Borkum (epd). Eine Gedenkstele auf der Nordseeinsel Borkum erinnert fortan an das Leid der sogenannten Verschickungskinder in Deutschland. Allein auf Borkum habe es mindestens 33 Heime gegeben, in denen zehntausende Kinder in der Nachkriegszeit gesundheitlich aufgepäppelt werden sollten, sagte der Vorsitzende der bundesweiten Initiative Verschickungskinder, Uwe Rüddenklau, am Mittwoch nach der Einweihung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Doch viele der Kinder kehrten traumatisiert zurück und berichteten von Essenszwang bis zum Erbrechen und harten Strafen.
Deutschlandweit habe die Initiative bei ihren Recherchen inzwischen mindestens 2.000 solcher Heime gezählt, sagte Rüddenklau. Zwischen Ende der 1940er- bis in die 1980er-Jahre hinein wurden in Deutschland nach Schätzungen rund zwölf Millionen Jungen und Mädchen zu einer Kinderkur in die Berge, in Kurorte oder an die See verschickt. Die Borkumer Skulptur «Ängstliches Verschickungskind» ist laut Rüddenklau die dritte größere Gedenkstele bundesweit.
Die aus weißem Stein gefertigte Skulptur zeigt den Oberkörper eines Kindes, das die Arme in die Höhe reckt. Sie ist mit einer Stahlplatte verbunden, die einen Info-Text und einen QR-Code zeigt. Der Code führt zu zahlreichen weiteren Heimen an der Nordseeküste. «Viele ehemalige Verschickungskinder suchen ihr Heim immer noch», sagte Rüddenklau. «Sie wissen bis heute gar nicht, wo sie waren.» Der Bildhauer Friedhelm Welge aus Frankfurt/Main war früher selbst ein Verschickungskind.
Die Stele sei «eine Art Heilung für uns», sagte Rüddenklau. Im Prozess der Aufarbeitung bedeute sie aber lediglich einen Zwischenschritt, weil noch vieles unklar sei: «Da muss noch viel recherchiert werden.» Die bundesweit erste Gedenkstele für die Verschickungskinder war im März 2024 im niedersächsischen Bad Salzdetfurth bei Hildesheim eingeweiht worden. Die zweite entstand einen Monat später im westfälischen Bad Sassendorf bei Soest.
Die Stele fand ihren Platz auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof von Borkum auf dem Gelände des früheren diakonischen Adolfinenheims. An der Einweihung beteiligten sich unter anderem die lutherische Kirchengemeinde, die Bremer Diakonie und die katholischen Franziskanerinnen. Viele Kurheime waren in kirchlicher Trägerschaft.
Ins Adolfinenheim wurden zwischen 1921 und 1996 rund 90.000 Kinder geschickt. Es wurde bis 1980 von Diakonissen aus Bremen geleitet. «Wir übernehmen die Verantwortung», sagte Diakonie-Vorständin Karin Altenfelder. «Das Schweigen zu brechen, war ein erster Schritt der Aufarbeitung.»