Do, 15.10.2020Faszination einer einzigartigen Vogelwelt  - Die 12. Zugvogeltage im Nationalpark Wattenmeer ziehen trotz Corona zahlreiche Besucher an 

Das Wattenmeer gilt als Drehscheibe für Zugvögel im Ostatlantik. Hier füllen die Tiere auf ihrer langen Reise ihre Futterreserven auf. Bei den Zugvogeltagen können Besucher das Schauspiel beobachten. Doch einige Arten sind vom Klimawandel bedroht.

Varel/Kr. Friesland (epd). Das Wasser hat sich zurückgezogen. Doch das bloße Auge erkennt in der Ferne zunächst nur schemenhaft einige helle, gefleckte Punkte im Watt. Ein Blick durch das leistungsstarke Fernrohr schafft Gewissheit: Im Wattenmeer an der Küste von Varel am Jadebusen rasten und ruhen gerade Tausende von Zugvögeln in Schlick und Schlamm. «Im Moment sehen Sie vor allem Säbelschnäbler und Brandgänse», erläutert Gregor Scheiffarth, Vogelexperte beim Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Der Ornithologe betreut die Besucherinnen und Besucher auf dem Aussichtsturm am Hafen von Varel, der extra für den Zeitraum der Zugvogeltage errichtet wurde. Aus luftiger Höhe lassen sich von dort die Vögel bei ihrer Rast und beim Starten und Landen beobachten, besonders gut mit Ferngläsern und Spektiven oder - zum Fotografieren - mit leistungsstarken Teleobjektiven.

 

Der Aussichtsturm ist einer der Programmpunkte bei den 12. Zugvogeltagen an der Nordseeküste vom Dollart bis an die Elbe und auf den Ostfriesischen Inseln von Borkum bis Wangerooge, die Naturliebhaber noch bis Sonntag (18. Oktober) erleben können. Wegen der aktuellen Corona-Pandemie gibt es Einschränkungen, aber die Vielfalt bleibt erhalten: Es gibt Exkursionen zu Fuß, mit dem Schiff oder Fahrrad, Vorträge, Lesungen, Ausstellungen und auch kulinarische Erlebnisse.

 

Trotz Corona und der Reisebeschränkungen nutzen viele Touristen die Gelegenheit, das Naturschauspiel vom Aussichtsturm aus zu beobachten: Mit Anorak und festem Schuhwerk wetterfest gekleidet, blicken auch Gunter Moritz und seine Frau Katharina aus Köln von dort durch ihre Ferngläser - und entdecken einen Falken, der in der Luft fast stehend nach Beute Ausschau hält. «Wir sind auf Urlaub hier und interessieren uns für Vogelkunde», erläutert Gunter Moritz. Die Zugvogeltage seien daher eine sehr schöne Möglichkeit, verschiedene Vogelarten zu beobachten.

 

Denn das Weltnaturerbe Wattenmeer ist die Drehscheibe des Ostatlantischen Vogelzuges: Nach der Brut im Sommer befinden sich jetzt wieder Millionen von Zugvögeln auf dem Weg in die warmen Gebiete zum Überwintern. Einige Arten legen dabei von der Arktis bis nach Afrika bis zu 10.000 Kilometer zurück: «Das sind bis zu vier Tagen Nonstop-Flug», erläutert Scheiffarth. Für solche «Langstreckenzieher» wie die Pfuhlschnepfe und den Knutt sei das Wattenmeer das einzige Rastgebiet auf dem Zugweg. Für das Überleben der Vögel sei es entscheidend, dort ihre aufgebrauchten Energiereserven wieder aufzufüllen.

 

Aber auch in ihren Brutgebieten brauchen sie Nahrung. Und das wird einigen Arten durch den Klimawandel erschwert, wie Scheiffarth erläutert. «Wenn der Knutt im Frühjahr in seinem arktischen Brutgebiet ankommt, ist es dort heute oft wärmer als früher», so der Ornithologe. Insekten vermehren sich schon früher im Jahr, und wenn die Knutt-Küken schlüpfen, nimmt ihre Zahl bereits ab. Jungvögel bekommen nicht genug Nahrung. Studien zeigen, dass sie dadurch nicht ausreichend an Körpergewicht zunehmen und kürzere Schnäbel haben, was ihnen die Nahrungssuche im Winterquartier in Afrika erschwert. Erwachsene Knutts ernähren sich hauptsächlich von Muscheln, an die sie mit zu kurzem Schnabel nicht herankommen: «Viele der gehandicapten Vögel überleben so den ersten Winter nicht», warnt Scheiffarth.

 

Im Wattenmeer ist die Nahrungssuche dagegen noch kein Problem für die Zugvögel. Im unscheinbaren Schlick und Schlamm finden sie für Vögel kulinarische Köstlichkeiten. Welche das sind, erläutert Lars Klein vom Nationalpark-Haus bei einer Wattwanderung in Dangast. Bei strahlendem Sonnenschein folgen ihm zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer in das schlüpfrige Watt - wetterfest mit Jacken und Gummistiefeln gekleidet.

 

Mit einer Grabegabel gräbt er einen großen Brocken Schlick aus dem Watt: «Allein 700 Seeringelwürmer, 40.000 Schlickkrebse oder 100.000 Wattschnecken können hier oder weiter draußen einen Quadratmeter besiedeln», erläutert der Naturschützer. Genug Nahrung, damit die Vögel ihre Fett- und Energiereserven für den Weiterflug auffüllen können. Das Wattenmeer wird deshalb auch gerne als weltweit wichtigste Tankstelle für Zugvögel bezeichnet.


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