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Goslar (epd). «500 Jahre Evangelisches Gesangbuch» steht auf einer Sonderbriefmarke, die das Bundesfinanzministerium Ende Januar in Goslar präsentieren wird. «Das ist streng genommen Quatsch, aber kommt der Sache nahe», sagt Helmut Liersch. Der evangelische Theologe im Ruhestand muss es wissen. Als ehrenamtlicher Leiter der Marktkirchen-Bibliothek in Goslar am Harz hütet er den Schatz, auf den sich die Briefmarke bezieht: Das einzige erhaltene Exemplar des «Erfurter Färbefass Enchiridions» aus dem Jahr 1524, das als das erste protestantische Gemeindegesangbuch gilt.

 

 

 

«Im Jahr 1524 gab es aber noch gar keine scharfe Trennlinie zwischen katholisch und evangelisch, da war alles im Fluss. Im Grunde ist das Färbefass Enchiridion, das altgriechische Wort für »Handbüchlein«, das älteste Gemeindegesangbuch. »Das müsste auf der Marke stehen«, sagt Liersch mit einem Schmunzeln. Historische Spitzfindigkeiten sind für ihn aber nicht maßgeblich. »Hauptsache, wie feiern unser Enchiridion«, sagt er bestimmt. Bundesweit erinnern evangelische Kirchen in diesem Jahr an die Anfänge der Gemeindegesangbücher.

 

 

 

Tatsächlich wirkt das historische erste Büchlein eher unscheinbar. Gelagert wird es nahe der Marktkirche in einer klimatisierten und abgedunkelten Vitrine. Wenn Liersch es präsentiert, zieht er sich weiße Stoffhandschuhe über. »Die dienen eher der Show als dem Schutz. Wichtig ist der sorgsame Umgang«, sagt er und betont zugleich, dass das kostbare Werk bei Transporten mit einer sechsstelligen Summe versichert wird. Seit 1535 ist es Teil der Marktkirchen-Bibliothek. Im Bestand entdeckt wurde es erst Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

 

 

Nur durch Zufall habe das 48 Seiten umfassende Buch fast ein halbes Jahrtausend überstanden, berichtet Liersch, der bis 2011 Propst von Goslar war. Das Erfurter Buch trägt den Beinamen »Färbefass«, da es bei Johannes Loersfeld »in der Permentergasse zum Färbefass« gedruckt wurde. Ein nahezu identisches Enchiridion erschien im selben Jahr in der thüringischen Stadt bei Matthes Maler »Zum Schwarzen Horn bei der Krämerbrücke«. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Färbefass-Ausgabe früher erschien und in der Schwarzhorn-Version kopiert wurde - erneut eine historische Spitzfindigkeit.

 

 

 

Die Noten sind Zeugnis der ersten Lieder des Reformators Luther. Einige der 26 Musikstücke, wie das Osterlied »Christ ist erstanden«, werden auch heute nach 500 Jahren noch in Gottesdiensten gesungen. Vorsichtig blättert Liersch mit den weißen Handschuhen durch das Buch und deutet dabei auf die dünnen Linien mit den fast quadratischen Notenköpfen. »Die Noten wurden damals mit groben Holzschnitten akkurat auf das dicke Papier gedruckt«, erklärt er. Weil die Bürger so Melodie und Text nachlesen konnten, konnten sie erstmals die Lieder selbst in deutscher Sprache singen.

 

 

 

Wie das Bundesfinanzministerium auf die Idee kam, eine Sonderbriefmarke dem evangelischen Gesangbuch zu widmen, hat Liersch nicht ermitteln können. Durch einen Anruf in Berlin habe er aber erreicht, dass das von der Hamburgerin Luzia Hein gestaltete Werk am 23. Januar in der Marktkirche mit einem Festakt präsentiert wird. Er selbst werde einen Vortrag halten, während die Ministeriumsmitarbeiterin Marianne Kothé die Marke enthüllen werde, sagt Liersch: »Und ganz ungeduldige Menschen können die 100-Cent-Marke auch schon kaufen. Erschienen ist sie nämlich bereits am 4. Januar."