Rezensionen

 

Christian Eyselein, Rußlanddeutsche Aussiedler verstehen. Praktisch-theologische Zugänge, Leipzig 2006.

 

Das Buch von Christian Eyselein ist nach wie vor eine lesenswerte Einführung in die russlanddeutsche Mentalitätsgeschichte. In Grundzügen bietet es historische Einordnungen und migrationsgeschichtliche Abläufe. Außerdem finden sich Erläuterungen zu spezifischen ethnischen und religiösen Prägungen. Dieses Buch sollte für Kirchengemeinden mit Aussiedleranteilen immer noch zum Standard gehören. 

 

Christian Eyselein, Russlanddeutsche – Lebendige Brücken. Versuch einer Zwischenbilanz nach 25 Jahren, in: Deutsches Pfarrerblatt Heft 10/2014.

 

Gegenüber dem Buch „Rußlanddeutsche Aussiedler verstehen“ von 2006 resümiert der Autor in diesem Beitrag 2014 den heutigen Integrationsstand nach 25 Jahren Zuwanderung. These ist dabei, dass gerade Aussiedler aufgrund ihrer Erfahrungen Brückenbauer oder  Brückenbauerinnen in und auch für unsere Gesellschaft sind oder sein können. Sie haben hier eine hohe Kompetenz sowohl geschichtlich mitbekommen als auch durch ihre eigenen Biographien der Einwanderung erworben und erfolgreich umgesetzt. Strittig bleibt allerdings, ob gerade die jungen Generationen diesen Anspruch, lebendige Brücken sein zu wollen, auch wirklich an sich selber so haben, wie Eyselein hier wohl unterstellt.

 

Susanne Worbs, Eva Bund, Martin Kohls, Christian Brabka von Gostowki, (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Eine Analyse aktueller Daten und Forschungsergebnisse, Forschungsbericht 20, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2013.

 

Das Integrationsklima wird von Aussiedlern positiv beschrieben. Das ist ein Fazit des Forschungsberichtes des BAMF. Das führt anders als bei weiteren Einwanderungsgruppen zur langfristigen Zukunftsplanung in Deutschland. Aber auch das religiöse Leben spielt eine wichtige Rolle. Es haben sich gerade die evangelischen Kirchengemeinden als Übergangsorte für die Anforderungen der aufnehmenden Gesellschaft bewährt. Dabei zeigt sich, dass es im volkskirchlichen Umfeld und für Nichtkirchliche gute Übergänge in die säkularchristlichen Lebensumstände gibt. Sie empfinden im Allgemeinen heute ein gutes Lebensklima. Allerdings gibt es auch religiöse Gruppen – gerade Freikirchen -, die mit Rückzug, Abschottung und „Ethnokonfessionalismus“ auf die neuen Herausforderungen reagiert haben. Grundsätzlich haben aber allen voran die über 40% EKD-Mitglieder unter den Aussiedlern eine positive, wenn auch eher passive Beziehung zur Kirche und Gesellschaft erworben.

 

Frauke Lieberum, Russlanddeutsche in den Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche. Bekannte und unbekannte Gemeindeglieder, Bremen 2015.

 

Mit einer Bestandaufnahme zur Beheimatung russlanddeutscher Gemeindeglieder in der Bremischen Kirche bietet dieses kurzweilig zu lesende Buch einen guten Einblick in die großstädtische Situation von Aussiedlerarbeit und Gemeindebindung. Dabei führt es sowohl in die Geschichte, Traditionsbüche und Migrationserfahrungen ein als auch in das konkrete und erstaunlich bunte Gemeindeleben vor Ort (einschl. statistischer Zahlen). Dabei zeigt sich, dass vieles beim kirchlichen Einleben geglückt ist, jedoch nicht für alle Generationen und Milieus gleichermaßen. Der abschließende Ausblick in die Zukunft macht deutlich, dass über viele besondere Prägungen der Aussiedler immer noch häufig kaum Kenntnisse herrschen, weshalb auf viele Erwartungen oder theologische Positionen (bspw. Kreuzsegnungswünsche, Taufverständnis, Geselligkeitsformen) nicht selten missverständlich reagiert wird. Dass hier die größte Gruppe, die seit 1945 in die Kirche eingewandert wird, in ihrem WIR-Gefühl noch immer zu wenig wahrgenommen wird, zeigt an, dass eine nachhaltiges Kennenlernen in Manchem noch aussteht.

