Seit 140 Jahren unterstützt die Deutsche Seemannsmission Seeleute aus aller Welt. Dabei haben sich die Bedingungen der Arbeit an Bord gerade in jüngster Zeit dramatisch verändert, Bedrohungen haben massiv zugenommen.
Hannover/Bremen/Hamburg (epd). 140 Jahre im Dienst der Seeleute, zunächst in Deutschland, mittlerweile weltweit unter dem Motto «Support of Seafarers' Dignity» (Unterstützung für die Würde der Seeleute): Die Deutsche Seemannsmission (DSM) feiert in diesem Jahr ihr Gründungsjubiläum. Und die Bedeutung der Seeleute. Denn rund 90 Prozent des globalen Handels werden über den Seeweg abgewickelt. Die laut DSM rund 1,8 Millionen Seeleute sorgen dafür, dass Waren und Rohstoffe befördert und die globale Wirtschaft so am Laufen gehalten wird.
Am 29. September 1886 wurde in Hannover aus den lutherischen Landesvereinen der Inneren Mission heraus das «Komitee zur kirchlichen Versorgung deutscher Seeleute im Ausland» gegründet. Der Tag gilt als Gründungsdatum der Deutschen Seemannsmission. Doch schon Jahre zuvor gab es erste Anfänge. So nahm die Bremer Seemannsmission - älteste Einrichtung dieser Art in Deutschland - schon 1854 ihre Arbeit auf.
Damals ergriff der Bremer Kaufmann und Reeder Friedrich Martin Vietor die Initiative. Mit einem beträchtlichen Teil seines Vermögens gründete er ein Heim für Matrosen und Schiffsjungen. Sie sollten davor geschützt werden, «im Trubel einer fremden Stadt Versuchungen zu erliegen». Eine Art Rettungsanker für Seeleute.
Die evangelische Deutsche Seemannsmission hat ihre Zentrale in Hamburg und ist laut Pastor und Generalsekretär Matthias Ristau der Dachverband von insgesamt 33 Standorten im In- und Ausland: in Deutschland, Europa, Afrika, Amerika und Asien. So engagiert sich der Verband beispielsweise in Hamburg, Bremerhaven, Rostock, Rotterdam (Niederlande), Piräus (Griechenland), Douala (Kamerun), Santos (Brasilien) und Singapur (Südostasien). «Gut 50 Hauptamtliche, weitere etwa 30 junge Leute in Freiwilligendiensten sowie mindestens 300 Ehrenamtliche leisten dort auf Schiffen, in Seemannsclubs und in Seemannsheimen unabhängig von Nationalität und Religionszugehörigkeit Seelsorge und Sozialarbeit für Seeleute aus aller Welt», sagt Ristau.
Dabei begegnen sie nach Angaben des leitenden Theologen jährlich mehr als 150.000 Seeleuten, allein in den großen Treffpunkten wie den Clubs in Hamburg, dem «Duckdalben», und in Bremerhaven, dem «Welcome», jeweils etwa 30.000.
«Seeleute arbeiten an Bord, sie leben dort aber auch», verdeutlicht Ristau. «Meist sind es vier, sechs oder gar neun Monate. Sie arbeiten sieben Tage die Woche, zwischen 70 und 90 Stunden pro Woche sind erlaubt.» Die Liegezeiten in den Häfen seien anders als in den Anfängen der Seemannsmission mittlerweile extrem kurz, ein Landgang - wichtig, um mal abzuschalten - entsprechend nur kurz, oft gar nicht möglich. «Die Gründe dafür sind vielfältig: Behörden untersagen oder erschweren den Landgang, private und abgelegene Terminals, kein Shuttle, teure Taxis und angebliche Sicherheitsgründe.»
«Das Allerwichtigste ist, dass wir Zeit haben und den Seeleuten zuhören», betont Ristau. «Hier können sie loswerden, was ihnen auf der Seele brennt.» Clubs seien ein Ort zum Ausspannen und böten Möglichkeiten, über das Internet Kontakt zur Familie aufzunehmen, ein Zuhause auf Zeit. Ristau: «Wir bieten Shuttleservices zu unseren Clubs. Haupt- und Ehrenamtliche gehen aber auch direkt an Bord von Schiffen, um den Kontakt zu halten, Sorgen anzuhören und wichtige Dinge wie SIM-Karten zu verkaufen.»
Was es sonst noch gibt: Krankenbesuche, Notfallseelsorge und eine psychosoziale Notfallversorgung mit Begleitung in schweren seelischen und körperlichen Ausnahmesituationen, rund um die Uhr. Die Arbeit leistet die Deutsche Seemannsmission als das Teil einer größeren internationalen Gemeinschaft, der International Christian Maritime Association (ICMA). Der Verband ist der weltweite Zusammenschluss von 27 christlichen Nichtregierungsorganisationen, die sich um das Wohl von Seeleuten, Fischern und deren Familien kümmern.
Sicherheitspolitik, Handelskriege und Seuchenschutz: «Wie unter einem Brennglas wirken sich die Krisen der Welt schlagartig auf die Situation in den Häfen aus», verdeutlicht Clara Schlaich, Präsidentin der Deutschen Seemannsmission. Der Generalsekretär veranschaulicht dies: «Piratenangriffe, Corona, der Ukrainekrieg, die Angriffe der Huthi vor der jemenitischen Küste und im Roten Meer, die Lage in der Straße von Hormus: Die Seeleute haben das Gefühl, dass sie nirgendwo mehr sicher sind, dass Schiffe wahllos angegriffen werden», sagt Ristau dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Dazu kommt eine immer engere zeitliche Taktung in den Häfen und Automatisierungen, die für die Seeleute mit Vereinsamung und Entfremdung verbunden sind. Aber, so formuliert es Frank Kopania, Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). «Ein Seemann ist keine Arbeitskraft, sondern zuallererst ein Mensch mit einer Familie, mit Hoffnungen und Ängsten und mit einer eigenen Geschichte. Dass diese Menschen gesehen, gehört und in ihrer Würde geachtet werden, ist ein zutiefst christlicher Auftrag - und dafür steht die Deutsche Seemannsmission seit 140 Jahren.»