Interview mit Kreispfarrer Christian Scheuer
Kreispfarrer Christian Scheuer ist im Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven für den Prozess im Rahmen des Gebäudeeffizienzplangesetzes verantwortlich. Das Gesetz wurde Ende März 2025 von der oldenburgischen Synode verabschiedet und verlangt von allen Gemeinden in den sechs Kirchenkreisen der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg die intensive Auseinandersetzung mit ihrem Gebäudebestand. Dabei stehen die Kosten, die Nutzung und weitere Verwendung der Gebäude im Mittelpunkt.
Herr Kreispfarrer Scheuer, stellen Sie uns Ihren Kirchenkreis vor. Was ist das Besondere?
Der Ev.-luth. Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven erstreckt sich von Wangerooge bis Varel und von Schortens bis Wilhelmshaven. Er umfasst acht Kommunen im Landkreis Friesland und die kreisfreie Stadt Wilhelmshaven. Wir haben 320 Gebäude im Bestand. Darunter befinden sich viele historische Kirchen. Einige sind fast 1.000 Jahre alt. Das ist ein ganz besonderer Schatz.
Vor allem hat die Region vom Dreißigjährigen Krieg durch Pferdezucht und Kornlieferungen profitiert. In der Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele weitere Kirchen und Gemeinderäume geschaffen.
Warum setzt sich die oldenburgische Kirche mit ihren Gebäuden auseinander und was bedeutet das für Ihren Kirchenkreis?
Wir haben seit 20 Jahren kontinuierliche Mitgliederverluste und trotz vielfältiger und toller Gemeindearbeit schwinden die Mitglieder weiter – bedingt durch die demografische Entwicklung und die Abwanderung junger Leute aus beruflichen Gründen. Dazu verursachen unsere Gebäude hohe Betriebs- und Instandhaltungskosten. Also sind wir gezwungen zu überlegen, wie wir Kosten reduzieren können. Bereits seit 2020 wird jede dritte Pfarrstelle abgebaut, was uns dazu veranlasst hat, schon frühzeitig eine Bestandsaufnahme unserer Gebäude zu starten und die Lage zu analysieren. Dem Gesetz stehen wir also nicht völlig unvorbereitet gegenüber.
Welche Kriterien spielen bei der Bestandsaufnahme eine Rolle?
Die individuelle Betrachtung eines jeden einzelnen Gebäudes ist uns immens wichtig – vor allem vor dem Hintergrund unserer vielen historischen Kirchen. Unterstützt von Fachleuten unterziehen Arbeitsgruppen aus den Kirchengemeinden die Gebäude einer genauen Analyse. So erfahren wir beispielsweise, ob eine energetische Sanierung kosteneffizient möglich wäre und haben die CO2-Emissionen im Blick.
Neben den harten Fakten wie Heizkosten, Strom- und Wasserverbrauch und der tatsächlichen Auslastung steht auch der immaterielle Gebäudewert im Vordergrund. Menschen identifizieren sich schließlich mit dem Gemeindehaus oder der Kirche an ihrem Ort. Wir treffen also keine vorschnellen Entscheidungen. Gerade wenn es um die Gebäudeaufgabe geht, ist eine genaue Abwägung aller Informationen essenziell wichtig – und zwar gemeinsam mit der betroffenen Gemeinde.
Welchen Stellenwert haben kirchliche Gebäude?
Unsere historischen Kirchen sind Zeitzeugen mit Geschichte und jede für sich einmalig. Oft sind sie ortsbildprägend, öffentliche Orte und stehen vielfach unter Denkmalschutz. Dennoch sind gerade diese Kirchen sehr teuer im Unterhalt durch Pflege und Denkmalschutzauflagen, das Heizen ist unter energetischen Gesichtspunkten eigentlich nicht möglich.
Unsere Kirchen gehören zu den immer weniger werdenden Orten, an denen sich Menschen über Generationen hinweg in Präsenz versammeln. Sie sind ein wirksamer Beitrag gegen Vereinzelung und Vereinsamung. Taufen am offenen Meer und Open-Air Gottesdienste sind zurecht beliebt, aber eine Hochzeit oder Taufe in den altehrwürdigen Mauern einer jahrhundertealten Kirche ist und bleibt ein unvergessliches Ereignis.
