgie berücksichtigt wird – da muss sich etwas ändern.“ Meike Wendt weiß, wovon sie spricht: Die Gemeindepfarrerin in Bösel ist landeskirchliche Beauftragte für die Konfirmandenarbeit.

 

Konfi-Camp, Konfirmandenunterricht in veränderten Zeit- und Arbeitsformen, Workshops statt stures Pauken – die Konfirmandenzeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten extrem gewandelt. Zum Glück, findet Meike Wendt. Zum einen seien neue Zeitmodelle notwendig geworden, weil die Schule immer weniger Raum für andere Aktivitäten lasse, zum anderen habe sich die Lebenswelt der Jugendlichen verändert. Auch darauf müsse man reagieren, um den Konfirmandenunterricht attraktiv zu gestalten. Eine neue Herangehensweise ändere nichts daran, dass eine Verbindlichkeit im Konfirmandenunterricht wichtig bleibe, betont sie. „Wenn wir Gruppenarbeit anbieten, ein Quiz veranstalten, dann steckt dahinter professionelle Methodik und Didaktik. Die Kids lernen – und haben auch noch Spaß dabei“, erklärt sie.

 

Bei den Jugendlichen kommt das ganz offensichtlich an: Der überwiegende Teil der Konfirmandinnen und Konfirmanden sagt in einer entsprechenden Studie (siehe www.konfirmandenarbeit.eu) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dass die Konfirmandenzeit ihnen wichtige Grundlagen gegeben habe, um über ihren Glauben entscheiden zu können. Gerade die Gruppenfahrten seien ganz wichtig, weiß die Pfarrerin: „Religiosität vollzieht sich in diesem Alter über Gemeinschaftserfahrung.“ Zudem habe sich das Bild der Kirche gewandelt, sie sei offener geworden, auch Kritik gegenüber. „Gerade in der Gruppe erleben die Jugendlichen, dass ihre Freunde vielleicht ganz andere Fragen stellen als sie selbst, ältere Menschen andere als junge – und dass alle Menschen mit ihren Fragen in der Kirche einen Ort haben.“

 

Als Ansprechpartnerin für die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch für die Gemeindekirchenräte entwickelt Meike Wendt gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort individuelle Zeitmodelle, zugeschnitten auf die Bedürfnisse einzelner Gemeinden, macht Vorschläge, bietet Netzwerke und Fortbildungen an. Neue Wege zu finden ist auch das Thema des Arbeitskreises Konfirmandenunterreicht beim Zukunftskongress: Mit einem „Konzeptomaten“ werden maßgeschneiderte Konfi-Modelle für einzelne Gemeinden entwickelt, in einem Workshop sollen neue Ideen entstehen, „die noch nicht vorgedacht sind“.

 

Die Weiterbildung in der Konfirmandenarbeit liegt Meike Wendt besonders am Herzen. „Hier bekommt man neue Impulse, verlässt eingefahrene Wege und gewinnt neuen Spaß an der Arbeit, die sonst schnell zur ungeliebten Routine werden kann“, weiß die 49-Jährige. „Viele Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer sind so eingespannt, dass ihnen kaum Zeit für diese Fortbildungen bleibt, doch letztendlich profitiert man lange davon“, plädiert sie für ein Umdenken. Den Blick dafür zu schärfen, Neues wahrzunehmen und zu erkennen, dass es tausend Möglichkeiten der Konfirmandenarbeit gebe, darin sieht Meike Wendt ihr erklärtes Ziel. Für sie gehört dazu auch, Konfirmandinnen und Konfirmanden viel stärker in die Gottesdienste einzubinden. „In Oldenburg werden 6.000 Jugendliche jedes Jahr konfirmiert, die regelmäßig in die Gottesdienste gehen. Das ist eine tolle Chance, Kirche in einer fröhlichen, zukunftsweisenden, bunten Art zu präsentieren.“

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