Auch in Persien gilt rechts vor links

Der Rundfunkmoderator Gerd Spiekermann (l.) zusammen mit Bischof Jan Janssen bei der Buchpräsentation am 13. März in Ninive/Wilhelmshaven. <i>Foto: H.-W. Kögel</i>

Vortrag von Gerd Spiekermann bei der Buchpräsentation am 13. März in Ninive/Wilhelmshaven

Lieber Jan, lieber Klaus Schreiber, meine Damen und Herren, Moin, Moin, leve Lüüd,

als ich die Einladung zur Präsentation dieses Buches bekam, eines Text- und Bildbandes über die Biblischen Orte in meiner Heimat, da war mein erster Gedanke: Was, so ein Buch gibt es noch nicht? Woran mag das liegen? Es ist ja nicht so, dass wir Oldenburger in Puncto Heimatverbundenheit Nachhilfe bräuchten. Oder? Aber im Bekenntnis zum Glauben, denke ich, manchmal schon.

Ich komme ja aus der Wesermarsch, Ovelgönne bei Brake, wo meine Eltern einen Gasthof betrieben. Klar, wir waren alle in der Kirche, wir wurden alle getauft und konfirmiert. Im Stammbuch meiner Familie, und das geht bis weit ins 19.Jahrhundert zurück, steht hinter jedem Namen bei der Rubrik Bekenntnis: evangelisch-lutherisch. Aber wir waren und sind eher so stille Christen. Wir gehen eher selten in die Kirche und öffentliches reden über den Glauben war und ist fast tabu. Ich habe einmal meine Oma gefragt, wo denn der liebe Gott zu finden sei. Da hat sie ihren Finger auf meine Brust gelegt und gesagt: He is hier oder he is narrns. Diese merkwürdige Innerlichkeit in Glaubensfragen ist vielleicht ein Grund, warum wir bisher kein Buch über die Orte in unserer Heimat haben, die so wunderbare Namen tragen wir Egypten, Himmelreich und Jericho. Umso fröhlicher war ich dann aber, als ich hörte, dass Du, lieber Jan, dieses längst überfällige Buch endlich geschrieben hast. Und ich will Dir und auch Ihnen, lieber Klaus Schreiber, gleich sagen: ich habe das Buch verschlungen. Die Texte ebenso wir die Bilder, und beides hat bei mir sofort wunderbare Erinnerungen wachgerufen.

Ich möchte bei mir zuhause anfangen. Als ich auf den 18. Geburtstag zusteuerte, wollte ich natürlich sofort meinen Führerschein machen. In der ersten Fahrstunde ging es in ganz ruhige Ecken von Brake. Ich sollte mich an den Wagen, den Käfer, gewöhnen, und der Fahrlehrer wollte wissen, ob ich die „Rechts-Vor-Links“-Regelung schon kannte. Wir fuhren nach Boitwarden, einer wirklich ruhigen Ecke von Brake, und plötzlich rief er „Halt!“. Ich bremste scharf und er fragte: „Warum hab ich ‚Halt’ gerufen!“  Ich: „Keine Ahnung!“. „Dann steigen Sie mal aus und begucken sich die Straßenschilder“. Tatsächlich hatte ich einen kleinen Weg übersehen, der auf unsere Straße mündete. Ich stieg wieder ein und sagte mit ungläubigem Gesicht: Der Weg da, der heißt PERSIEN. „Genau. Und bitte merken Sie sich: Auch in Persien gilt rechts vor links. Weiter fahren“.

Jan, Du wirst verstehen, ich bin beim ersten Durchblättern des Buches, erst mal in Persien hängen geblieben. Woher hat dieser kleine Weg und der alte Bauernhof, zu dem er hinführt, seinen Namen. Persien! War es die Randlage des Hofes, von anderen Gehöften so weit weg wie das damals unbekannte Persien? Du erzählst in dem Kapitel, dass Persien für die Menschen der Bibel durchaus positiv besetzt ist.  Die babylonische Gefangenschaft war durch die Machtübername der Perser für die Israeliten zu Ende gegangen. Haben die Menschen daran gedacht, als sie diesem Flecken Erde den Namen gaben? War Persien für sie gleichbedeutend mit  Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht, dass sie, wie die Israeliten damals, auf ihren Gott vertrauen konnten?
Für mich bleibt Persien für alle Zeit die Erfahrung, dass an offenen Kreuzungen rechts vor links gilt. Bei meinem nächsten Besuch in Brake werde ich überprüfen, ob das an der Kreuzung immer noch so geregelt ist.