In Anbetracht der sinkenden Mitgliederzahlen müssen wir uns dennoch fragen, ob wir alle Gebäude zukünftig noch nur für uns selbst sinnvoll nutzen können. Wir müssen alle Gebäude unter die Lupe nehmen, einschließlich der Kirchen aus den 1960er Jahren sowie der Gemeinde- und Pfarrhäuser.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, Gebäudekosten zu reduzieren? Welche Überlegungen fließen hier ein?
Es wäre leichtfertig, Gebäude unüberlegt zu verkaufen. Das liegt uns absolut fern. Trotzdem müssen wir genau auf die Kosten und die Auslastung jedes einzelnen Gebäudes schauen. Damit einher geht die Überlegung, welche Angebote unsere Gemeinden in Zukunft machen wollen und welchen Raum sie dafür benötigen.
Letztendlich stellt sich die Frage, ob ein Gebäude kosteneffizient energetisch saniert und danach weiter – vielleicht auch gemeinschaftlich – genutzt werden kann, oder ob über eine Umnutzung oder Gebäudeaufgabe nachgedacht werden muss.
Wenn wir einen Blick nach Ostdeutschland werfen, stellen wir fest, dass dort bereits andere Wege eingeschlagen werden. Dort fangen zum Beispiel Vereine Kirchen auf, um sie zu erhalten und für andere Anlässe zu nutzen. Wir sollten also unsere Gebäude und den Umgang mit ihnen nicht nur als Last sehen, sondern als Chance begreifen, um neue Richtungen einzuschlagen.
In Ihrem Kirchenkreis gibt es bereits einige Beispiele dafür, wie mit dem Thema Gebäudeeffizienz umgegangen wird. Geben Sie uns hier bitte einen kleinen Einblick.
Das stimmt, die Gemeinde in Schortens hat sich schon lange vor dem Gebäudeeffizienzplangesetz mit der Gebäudefrage beschäftigt. Am Ende zahlreicher intensiver Gespräche, Ideen und Abwägungen haben sie sich für die Aufgabe zweier Gemeindehäuser entschieden und gleichzeitig für den Umbau der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche zu einem neuen Gemeindezentrum mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Der Umbau ist zurzeit in vollem Gange.
In Cäciliengroden wurde die Kirche bereits aufgegeben und entwidmet. In Sande gibt es eine Kooperation zwischen der politischen und der kirchlichen Gemeinde zur gemeinsamen Nutzung des Gemeindehauses.
Damit ist im Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven schon einiges in Bewegung. Wie gehen die Menschen mit der Aufgabe einer Kirche um? Und wie begleiten Sie sie dabei?
Gebäudeaufgabe ist Trauerarbeit. Die Menschen müssen sich verabschieden können. Für die Entwidmung gibt es verschiedene Möglichkeiten für begleitende Zeremonien. Es ist wichtig, dass die Menschen auf diese Art damit abschließen können und wir sie dabei begleiten.
In Cäciliengroden haben wir die Kirche gemeinsam mit der Gemeinde leergeräumt. Das war wie ein Trauerzug. Es gab ein letztes Glockengeläut und einen letzten Gottesdienst. Einige Prinzipalstücke wie der Altar und das Taufbecken sind in das Sander Gemeindehaus umgezogen. Die Krippe steht nun in der Weihnachtszeit in St. Magnus. So können sich die Menschen aus Cäciliengroden in den neuen Örtlichkeiten wiederfinden.
Die Gebäudeaufgabe wird im Rahmen des Gebäudeeffizienzplangesetzes an einigen Stellen notwendig und für die Gemeinden schmerzhaft sein. Aber birgt dieser Prozess nicht auch Chancen?
Auf jeden Fall. Die Aufgabe von Gebäuden heißt schließlich nicht, dass es uns als Kirche und Gemeinde nicht mehr gibt – ganz im Gegenteil. Wir sehen den Prozess als Chance, um mit neuer Energie und in anderer Aufstellung unseren Glauben weiterzutragen. Wir werden uns auf den Weg zu den Menschen machen, so wie es früher die Jünger Jesu getan haben.
Das Interview führte Daniela Conrady.

