Aus den Gemeinden

Wehde

Do, 19.06.2014Ansprache von Pastor Thomas Piesker, Bockhorn, anlässlich der Eröffnung des Ruheforstes in Grabstede auf dem Klosterforst Grabhorn am 16. Mai 2014

Lassen Sie mich an diesem Tag, der eine kulturelle und hoffentlich auch kirchliche Bereicherung für Deutschlands Nordwesten markiert  -  lassen Sie mich heute danken, namentlich Ihnen, Frau Mensching, und Ihnen, Herr Kämpfe, dafür danken, dass ich hier sprechen kann. Denn das ist keineswegs selbstverständlich.

Die Bockhorner Kirchengemeinde ist, anders als ratsam und nach wie vor wünschbar und erstrebt, nicht etwa Trägerin dieses Ruheforstes, wofür sich stattdessen die Kommune bereit gefunden hat. Anders, nämlich kirchlich wünschbar und bleibend zu erstreben ist es, weil dieser Ruheforst sich als Waldfriedhof versteht im bewussten Anschluss an die jüdisch - christliche Tradition, ja sogar als deren durchaus nicht neue, sondern wieder aufnehmend uralte Facette darin. Deshalb nehme ich an dieser Eröffnung als Pastor der hiesigen Kirchengemeinde aktiv teil - wohl nicht im Talar, jedoch auch nicht bloß als Privatmann, sondern als bekennender Zeuge der Kirche Jesu Christi:

Der biblischen Erzählung ist an hervorgehobener Stelle unzweideutig zu entnehmen, wie normal und keineswegs neu die Beisetzung und das Gedenken Verstorbener im Wald ist. Ganz ans Ende des ersten Buches Samuel stellt sie deutlich die Erwähnung, dass König Saul mitsamt den Seinen unter einem Baum beerdigt worden ist, unter dem Tamariskenbaum bei Jabesch in Gilead. Natürlich wusste man damals, dass der Baum wie der Mensch von der Erde genommen ist, von der er sich nährt, und zu der er in Hoffnung auf Erneuerung wieder wird. Und natürlich wusste man, dass unvordenklich der Geber allen Lebens in die Mitte seiner Schöpfung den Baum des Lebens gesetzt hatte. Folglich wurde der Baum des Lebens zum zentralen Element im jüdischen Gottesdienst - bis heute:  in Gestalt des unverkennbar einem leuchtenden Baum gleichenden, siebenarmigen Leuchters, der Menorah. Diese sehen wir gegenwärtig auch als israelisches Staatswappen, wie jeder Blick ins israelische Parlament, die Knesset, bestätigt. Ursprünglich und aktuell steht für Gottes Bund mit seinem jüdischen Volk der Baum des Lebens.

Kommen wir vor diesem Hintergrund zu Jeschuah Maschiach, landläufig besser bekannt nach der lateinischen Wiedergabe seines hebräischen Namens, Jesus Christus. Seine Bedeutung wird leider all zu oft reduziert auf die Formel: “für uns gestorben - uns voran auferstanden”. Dieser Aussage nimmt die Verkürzung auf die Formel den Gehalt. Denn wer war und ist er, dieser Jesus Christus? Gewiss ist er der, der sich von Soldaten im Auftrag der selbst ernannten Weltmacht auf die zwei kreuzweise übereinander gelegten Hälften eines in der Mitte durchgesägten Baumes hat nageln lassen. Ebenso gewiss hat er das an sich geschehen lassen in der letzten Konsequenz und Krönung seines Lebens, seines Lebens in Hingabe. Dem Geber allen Lebens wie andererseits uns und allen, ausnahmslos allen Menschen gibt er sich nicht erst am Karfreitag hin; vielmehr krönt und vollendet er damit, was durch seine Taufe im Jordan beginnt. Sein ganzer zielführender Weg vom Jordan nach Jerusalem macht sein Leben aus ohne Verkürzung auf das Ziel an sich, in welchem er an einem kreuzweise gespaltenen Baum auf seinen Namen festgenagelt wird:  Jesus von Nazareth, König der Juden.

Dieser ist es, den der Geber allen Lebens uns und ausnahmslos allen voran von den Toten auferweckt, ganz neu aufgestellt hat. Jesus Christus ist der Baum des Lebens, der von und vor allem Anfang in die Mitte aller Lebenswelt gesetzt ist, in die Mitte aller Geschöpfe. Und weil er so, von Anfang an und vom Jordan bis Jerusalem, in der Mitte steht, sind schon dadurch alle Geschöpfe Mitgeschöpfe. In der Tat und Wahrheit lebt Jesus auf seinem Weg von seiner Taufe bis zu seiner Kreuzigung sein Leben in der Hingabe an den Schöpfer, diesen himmlischen Vater, sowie an alle Mitgeschöpfe. Er lebt konsequentes Zusammenleben, radikale Konvivenz. Mit den Leuten auf dem Lande lebt er es ländlich im dankbar teilenden Miteinander wechselseitigen Gebens und Nehmens. Er vergleicht dabei die kommende Lebenswelt dem winzigen Senfkorn, welches aufwächst und schließlich alle anderen Sträucher überragt, so dass die Vögel des Himmels darin Wohnung finden. Er nimmt uns Sorgenvollen unsere Sorgen und lenkt unsern Blick auf die Lilien des Feldes, die noch herrlicher gekleidet sind als Salomo in seiner Pracht. Er garantiert uns, dass wir zu guten Bäumen erwählt sind, die gute Früchte tragen werden. Er nennt sich den wahrhaftigen Weinstock, als dessen Reben wir Freude in Fülle haben sollen. Er verheißt uns, dass er vom Gewächs des Weinstocks mit uns trinkt, um neu davon mit uns zu trinken in einer ganz neuen Lebenswelt.

Jesus Christus ist der Baum des Lebens, Weinstock wie Menorah, in der Mitte aller Menschen, umgeben von allen Bäumen. Er lebt das wahre Leben im Miteinander aller Mitgeschöpfe. Auch heute tut er das, am 16. Mai 2014 hier im Wald zur Eröffnung dieses Ruheforstes. Nicht bekannt ist, dass er verlangt habe, die Seinen sollten auf einem rechteckigen Gedenkfeld ihren letzten irdischen Frieden finden. Durchaus bekannt ist, dass rechteckige Gemüter sich dergleichen zu Recht denken. Mit dem Gedanken der Zeugenschaft Jesu Christi ist dergleichen schwerlich in volle Übereinstimmung zu bringen. Öffnen wir besser unsern Horizont wie unser Herz. Öffnen wir uns dem Miteinander aller Mitgeschöpfe im Umkreis dessen, der uns zu Liebe unvordenklich gepflanzt ist.

Gerne möchte ich in diesem Umfeld meine letzte irdische Ruhe finden mit der unverbrüchlichen Hoffnung auf eine ganz neue Lebenswelt. Die Meinen werden meiner dann in genau diesem Sinne namentlich gedenken:  auch sie wie ich - und doch ganz anders gewachsen - vom selben Holz des Lebens.

Auf dem Umfeld der Gedenkstätte Jadwaschem bei Jerusalem - Jadwaschem heißt Denkmal und Name - dort also im Umfeld von Denkmal – und - Name werden für Menschen, die wirklich Menschen waren, Bäume gepflanzt, Bäume im Umkreis vom Baum des Lebens. Die Vögel des Himmels nisten darin und zwitschern uns die Melodie des neuen Lebens zu - in einer Sprache, die jegliches Menschenkind versteht.


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