In Oldenburg gibt es eine Straße, die „Ewigkeit“ heißt. Auch dieser Ort ruft bei mir sofort ganz lebhafte Erinnerungen zurück. Diese Straße finden wir im Oldenburger Stadtteil Kreyenbrück. Und da ist ja auch das weithin bekannte Krankenhaus. In meiner Erinnerung war es so, dass Menschen, die im Kreiskrankenhaus Brake oder auch im Pius-Hospital nicht behandelt werden konnten, nicht mehr behandelt werden konnten, weil ihre Erkrankung so scher war, dass die nach Kreyenbrück verlegt wurden. So erging es mehreren meiner Verwandten. Die haben wir natürlich besucht. Wir fuhren mit dem Fahrrad von Ovelgönne nach Logemannsdeich, da stiegen wir in den Bus nach Oldenburg. Vom dortigen Bahnhof nahmen wir den Stadtbus nach Kreyenbrück. Und ich höre es noch wie heute: Kurz vorm Krankenhaus sagte eine freundliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher: „Ewigkeit“. Dann ertönte ein Ding, Deng, Dong und eine ebenso freundliche Männerstimme sagte: „Von Schäuble den VW.“ Ja, die Oldenburger verkauften schon in den sechziger Jahren akustische Werbeflächen. Und dann kam auch schon bald das Krankenhaus, und wir mussten aussteigen.

 

„Ewigkeit“, dieser Straßenname hat mich damals wie heute fasziniert. Wie kann man eine Straße so nennen? Und dann auch noch wenige Meter vor dem Krankenhaus, in dem die ganz schweren Fälle behandelt werden. Ich habe einmal meinen Vater gefragt, warum diese Straße diesen gediegenen Namen hat. Als wir das nächste Mal an dieser Straße mit dem Bus vorbei fuhren ließ mein Vater mich aufstehen und sagte: „Nu kiek mol in de Stroot rin. Dorumheet de Ewigkeit“. In meiner Erinnerung war das damals wie heute eine Sackgasse, die aber an ihrem Ende in einem für mich nicht klar erkennbaren Fuß- oder Radweg weiterging und sich dann verlor. Und das tut sie immer noch. Ewigkeit. Nun lese ich bei Dir, Jan, dass es hier in einmal eine Hinrichtungsstätte gegeben hat, und daher die Menschen seinerzeit dieser Ecke diesen Namen gegeben haben. Und war nicht bei jeder Hinrichtung ein Pastor dabei und sprach das Vaterunser? In Ewigkeit. Amen. Wenn ich wieder einmal in Oldenburg bin, und das ist schon bald, fahre ich raus nach Kreyenbrück. Mit meinem VW-Polo, den ich allerdings nicht bei Schäuble gekauft habe.

Und dann ist da der kleine Ort Paradies zwischen Elsfleth und Oldenburg in Altenhuntorf.  Bei uns in der Kneipe kam gelegentlich ein Bauer aus Páradies, wie wir sagten. Es gab auch einen Bauer, der hieß Hermann Páradies. Wir betonten die Namen immer auf der erste Silbe, ich glaube, aus Respekt vor dem Paradies in der Bibel. Ich lese in diesem Buch, dass eine erste urkundliche Erwähnung von 1392 datiert. Ich bin ja ein Science-Fiktion-Fan und da gibt ja die Zeitreisen. Ich würde ja zu gerne ins Jahr 1392 zurückreisen, ins Paradies in der Huntemarsch, um zu erfahren, was die Menschen wohl bewogen hat, diesem Ort nach dem schönsten biblischen Ort zu benennen. War es die Nähe zur Hunte, die ihnen reines Wasser bescherte? Vielleicht war es auch einfach hier ein bisschen höher und trockner als in der sonst so sumpfigen Marsch. Oder vielleicht war die Familie ganz einfach nur Gott dankbar, dass sie hier eine Bleibe gefunden hatten. Wir wissen es nicht.

Ich habe bisher nur über die Texte gesprochen, noch nicht über die Fotos von Ihnen, Klaus Schreiber. Das hole ich jetzt nach. Ich habe zu meiner Heimat – und so geht es ja anderen auch – ein Verhältnis, zu dem man auf platt sagen würde: „Jo, dat is even so.“ Ich habe dadurch, dass ich hier groß geworden bin, verlernt, die Vielfalt und Schönheit des Oldenburger Landes wahrzunehmen. Is even so. Wie sich die Menschen in Hamburg an den Michel und die Menschen in Paris an den Eiffelturm gewöhnt haben. Is even so. Ihre wunderbaren Bilder, diese einzigartigen Perspektiven, die Sie gefunden haben, sind umwerfend. Ich habe erst auf ihren Bildern wieder gesehen, wie blau der Himmel hier im Oldenburger Land ist und was hier für mächtige Bäume wachsen. Nicht „even so“. Ein Grund mehr, Ihrer beider Empfehlung zu folgen und die alte Heimat – mit der Bibel und diesem Buch in der Hand – neu zu entdecken.

