Mo, 11.01.2021Kirchliche Kontroverse über Umgang mit Sterbewilligen - Bischof Meister: Ziel bleibt eine «lebensbejahende Antwort»

Hochrangige evangelische Theologen wünschen sich die Möglichkeit eines assistierten professionellen Suizids in diakonischen Einrichtungen. Grundsätzliches Ziel müsse aber die Erhaltung des Lebens bleiben, betont Hannovers Landesbischof Meister.

Hannover/Frankfurt a.M. (epd). Ein knappes Jahr nach dem Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts werden kontroverse kirchliche Positionen zur anstehenden gesetzlichen Neuregelung deutlich. Während einige hochrangige Vertreter der evangelischen Kirche für die Möglichkeit eines assistierten professionellen Suizids in kirchlich-diakonischen Einrichtungen plädieren, lehnt der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) das ab. Auch der evangelisch-reformierte Kirchenpräsident Martin Heimbucher wandte sich dagegen. Entschiedener Widerspruch kommt aus der katholischen Kirche.

 

In einem unter anderem von Diakonie-Präsident Ulrich Lilie verfassten Gastbeitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Montag) heißt es, kirchliche Einrichtungen sollten eine bestmögliche medizinische und pflegerische Palliativversorgung sicherstellen. Zugleich dürften sie sich aber dem freiverantwortlichen Wunsch einer Person nicht verweigern, ihrem Leben mit ärztlicher Hilfe ein Ende zu setzen. Die Autoren plädieren für besonders qualifizierte interdisziplinäre Teams in den Einrichtungen, um dem vom Bundesverfassungsgericht herausgestellten Recht auf selbstbestimmtes Sterben Geltung zu verschaffen.

 

Der Beitrag wurde vom Münchner Theologen Reiner Anselm, der Bochumer Theologin Isolde Karle und dem Diakonie-Präsidenten Lilie verfasst. Er sei das «Ergebnis eines gemeinsamen Diskussionsprozesses» mit dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister, dem Bochumer Juristen Jacob Joussen und dem Palliativmediziner Friedemann Nauck aus Göttingen. Landesbischof Meister hatte nach dem Urteil wiederholt erklärt, es gebe ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben.

 

Am Montag betonte Meister auf epd-Anfrage, grundsätzliches Ziel müsse bei allen Beratungen die Erhaltung des Lebens bleiben: «Mein Ziel bleibt, dem Wunsch, aus dem Leben zu scheiden, eine lebensbejahende Antwort entgegenzustellen», sagte er. «Dazu bedarf es ganz unterschiedlicher Annäherungen und Begleitungen. Das interdisziplinäre Zusammenspiel speziell geschulter Kräfte ist eine Möglichkeit der umfassenden Wahrnehmung, wie sie bereits seit vielen Jahren in der medizinischen Praxis eingeübt worden ist.»

 

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar vergangenen Jahres im Wesentlichen den Klagen von Sterbehilfeorganisationen, Ärzten und Einzelpersonen Recht gegeben, die sich gegen das Verbot organisierter - sogenannter geschäftsmäßiger - Hilfe bei der Selbsttötung richteten. Die Karlsruher Richter erklärten das entsprechende Gesetz für nichtig und begründeten das mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben, das auch Dritten die Assistenz beim Suizid erlaube.

 

Der Kirchenpräsident der Evangelisch-reformierten Kirche, Martin Heimbucher, bekräftigte seine ablehnende Haltung zum assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen. «Wir sind lebensschutzsensibel», sagte er am Montag auf «Deutschlandfunk Kultur». In Hospizen stünden die Mitarbeitenden palliativ den Sterbenden begleitend zur Seite bis zum Ende. «Aber gerade nicht dafür, um den assistierten Suizid anzubieten und die letzte Dosis zu verabreichen.»

 

Der Theologe unterstrich, dass Angehörige, die einen Sterbenden in Extremsituationen dennoch beim Suizid unterstützten, weder zu verurteilen noch zu verdammen seien. Heimbucher warnte jedoch vor einem Trend, der den assistierten Suizid als «einen normalen Vorgang» betrachtet. Es sei für ihn problematisch zu akzeptieren und zu respektieren, dass Menschen auf diese Weise ihrem Leben ein Ende setzen wollten und dabei eine moralische Verpflichtung zur Hilfe entstünde.

 

Auch der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lehnte die Möglichkeit eines assistierten Suizids in diakonischen Einrichtungen ab. Ein Sprecher sagte, die EKD sei gegen jede organisierte Hilfe zum Suizid, die dazu beitrage, dass die Selbsttötung zur Option neben anderen werde. Der Sprecher der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, sagte, die Ermöglichung des assistierten Suizids sei «nicht die richtige Antwort auf die Lebenssituationen von Menschen, die Suizidwünsche entwickeln oder Suizidabsichten haben».


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