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Göttingen (epd). Die Göttinger Theologin und Ostkirchen-Expertin Jennifer Wasmuth glaubt nicht, dass sich die Leitung der russisch-orthodoxen Kirche für ein Ende des Ukraine-Kriegs einsetzen wird. «Von offizieller Seite ist kein Friedensimpuls zu erwarten», sagte die Professorin der Universität Göttingen am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Moskauer Patriarch Kyrill I. habe sich in den vergangenen Tagen klar hinter den russischen Präsidenten gestellt und die Kriegshandlungen in der Ukraine als Verteidigung «traditioneller christlicher Werte» befürwortet.

 

 

 

Wasmuth beteiligt sich seit vielen Jahren an offiziellen Gesprächen mit orthodoxen Kirchen, unter anderem am Dialog der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Moskauer Patriarchat. Nach ihrer Auffassung lässt die im Jahr 2000 veröffentlichte «Sozialkonzeption» der russisch-orthodoxen Kirche durchaus Raum für Kritik. Der Abschnitt zu Krieg und Frieden legitimiere zwar den Krieg als Mittel der internationalen politischen Auseinandersetzung. «Kriegerische Handlungen sind demnach aber nur zulässig, wenn sie der Wiederherstellung des Friedens dienen und den Schutz der Zivilbevölkerung gewährleisten», betonte die Theologin und Slavistin.

 

 

 

In dem Papier werde auch das Gebot der Feindesliebe sowie der Nächstenliebe herausgestellt. In diesem Sinne hätten sich seit Kriegsbeginn vereinzelt russisch-orthodoxe Priester zu Wort gemeldet und zum Frieden aufgerufen, sagte Wasmuth. «Ihre Stimme zeigt an, dass ein Kurswechsel theologischen Überzeugungen der russischen orthodoxen Kirche nicht prinzipiell widersprechen müsste.»

 

 

 

Auch andere orthodoxe Kirche hätten sich bereits kritisch geäußert, etwa der griechisch-orthodoxe Patriarch von Alexandria und Afrika. Kritische Töne gebe es aber auch in Griechenland und Rumänien. Bemerkenswert sei vor allem die Stellungnahme der mit dem Moskauer Patriarchat verbundenen Ukrainischen Orthodoxen Kirche. «In ihr wird der russische Angriff auf die Ukraine scharf als Brudermord verurteilt und zur Verteidigung der Ukraine aufgerufen.» Auch viele Eparchen dieser Kirche, vergleichbar etwa mit katholischen Bischöfen, distanzierten sich. «Immer mehr ukrainische Eparchien verzichten darauf, in der Liturgie des Moskauer Patriarchen zu gedenken.»

 

 

 

Aus Wasmuths Sicht ist der Kurs der russisch-orthodoxen Kirche auch historisch zu erklären. «Bis 1917 hatte die russische orthodoxe Kirche traditionell eine enge Bindung an den Staat», erläuterte sie. Leitend sei das byzantinische Modell einer «Symphonie» von weltlicher und geistlicher Macht. Zar Peter der Große habe mit seinen Reformen zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Staatsnähe der Kirche weiter zementiert. «In den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde daran angeknüpft, allerdings in modifizierter Form, weshalb von dem Konzept einer 'neuen Symphonie' unter säkularen Bedingungen die Rede war.»