Ein letztes Wort zu dem Ort, an dem wir heute sind. Ninive. Als ich die Einladung bekam und las: Das Buch wird in Ninive vorgestellt, da war ich ratlos. Hatte ich noch nie gehört. Ich habe also gegooglet und bekam tausende von Eintragungen zur alten Hauptstadt des Assyrerreiches, im heutigen Nordirak. Dass es hier in Fedderwarden einen solchen Ort gibt, das war mir neu. Habe ich auch nicht bei Google gefunden. Das weiß ich aus diesem wunderbaren Buch, dem ich ganz viele Leser wünsche, und diesen vielen Lesern wiederum wünsche ich, dass es ihnen wie mir geht. Wunderbare Erinnerungen werden wach, verloren geglaubte Zeiten kehren zurück und mit den Bildern, den wunderbaren Fotos, bekommt der Leser einen neuen Blick auf die alte Heimat, die voll mit Zeugnissen unseres Glaubens ist. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


„... ein Land, das ich dir zeigen will“

Eine Rezension von Michael Eberstein

 

Ninive liegt in Fedderwarden bei Wilhelmshaven, gleich am Ende des Pastorenwegs. Jericho gar nicht weit weg bei Langwarden am Jadebusen. Und das Paradies findet sich nur ein Steinwurf weit entfernt von der Autobahn 29 in der Gemeinde Altenhuntorf östlich von Oldenburg. Da wird sich wohl niemand mehr wundern, dass sich die Menschen in Rastede „im Himmel“ fühlen dürfen.

Wer biblische Orte kennenlernen will, muss gar nicht weit reisen. Mehr als ein Dutzend finden sich allein im Oldenburger Land. Darauf macht jetzt der Oldenburger Bischof Jan Janssen in seinem Buch „... ein Land, das ich dir zeigen will“ (1. Mose 12,1) aufmerksam. Es ist eine ganz spezielle Liebeserklärung an das Land zwischen Nordsee und Wiehengebirge, zwischen Weser und Ems. „Und es ist eine wunderbare Entdeckung, dass gleich bei uns nebenan beginnt, was die frohe Botschaft der Bibel erzählt: Gott besucht uns Menschenkinder da, wo wir gerade leben“, schreibt Janssen in seinem Vorwort.

Geht es etwa um die "Herrlichkeit" (in Wildeshausen) ruft Bischof Jansen Psalm 113,4-8 in Erinnerung: "Der HERR ist hoch über alle Völker; seine Herrlichkeit reicht, so weit der Himmel ist. Wer ist wie der HERR, unser Gott, im Himmel und auf Erden?
Der oben thront in der Höhe, der hernieder schaut in die Tiefe, der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz, dass er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volkes."

Dann fällt der Blick des Lesers auf ein Foto: es zeigt eine prächtig-trutzige Backsteinkirche. Seit 800 Jahren zieht die Alexanderkirche Menschen an, auf einen Platz zwischen den Altstadthäusern: Die „Herrlichkeit“ ist der ruhige zentrale Kern des Ortes. Aber er ist auch ein alter politischer Begriff, ruft Janssen in Erinnerung. Der regional regierende Herr, hier im Nordwesten Deutschlands oft auch Häuptling genannt, stand in der Verantwortung für seine Herrlichkeit, seinen Regierungsbezirk oder seinen Regierungssitz.“

Doch „biblisch gehört die Herrlichkeit zuerst Gott selbst“, betont der Oldenburger Bischof, um dann auf das sinnvolle Neben- und Miteinander der verschiedenen Beteiligten einer Kommune in der Wildeshauser Herrlichkeit zu kommen – zum Lobe Gottes und zum Wohle den Nächsten. Das Licht der Welt, Jesus, könne in die Gesellschaft konkret ausstrahlen, „wenn Nachbarn – darunter sind nicht nur die Polizeistation und die zwei Pfarrhäuser in der Herrlichkeit zu verstehen – sich gegenseitig wahrnehmen und einander helfen. Christengemeinde und Bürgergemeinde kommen dann zusammen und lassen sich in der gemeinsamen Gestaltung ihres Alltags von Gottes herrlicher Menschlichkeit leiten“, schlussfolgert Janssen.

