Die Erinnerung von Johannes Ramsauer Evangelische Kirchenpolitik in Oldenburg im 19. Jahrhundert Rolf Schäfer (Hg.)

Johannes Ramsauer (1832-1918) war Theologe und Kirchenpolitiker. Als Mitglied des Oberkirchenrats bestimmte er 42 Jahre lang maßgeblich den Weg der oldenburgischen evangelischen Kirche.

 

In seinen Erinnerungen, das kirchliche Leben im Herzogtum Oldenburg im 19. Jahrhundert betreffend zeichnet er ein anschauliches Bild seiner Zeit und seiner Tätigkeit. Freilich bietet er mehr als nur eine spannende, mit Anekdoten gespickte Erzählung. Er schreibt seine Memoiren als Memorandum. Er hinterlässt dem Oberkirchenrat eine Denkschrift, die nicht nur die oldenburgische Kirchengeschichte in seinem Sinne interpretiert, sondern auch ihren weiteren Kurs am konservativen Neuluthertum auszurichten sucht.

 

Ramsauers Erinnerungen – obwohl bisher nur schwer zugänglich – haben im 20. Jahrhundert das kirchliche Selbstbewusstsein in hohem Maße geprägt. Der Druck des vollständigen Textes, der durch Erläuterungen erschlossen wird, erlaubt einen differenzierten Blick auf diese hervorragende kirchengeschichtliche Quellenschrift. Bei der Lektüre vom heutigen Standpunkt aus ist die Zeitgebundenheit vieler Urteile Ramsauers offenkundig. Darin liegt freilich zugleich die Warnung vor der eigenen partiellen Blindheit, deren sich jede besonnene Kirchenpolitik zu allen Zeiten bewusst bleiben sollte.

 

Rolf Schäfer (Hg.), Die Erinnerungen von Johannes Ramsauer. Evangelische Kirchenpolitik in Oldenburg im 19. Jahrhundert, Oldenburger Forschungen Neue Folge Band 24, Oldenburg: Isensee Verlag 2007, 154 S. mit zahlr. Abbildungen, ISBN 978-3-89995-437-1, 12 €.

 

Rezension

Das Titelarrangement löst Erstaunen aus: Das Medaillon mit dem ehrwürdigen Herrn im Lutherrock verknüpft zwei imposante Gebäude. Das untere prägt die Oldenburger Silhouette. Das Gotteshaus steht derzeit im Zenit der Renovation und ist ob der Kosten und Spenden in vieler Leute Sinn. Das obere Bild ist ein Fund, der den Puls von Historikern, Architekten und Kirchenleuten höher schlagen lässt: Die klassizistische Lambertikirche, initiiert und realisiert durch Oldenburgs aufgeklärten Regenten Herzog Peter Friedrich Ludwig. Gegen den ersten Eindruck zeigt der Umschlag nicht zwei verschiedene Gebäude, sondern zwei Ansichten desselben Bauwerks – wohl zu unterschiedlichen Zeitpunkten, nämlich vor und nach 1870, verbunden mit dem Rundbild von Johannes Ramsauer (1832-1918), dem Verfasser der hier vorgestellten Erinnerungen. Das weckt die Neugierde: Was für ein Geist schlummerte in den Bemühungen, die Kirche so oder so zu gestalten? Kommt in der äußeren Aufmachung auch eine andere Denkungsart zum Ausdruck?

Man kommt dem Rätsel auf die Spur, wenn man die jetzt in der Edition von Rolf Schäfer zugänglichen Lebenserinnerungen zu Rate zieht. Der Sohn des Prinzenerziehers, zunächst Pastor in Südoldenburg, war im Begriff, eine mehr als 40-jährige Tätigkeit im Oldenburger Oberkirchenrat anzutreten. In seinen Notizen schildert er die Wahrnehmung seines Sohnes von dem zentralen Gotteshaus in der großherzoglichen Residenz: „Die Lambertikirche glich seit ihrem am Ende des 18. Jahrhunderts erfolgten Umbau in ihrem Äußeren mehr einem Reitstall als einer Kirche. Als ich Johannes Ramsauer zum erstenmal mit meinem siebenjährigen Sohn über den Marktplatz ging und zu ihm sagte: ‚Das ist unsere Kirche‘, antwortete [der Junge] einfach mit einem ‚Nein!‘.“ Das Kind aus Neuenkirchen im Oldenburger Münsterland konnte sich eine Kirche ohne Turm und Glocken nicht vorstellen. Somit erschien das Gebäude als Symbol für den Einbruch des Zeitgeistes, dem alsbald ein anderer Stempel aufgedrückt werden sollte. Das ist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geschehen, denn das klassizistische Baudenkmal wurde mit einem neugotischen Mantel umhüllt und mit Türmen verziert, so dass bis heute jede Erstbegegnung mit der Lambertikirche Verwunderung auslöst. Außen ein neugotisches Kirchenschiff, innen die klassizistische Rotunde im Stil des römischen Pantheons. Doch die neue Außenansicht korrespondiert – so die aufschlussreiche Einführung von Rolf Schäfer – mit den kirchenpolitischen Interessen des Neuluthertums, dem die Treue zum Althergebrachten wichtiger war als der Zugang und die Öffnung für die Zeitgenossen. Mithin signalisiert der Titel den Widerstreit zwischen Aufklärung und Romantik, zwischen Moderne und Tradition – Alternativen, denen sich das Christentum in allen Epochen stellen musste.

