Nur hundert Meter von der lauten A1 entfernt liegt ein Ort der Stille: die Autobahnkapelle Dammer Berge. Dort suchen Urlauber, Trucker und Pendler Trost und Orientierung - mitten im Lärm des Verkehrs und fern vom Alltag.
Dammer Berge/Kr. Vechta (epd). Wer durch die gläserne Tür tritt, lässt den Verkehrslärm hinter sich und betritt einen kreisrunden Raum der Stille mitten im Strom der Reisenden. Zwei hölzerne Sitzbänke schmiegen sich zum Sitzen einladend im Halbkreis links und rechts an die Wand. In der Mitte steht ein Altar, darauf drei kleine Kerzen, ein paar Blumen, eine aufgeschlagene Bibel und ein Anliegenbuch für Einträge der Besucherinnen und Besucher. Darüber schwebt ein gekreuzigter Jesus, links ist eine Marienfigur an der Wand befestigt.
Klassische Gottesdienste werden hier nur selten gefeiert. «Es ist ein Ort, an dem Menschen direkt neben größter Hektik zur Ruhe kommen können», sagt Pastoralreferent Florian Rolfes von der katholischen Pfarrgemeinde St. Viktor Damme. Er betreut die Kapelle. «Viele Menschen kommen, bleiben einige Minuten ruhig sitzen, zünden eine Kerze an und gehen wieder.» Wie viele Menschen die kleine Kirche besuchen, wird nicht kontrolliert. «Aber wir verbrauchen hier pro Jahr rund 20.000 Kerzen.»
«Konfession oder die Zugehörigkeit zu einer Kirche spielen hier keine Rolle», erläutert Rolfes weiter. «Wir haben hier jeden Tag rund um die Uhr für alle Menschen geöffnet.» Er habe sogar einmal erlebt, dass ein Moslem seinen Gebetsteppich in der Kapelle ausrollte und sein Gebet sprach. «Und das ist gut so.» An diesem Sonntag (28. Juni) ist der bundesweite Tag der Autobahnkirchen. In vielen Kapellen wird dann wie an den Dammer Bergen um 14 Uhr eine Andacht gefeiert.
Der Freiburger Religionssoziologe und Theologe Michael N. Ebertz hat intensiv zu den Autobahnkirchen geforscht. Wenn der Alltag etwa durch positive oder negative Erlebnisse unterbrochen werde, können Sinnfragen aufbrechen, sagt er. Auch auf den Autobahnen geht es immer wieder um Unterbrechungen. Etwa, um sich von der Fahrt auszuruhen, um sich zu erfrischen, etwas zu essen oder die Toilette aufzusuchen. «Wenn dies alles in der Nähe einer Autobahnkirche zusammenkommt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufgesucht wird», weiß Ebertz.
Die meisten Besucherinnen und Besucher verweilen seinen Angaben zufolge nur kurz. «Sie wollen nicht unbedingt angesprochen werden, sie wollen gewissermaßen Fremde bleiben und dort ihr eigenes Ding machen», sagt Ebertz. Viele schrieben in die Anliegenbücher einen Wunsch oder ein persönliches Gebet. Darin gehe es ebenfalls oft um Unterbrechungen, um Wendepunkte des Lebens, etwa um eine überstandene Krankheit oder um wiedergewonnenes Eheglück. Mitunter bezögen sich Dank und Bitte aber auch einfach auf die Autobahnfahrten selbst, «die ja immer gefährlicher und unberechenbarer werden», erläutert Ebertz.
Auch Gedenken und die Suche nach göttlichem Beistand artikulieren sich in dem dicken Buch in der Autobahnkapelle. In vielen Einträgen wird der gestorbenen Eltern gedacht. Ein Mann bittet darum, in seiner neuen Beziehung keinen Fehler zu machen. Und auf der nächsten Seite dankt jemand «für jeden nüchternen Tag».
Bundesweit gibt es laut der «Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen» 44 Autobahnkirchen. Sie unterstützt deren Öffentlichkeitsarbeit und verantwortet die Website www.autobahnkirche.de. 18 dieser Kapellen sind evangelisch, 9 katholisch und 17 ökumenisch getragen. Die Kapelle an den Dammer Bergen war die erste in Deutschland. Sie wurde 1970 als ökumenische Einrichtung gegründet. Neben ihr gibt es in Niedersachsen noch Autobahnkirchen in Groß-Hesepe an der A31 und in Grasdorf/Holle an der A7.
Bei mehr als 30 Grad im Schatten beschleunigt vor der Kapelle ein großer weißer Lastzug auf dem Weg zurück auf die Autobahn. In der Kapelle ist bei angenehmer Kühle davon nur ein leises dumpfes Dröhnen zu vernehmen. In einem der bisher letzten Einträge des Buches haben J. und M. geschrieben: «Wie schön, dass es diese Kapelle gibt. Ein guter Ort für Ruhe und Nachdenken.»