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Di, 03.09.2019Steinmeier warnt vor Klitterung deutscher Geschichte - Holocaust-Überlebende Lasker-Wallfisch mit Nationalpreis geehrt

Berlin (epd). Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Altbundespräsident Horst Köhler haben die Zunahme von Antisemitismus verurteilt und vor einer Klitterung der deutschen Geschichte gewarnt. «Mit dem wiederauflebenden Antisemitismus werden wir uns niemals abfinden», sagte Steinmeier am Dienstag bei der Verleihung des Nationalpreises an die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch in Berlin. Köhler betonte, die Gesellschaft dürfe dem nicht tatenlos zusehen. Beide forderten, die Erinnerung an die Judenverfolgung wachzuhalten.

 

«Eine historische Schuld kann nicht beglichen oder aufgerechnet werden, sie muss leiten in der Gegenwart», sagte Steinmeier. Es gehe nicht darum, die Geschichte zu bewältigen, um zu einem «unverkrampften» Verhältnis zur eigenen Nation zurückkehren zu können.

 

«Verkrampft ist ein Verhältnis zur eigenen Nation, das die eigene Geschichte umschreiben muss zu einer makellosen Kette von Leistungen und Errungenschaften», mahnte Steinmeier: «Wer glaubt, er brauche eine bereinigte Geschichtsschreibung als Ausweis der Größe der eigenen Nation, der ist ein Nationalist, aber kein Patriot.» Köhler sagte, wenn Extremisten versuchten, die Geschichte des 20. Jahrhunderts in eine Heldengeschichte umzudeuten, legten sie Axt an das Fundament der deutschen Wertedemokratie.

 

Das aktuelle und frühere Staatsoberhaupt nannten dabei nicht die AfD, dürften aber auf die Partei angespielt haben. Die AfD hatte in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 von einer «Verengung» der Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen und gefordert, sie mit «positiv identitätsstiftenden» Aspekten «aufzubrechen». Für Empörung sorgte zudem Parteichef Alexander Gauland mit der Aussage, der Nationalsozialismus sei nur ein «Vogelschiss» der gesamten deutschen Geschichte gewesen.

 

Antisemitische Straftaten hatten in den vergangenen Jahren in Deutschland konstant zugenommen. Die Preisträgerin äußerte sich nahezu resigniert. Der heutige, moderne, neue Antisemitismus sei leider noch immer der alte, sagte Lasker-Wallfisch. Nach dem Überleben des NS-Konzentrationslagers hätte sie nie geglaubt, dass Antisemitismus in diesen Jahren wieder in Schlagzeilen stehe. «Im Kampf gegen Antisemitismus fühlt man sich wie eine Ameise, die den Mount Everest besteigen will - einfach machtlos», sagte die 94-Jährige vor mehreren hundert Gästen der Preisverleihung.

 

Lasker-Wallfisch erhielt den Preis für ihr Eintreten gegen Antisemitismus und ihren Einsatz für Verständigung. Sie gehörte als Cellistin zum sogenannten Mädchenorchester des Vernichtungslagers Auschwitz. Die Kapelle musste unter anderem beim Ein- und Ausmarsch der Arbeitstrupps spielen, bei der Ankunft Gefangener oder zur Unterhaltung des Wachpersonals. Die 1925 geborene Anita Lasker-Wallfisch war gemeinsam mit ihrer Schwester Renate in den Vernichtungslagern Auschwitz und Bergen-Belsen inhaftiert. Beide überlebten vor allem dank ihres Mitwirkens im Frauen-Orchester. Kurz nach Kriegsende emigrierte Anita Lasker-Wallfisch nach Großbritannien, wo sie bis heute lebt.

 

Der Nationalpreis wird von der Deutschen Nationalstiftung vergeben und ist mit 30.000 Euro dotiert. Vergeben wurde außerdem der mit einem Preisgeld von 20.000 Euro verbundene Förderpreis. Er ging an die Düsseldorfer Initiative «JUMU - Juden und Muslime», die sich für ein gutes Zusammenleben von Juden und Muslimen engagiert.


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