 

 

Olga Kurilo, Russlanddeutsche als kulturelle Hybride. Schicksal einer Mischkultur im 21. Jahrhundert, in: Kaiser, Markus, Schönhuth, Michael (Hg.): Zuhause? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, 53-72,

und:

Svetlana Kiel, Heterogene Selbstbilder. Identitätsentwürfe und –strategien bei russlanddeutschen (Spät-) Aussiedlern, in: Kaiser, Markus, Schönhuth, Michael (Hg.): Zuhause? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, 73-89.

 

In diesen beiden Aufsätzen kommen zwei Aussiedlerinnen selber zu Wort, die mit modernem soziologischem Vokabular die Eigenheiten russlanddeutscher Herkunft und Gegenwart aufdecken. Mit Kurilos Hypriditätsthese stellt sich die russlanddeutsche Community als ein Paradebeispiel zeitgenössischer Mischkultur da, die tiefe Wurzeln in der Geschichte hat, nun sich aber neu aufzustellen hat. Kiels Ansatz, von den Selbstbildern her zu denken, ist verblüffend einsichtig. Sie lässt wahrnehmen, dass Russlanddeutsche ihre zugleich sowjetisch-russische und deutsche Prägung verschieden beurteilen. Sie nennt Typen, die entweder ihre Hypridität als Bereicherung selbstbewusst auffassen oder aber entgegengesetzt auch als heutigen Makel in Deutschland. Dritte verfallen in einen Ethnokonfessionalismus und übertragen den religiösen Erweckungsgedanken auf das ethnische Selbstbild. Der letzte Typus, der v.a. in ethnisch gemischten Familien herrscht, trägt das Selbstbild des Sowjetmenschen in sich und versucht über Konzepte wie Völkerfreundschaft den multikulturellen Anschluss zu finden. Wer diese beiden Aufsätze liest, wird sich wundern, was für Unterschiede zur sogenannten Mehrheitskultur in den Kirchen herrschen, aber auch welcher Erfahrungs- und Lebensschatz, den man für neue Einwanderungszüge nach Deutschland fruchtbar machen sollte.          

 

Rezension: Eugen Litwinow: „Mein Name ist Eugen.“ Gespräche über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, Berlin 2013 (ISBN 978-3-00-043829-5)

„Mein Name ist Eugen“ ist ein im Format schönes und inhaltlich liebevoll geschriebenes Buch über dreizehn junge Aussiedler, die allesamt Mitte Ende Zwanzig sind und den Namen Eugen tragen. Doch dieser Name ist eingedeutscht; sie hießen vormals in den ehemaligen GUS-Staaten: Evgenij, als Kosename Shenja. Der Autor Eugen Litwinow, Berliner Photograph selben Alters, interviewt und lichtet Collage artig ab, für was dieser Namenswechsel symbolisch im Leben der jungen Leute steht. Was sagt er über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen aus? Dabei lässt der Autor die Sprechsprache der Befragten stehen, erklärt dazu ganz nebenbei im Glossar-Stil Fakten, die bei Russlanddeutschen ganz selbstverständlich zum Kulturschatz gehören. Das Buch nimmt einen dadurch ganz leicht in die Welt der jungen Leute hinein. Es bietet eine erfrischende Form moderner junger Gedächtniskultur dar. Mentalitätsgeschichte direkt aus dem Munde junger Menschen; wen das interessiert, dem oder der ist das Buch als Lektüre nur allzu gerne ans Herz gelegt.

 

 

Rezension: Ferdinand Stoll: Kasachstandeutsche

Kasachstandeutsche Migrationsstrategien im Übergang von ethnischer zu transnationaler Migration – aus der Sicht von Kasachstan, Krisslegg: Stoll – Verlag, 2007

 

Es wird den Lesern dieser ausgesprochen gut lesbaren Untersuchung nicht schwer fallen, schnell einen Zugang zum Thema zu finden. Dabei sollte der eher akademisch umständliche Titel des Buches keineswegs abschrecken, denn dieses Buch mit gutem Bildmaterial ist lesenswert. Die Grundthese steht zugegeben auch schon im eben skeptisch beäugten Titel selbst: Für Kasachstan verändert sich die Migrationswahrnehmung in den letzten Jahrzehnten. Und damit korrespondieren verschiedene Migrationsstrategien der Kasachstandeutschen und deren zuteilen ethnisch nicht deutschen Angehörigen.

