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Bruder Franziskus war im Kloster, im Journalismus, in der Seelsorge und in der Politik. Er begleitete Aidskranke in New York, Obdachlose in Hamburg und Menschen im Krieg. Nun wird der 58-Jährige evangelischer Pastor an der Nordseeküste.

Wilhelmshaven/Wesermünde (epd). Wenn Miguel-Pascal Schaar an diesem Sonnabend in der St. Willehadi-Kirche in Wremen bei Bremerhaven zum evangelischen Pastor ordiniert wird, kommt darin auch ein Stück Lebensgeschichte zum Ausdruck, das sich nur schwer in eine gerade Linie bringen lässt. Denn der 58-Jährige ist vieles zugleich: Ordensbruder, Theologe und Seelsorger, Journalist und Sozialarbeiter, Netzwerker und Politiker.

Viele Menschen kennen in nur unter seinem Ordensnamen: Bruder Franziskus. Statt Kutte trägt er Jeans und farbige Hemden, und er ist da anzutreffen, wo es um existenzielle Fragen und das Wohl von Menschen geht. Vielleicht ist das überhaupt das Auffälligste an ihm: Er scheint sich dort besonders wohlzufühlen, wo unterschiedliche Welten aufeinandertreffen.

«Es geht bei Gott immer um Menschen», sagt Franziskus. Das ist für ihn ein Leitsatz im Leben. Darum geht er auch an Orte, die andere lieber meiden: Als Zivildienstleistender arbeitet er im Hamburger Hafenkrankenhaus. Schwerverletzte Unfallopfer und Wohnungslose gehören zu seinen Patienten. 1993 zieht es ihn in die Vereinigten Staaten nach New York, wo junge Menschen an Aids sterben. Er begleitet sie seelsorgerlich, pflegt sie und beerdigt sie.

2025 reist er während seines Urlaubs in die Ukraine, um die evangelisch-lutherische St.-Katharina-Gemeinde in der Nähe von Odessa zu unterstützen. Er hält Gottesdienste, macht Hausbesuche und erlebt den Alltag einer Stadt, in der der Krieg jederzeit in das Leben hineinbrechen kann.

Getragen fühlt er sich dabei immer von seinem Glauben. «Ich bin katholisch getauft und wollte schon mit fünf Jahren Pastor werden.» Im Kindergottesdienst lernt er Diakonissen kennen und ist fasziniert von deren geistlichen Leben. «Eben nicht nur sonntags, sondern jeden Tag.»

Bereits mit 14 Jahren konvertiert er selbst zum evangelischen Glauben. Ein Theologiestudium bricht er schnell ab und geht in ein ökumenisches Benediktiner-Kloster bei Erfurt. Dort erhält er auch seinen Ordensnamen Franziskus. Aber dort sagt auch der Prior zu ihm: «Du musst in die Stadt und gehörst nicht hinter Klostermauern.»

Es folgt eine komplizierte Karriere als Journalist. Er arbeitet unter anderem für den NDR und für Tageszeitungen und übernimmt Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit kirchlicher und staatlicher Einrichtungen, sogar in Bundesministerien. Doch bei all dieser Arbeit geht es ihn immer auch um Glaube und Spiritualität: In Berlin gründet er 2010 zusammen mit anderen das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin. Es ist ein geistliches Kloster ohne Gebäude und Mauern innerhalb der evangelischen Kirche. Franziskus ist Prior der Gemeinschaft von etwa 20 Männern und Frauen. «Wir verbinden traditionelle Elemente ganz eng mit sozial-diakonischen Engagement für die Demokratie», sagt der unverheiratete Mann.

Einige Jahre später zieht es Bruder Franziskus wieder nach Wilhelmshaven, wo er einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. Er arbeitet bei der Diakonie mit Flüchtlingen und in der Obdachlosenhilfe und lässt sich für die Grünen im Stadtrat aufstellen. Außerdem leitet er kommissarisch über längere Zeit die Telefonseelsorge in der Region.

Er organisiert «Offene Kanzeln» und lässt Politiker, Wissenschaftler oder sozial engagierte Menschen sprechen. Unter anderem berichten Erzieherinnen, Gastronomen, Einzelhändler und Pflegekräfte von dem, was die Corona-Pandemie mit ihrem Leben macht.

Bruder Franziskus ist ein Mensch, der zuhört. «Mich interessiert, was bisher nicht erzählt wurde, und will darüber andere Menschen ins Gespräch bringen.» Hilfreich ist dabei sein bisheriger Lebensweg, resümiert er. «Ich bin nie einfach von einer Rolle in die nächste gesprungen. Ich habe immer die Erfahrungen der einen Welt mit in die andere genommen. So betrachtet bin ich wohl so etwas wie ein Grenzgänger», sagt er mit einem Schmunzeln.

Nun wird Franziskus nach einer Ausbildung zum Pfarrverwalter ordinierter Pastor in Wesermünde bei Bremerhaven, einer Region mit neun Gemeinden und drei Pfarrstellen. «Ich habe das meiste in meinem Leben ohne kirchlichen Auftrag getan. Hier sagt die Kirche Ja zu mir. Da schließt sich etwas für mich.»

Oft habe er das Gefühl gehabt, von Gott vor eine Aufgabe gestellt worden zu sein. «Und immer habe ich mich gefragt, ob ich dafür wirklich der Richtige bin.» Letztlich werde er weiter seinem Glauben und dem Gebet vertrauen, erzählt Miguel-Pascal Schaar. In all den Jahren sei diese Erkenntnis in ihm gewachsen: «Es ist nicht so wichtig, wie viel du betest. Entscheidend ist, zu was das Gebet dich befähigt.»