Ramsauers Erinnerungen sind vordergründig eine Sammlung von Anekdoten und autobiographischen Skizzen. Sie sind kurzweilig zu lesen und regen zum Schmunzeln an. Doch geschichtswirksam sind sie geworden, weil sie mitnichten zur privaten oder familiären Erbauung verfasst worden sind. Sie sind das neulutherische Testament aus der Feder eines konservativen Mitglieds des Oberkirchenrats. Die Akteure und Konstellationen im großherzoglichen Oldenburg vor und nach der Revolution 1848/49 sind zugleich Erzeuger und Paten für das 20. Jahrhundert. Das Buch spiegelt die Mühe wider, mit der Mitbestimmung und dem allgemeinen Priestertum aller Getauften umzugehen. Demokraten wurden etwas überheblich den „Massen“ zugeordnet. Und die Trennung von Kirche und Staat, sprich die Ablösung des großherzoglichen Kirchenregiments wurde ebenso schnell vollzogen wie aufgehoben. Bürgertum, Adel, ihr Verhältnis zu Religion und Kirche sind Teil der regionalen Gesellschaftsgeschichte, die zu verstehen ein näheres Verhältnis zu Land und Leuten gewährt.

Ramsauers Schriftsatz ist in dessen letzten Lebensjahren entstanden. Er gehört nicht zum Genre kirchlicher Unterhaltungsliteratur, sondern ist nach des Herausgebers Überzeugung ein kirchenpolitisches Aidemémoire für die nachfolgenden Generationen. Dabei kann es keine Frage sein, dass für den Verfasser das Festhalten an der Bibel und am reformatorischen Bekenntnis die Eckpunkte seines kirchlichen Programms waren. Was er dabei möglicherweise übersehen hat, ist die Bedeutung der liberalen Denkungsart im Oldenburger Land mit der Aufgeschlossenheit für Bildung, Kunst und Kultur und dem Beharren auf Individualität und freier Entscheidung. Karl Jaspers und Rudolf Bultmann werden dadurch zu Randerscheinungen in der neuesten Kirchengeschichte, obgleich die Oldenburger auf ihre herausragenden Landsleute mit Recht ein bisschen stolz sind. Denn die überregional zu Anerkennung gelangten Oldenburger Sprösslinge sind Repräsentanten eines Bildungsbürgertum, die – wie etwa die Lehrer – eben überzeugt, nicht aber genötigt werden wollten.

Fragt man nach Belegen für die Geschichtswirksamkeit der Ramsauerschen Kirchenpolitik, so kann man in der früheren Oldenburger Kirchengeschichtsschreibung, bei Heinrich Iben (1864-1947), oder bei regionalen Kirchenführern fündig werden, wie etwa bei Hans Schmidt (1902-1977), wenn der langjährige Ausbildungs- und Schulreferent die klassizistische Lambertikirche vor 60 Jahren zwar nicht „Reitstall“, aber „Musentempel“ genannt hat – als ob das gerade in diesen Wochen erklingende Christentum nicht eben auch eine ästhetische Dimension habe – in der Musik ebenso wie in der Architektur.

Schäfers Edition führt behutsam und kundig in die kirchliche, theologische und gesellschaftliche Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts ein. Sie provoziert die Frage nach einer präzisen Konturierung des sogenannten Neuluthertums und spitzt die Ohren für eine gelingende Transformation des evangelischen Christentums im 21. Jahrhundert. Darauf warten nicht nur alle Neugierigen in der renovierten Lambertikirche, sondern alle Besucher der Gotteshäuser im Oldenburger Land.
Reinhard Rittner

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