Auf 112 Seiten durchstreift der Oldenburger Bischof „seine“ Kirche. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise, sei es zu Fuß, auf dem Rad, im Auto - oder auch nur in Gedanken. Die prächtigen Fotos von Klaus Schreiber atmen geradezu die frische Luft des Oldenburger Lands, sie machen das Zwitschern der Vögel, das Brummen der Bienen und das Muhen der Kühe sichtbar. Das Buch ist ein Seelen- und Augenschmaus. Und eine Einladung, das Oldenburger Land mit den Herzen eines Oldenburgers zu sehen.


Jan Janssen
„…ein Land, das ich dir zeigen will“
Biblische Orte im Oldenburger Land
112 Seiten, gebunden
Mit farbigen Landkarten im Vor- und Nachsatz,
16 farbigen Auschnittskarten und großformatigen Fotografien
16,90 Euro
Format 21,0 x 14,8 cm
ISBN 978-3-7859-1069-4

Paradies mit Bushaltestelle

Eine Rezension von Jörg Nielsen (epd)

 

Jerusalem, Jericho, Egypten oder das Himmelreich liegen im Oldenburger Land. Bischof Janssen hat nun ein Buch über die biblischen Orte in seiner Kirche geschrieben. Auch darüber, dass es im «Paradies» eine Bushaltestelle gibt.

Oldenburg (epd). Wer ins Morgenland reisen will, vielleicht nach Jerusalem, Jericho, Egypten, Persien oder gleich ins Himmelreich, braucht nur eine Busfahrkarte zu lösen. Denn im Paradies gibt es eine Haltestelle. Alle diese und weitere biblische Orte liegen im Oldenburger Land. Grund genug für Bischof Jan Janssen, darüber ein Buch zu schreiben mit dem verheißungsvollen Titel «... ein Land, das ich dir zeigen will...».

   Gemeinsam mit dem Wilhelmshavener Fotografen Klaus Schreiber und dessen Bildern nimmt Janssen die Leser mit auf eine Rundreise durch das Oldenburger Land - und zwar mit der Bibel in der Hand. Zwischen Samaria bei Wilhelmshaven und Jericho zwischen dem Jadebusen und der Wesermündung im Norden sowie dem Ölberg bei Holdorf im Süden an der Autobahn 1 haben sie 16 Orte zusammengestellt.

   Vorgestellt haben sie ihr Buch auf dem Bauernhof Ninive bei Wilhelmshaven. Die einzige Zufahrt zu dem alten Gehöft heißt auch noch «Pastorenweg». Die abenteuerliche Geschichte des Propheten Jona, der dem biblischen Ninive den Untergang predigen soll, ist vielen Menschen noch aus dem Kindergottesdienst bekannt. Weil er sich dem Ruf Gottes entziehen will, flieht Jona über das Meer und wird im Sturm von den Matrosen über Bord geworfen. Nach drei Tagen im Bauch eines Wals wird er wieder an Land gespuckt, um doch noch in Ninive zu predigen.

   Zu jedem der Orte gibt Janssen einen kleinen Abriss der biblischen Geschichte und der Bedeutung des Namens. Zeigen will der Theologe aber in seiner Liebeserklärung an die Region aber vor allem eines:
«Es ist eine wunderbare Entdeckung, dass gleich bei uns nebenan beginnt, was die frohe Botschaft der Bibel erzählt: Gott besucht uns Menschenkinder da, wo wir gerade leben», schreibt Janssen in seinem Vorwort.

   Ein weiteres biblisches Örtchen findet sich an der Landstraße zwischen Oldenburg und Elsfleth. Dort gibt es die Bushaltestelle mit der Aufschrift «Paradies». Hier hält die Linie 460. Urkundlich wird der Ort schon 1392 als «In dem Paradyse» erwähnt, schreibt Janssen.
Wie das Straßendorf in der Huntemarsch zu seinem Namen kam, bleibt unbekannt. Aber es deutet an, «dass wir das Paradies gleich nebenan entdecken könnten», sagt der Bischof.

   Das Buch endet auf einem kleinen Weg zwischen Abbehausen und Stollhamm an einer Leitplanke zwischen Schilfpflanzen. «Jerusalem» steht dort auf einem kleinen Schild, das an der Leitplanke verschraubt ist. Die nächsten Gehöfte sind gerade noch am Horizont zu erkennen. Das Bild scheint es Janssen angetan zu haben: «Jerusalem wirkt geradezu so, als werde an diesem Ort einfach nur der Himmel geerdet.»

 

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