 

Auf über 250 Seiten erschließt uns der Autor Ferdinand Stoll, selber als Journalist in Kasachstan tätig gewesen, die neueren Wege einer Migrationsforschung, die sich zunehmend darauf eingelassen hat, neben Ethnizität auch weitere Gründe für Migrationsgruppen ideologiefrei zuzulassen. So zeigt sich etwa, dass zwar Abstammung für die Sicherung der Ausreise nach Deutschland tief verankert ist in der Selbstwahrnehmung der heute fast durchgängig ethnisch gemischten kasachstandeutschen Familien, dass aber demgegenüber  die realen Beweggründe zur Ausreise nicht mehr allein aus der deutschen Kultur und Tradition verständlich gemacht werden können. Stoll zeigt auf, dass auch die geschichtlichen Wurzeln der Deportationsgenerationen zunehmend stereotypisch verwandt werden, da sie für die Ausreise nach Deutschland weiterhin von der Bundesrepublik aufgrund der Frage des Opferstatus abverlangt werden. Daneben stehen aber auch andere Beobachtungen: Für Jugendliche beispielsweise, die heute noch in Kasachstan leben, gibt es zwar über die deutsche Abstammung eine kasachstandeutsche Selbstzuschreibung, doch führt dies keineswegs immer dazu, sich etwa um den ausreichenden Spracherwerb zu kümmern.


Stoll zeigt durch ein methodisch vielfältig angelegtes Quellen- und Interviewverfahren Gründe für diese scheinbaren oder tatsächlichen Widersprüche auf. Er weist auf weltanschauliche Brüche und Wahrnehmungsunterschiede zwischen den Generationen, zwischen schon Eingereisten und noch Einreisewilligen, aber auch zwischen sogenannten „echten“ und „falschen“ Kasachstandeutschen hin. Er benennt Vorurteile und Klischees unterhalb der Kasachstandeutschen und Ressentiments gegenüber anderen ethnischen Gruppen. Ebenso lässt er Menschen zu Wort kommen, die ihre Hoffnungen, die sie mit der Ausreise verbinden, aussprechen. Hier liegt ohne Zweifel eine Stärke des Buches. Manche Antwort mag uns dabei gerne irritieren, gerade wenn es um die Erwartungshaltungen oder Zukunftsplanungen junger Leute geht.


Zuletzt bietet uns Stoll aber auch für diese Vielfalt von Erhebungen und Interviews neue Einordnungsmöglichkeiten aus der modernen Migrationsforschung an. Denn viele dieser Darstellungen lassen sich über das Konzept der transnationalen Migration besser erklären als über das traditionelle der Ethnizität, ohne letzterem die immer noch gegebene Relevanz für die Zuordnung als Kasachstandeutsche abzusprechen. Das hindert Stoll allerdings nicht daran,  Versuche der Renationalisierung und „Wiederbelebung“ deutscher Eigenheiten kritisch anzufragen, ein Unterfangen, das uns von außen zugegeben auch häufig altmodisch und künstlich erscheinen mag, wollte man sie mit dem Kulturleben der Bundesrepublik zwischen Tokio Hotel und „Deutschland sucht den Superstar“ in Verbindung bringen. 


Das Konzept der transnationalen Migration selber entwickelt Stoll nun kontinuierlich in seinem Buch. Es mag hier genügen darauf zu verweisen, dass es Migration über Netzwerke und soziale Räume definiert, auch über familiäre und wirtschaftliche Beziehungen, die nicht ethnisch ausgerichtet sein müssen. Mit dieser Neuordnung versucht Stoll den Übergang in Kasachstan von Fragen des deutschen Kulturerhalts, der deutschen Sprachfähigkeit und der systemischen Verankerung in deutscher Deportationsgeschichte hin zu Erleichterungen heutiger Ausreise durch Angebote in kasachstandeutschen Sozialräumen und Begegnungsstätten verständlich zu machen. Denn diese Angebote versuchen, die kasachstandeutschen Anknüpfungspunkte zurück nach oder generell innerhalb von Kasachstan für diejenigen zu erhalten, die keinen Ausreisebescheid bekommen haben oder aber im Alter zurückkehren wollten oder aber wirtschaftlich, freundschaftlich und familiär Kasachstan als interkulturelle „Pendler“ verbunden bleiben wollen.


Womöglich bleibt hier am Ende doch ein Fragezeichen bestehen, zumindest wenn man von bundesdeutscher Perspektive aus schaut, ob transnationale Migration nicht lediglich ein neues Erklärungsmuster für die Optionen von Ausreise oder Bleiben bleibt und weniger eine von einer großen Gruppe empirisch dann verwirklichtes Lebensziel werden wird. Dies bleibt abzuwarten. Ferdinand Stoll bereitet uns auf jeden Fall jetzt schon mit seinem Buch auf diese noch ausstehenden Entwicklungen ausgesprochen gelungen vor.

 

Dr. Dürr, Pfr.
Aussiedlerbeauftragter der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg

 

 

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