Barbara Tamminga macht mit ihrer Kunst sichtbar, was lange unsichtbar blieb: Als Kind erlebte sie sexualisierte Gewalt. In der Oldenburger Garnisonkirche erzählt die 66-Jährige mit Bildern und Collagen von Verletzung, Verdrängung und Aufarbeitung.
Oldenburg (epd). Die Künstlerin Barbara Tamminga hat als Kind über viele Jahre sexualisierte Gewalt erlebt. «Es waren mehrere Männer. Und in meiner Erinnerung war auch ein Pastor dabei», berichtet die heute 66-Jährige. Angefangen habe dies, als sie erst drei Jahre alt war. Mit 12 Jahren fing sie an sich zu wehren, aber erst mit 14 gelang ihr die Flucht - mit zehn D-Mark in der Tasche und den Kleidern, die sie an diesem Tag trug. Ihre Erfahrungen und Emotionen hat sie in Collagen und Bildern künstlerisch bearbeitet. Eine Auswahl ihrer Arbeiten ist seit Donnerstag bis zum 26. September in der Oldenburger Garnisonkirche zu sehen.
«Mir ist es wichtig, das Unsichtbare sichtbar zu machen», sagt Tamminga, die mittlerweile Großmutter ist. Ihre Ausstellung hat sie unter die Überschrift «Brunnenkinder» gestellt. «Wenn ein Kind in den Brunnen fällt, ist es unsichtbar und vermutlich verletzt. Ich will diese verletzte Kinder wieder ans Licht holen.» Die Ausstellung solle auch Menschen Mut machen, über eigene Erfahrungen zu sprechen. Sie wolle Betroffenen zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind und sich öffnen dürfen, erläutert die Künstlerin.
Sie selbst habe ihr Martyrium über viele Jahre verdrängt. Erst eine misslungene Blinddarm-Operation, bei der sie fast gestorben wäre, habe das Verdrängte wieder ins Bewusstsein gebracht. «Nachts kommen die Erinnerungen durch Bilder, durch Träume.» Sie brauche dann den ganzen Vormittag, um die Träume zu verarbeiten. Deutlich wird das in einem ihrer Bilder mit einer Tänzerin, die versucht, auf einem Bein die Balance zu halten, während ihre Gedanken in einem schwarzen Strudel verwirbeln.
Immer wieder sind Kirchen oder kirchliche Elemente in Tammingas Kunstwerken zu sehen. «Eben weil in meiner Erinnerung auch ein Pastor beteiligt war», erläutert sie. Als sie einen Antrag bei der Anerkennungskommission der Kirchen stellte, stieß sie auf eine Mischung Verständnis und «totaler Überforderung». Ihr sei vorgeworfen worden, dass sie damals nicht zur Polizei gegangen sei und das es schwerfalle, sie ernst zu nehmen. Am Ende des langen und zermürbenden Verfahrens habe sie zwar eine Summe Geld erhalten. «Aber das Erlebte kann man nicht mit Geld entschädigen. Zumal die gezahlte Summe so gering war, dass es auf mich wie ein Schlag ins Gesicht gewirkt hat.»
Um so überraschter war Tamminga, als sie fünf Jahre später einen Brief von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg erhielt. Die juristische Beraterin der Kirche für solche Fälle, Merle Witt, hatte sich alle bekannten Vorgänge angesehen und den Kontakt zu Tamminga gesucht. Dabei sei die Idee entstanden, die Ausstellung, die Tamminga bereits in Wuppertal-Elberfelde gezeigt hat, auch in Oldenburg zu präsentieren.
«Denn das ist mein zweites Anliegen. Ich will mit meiner Kunst mit der Kirche in den Dialog gehen», unterstreicht Tamminga. Es sei wichtig herauszufinden, welche Strukturen in der Kirche Menschen anziehen, die zu sexualisierter Gewalt bereit sind. Aus den Erkenntnissen müssten konstruktive Lösungen geschaffen werden.
Bei der Vernissage dankte Oberkirchenrätin Gudrun Mawick Tamminga für die Ausstellung: «Die Bilder erzählen von Erfahrungen, Gefühlen und Auseinandersetzungen, für die Worte manchmal nicht ausreichen.» Die vor zweieinhalb Jahren veröffentlichte evangelische Missbrauchsstudie habe ein jahrzehntelanges Versagen der Kirchen und der Diakonie offenbart. «Betroffene Personen wurden nicht gehört, Taten nicht aufgearbeitet, Täter geschützt und Verantwortung nicht übernommen. Sexualisierte Gewalt gehört zur Realität unserer Kirche und unserer Diakonie», zitierte Mawick aus der gemeinsamen Erklärung der Kirchen zur Studie.
Die Kirche lerne gerade manches im Blick auf sexualisierte Gewalt, betonte Mawick, die auch Stellvertreterin des Oldenburger Bischofs Thomas Adomeit ist. Dazu gehöre zuzuhören und dem Gehörten zu glauben. Zwar könne die Kirche nichts ungeschehen machen, aber sie könne Betroffene unterstützen und daran arbeiten, dass es in der Kirche keine Gelegenheiten und Orte für sexualisierte Gewalt gibt. «Diese Ausstellung ist für unsere Kirche daher heute eine wichtige Station auf diesem Weg.»
Die oldenburgische Kirche hat eigenen Angaben zufolge für die Jahre 1946 bis Ende 2020 insgesamt 18 Beschuldigte und 25 bis 30 Betroffene sexualisierter Gewalt ermittelt, die zum Tatzeitpunkt minderjährig waren. In den Jahren 2021 bis Ende 2025 habe die Kirche 15 Meldungen mit zusammen 22 Betroffenen sexualisierter Gewalt verzeichnet.
Während der Ausstellung stehen geschulte Personen in der Garnisonkirche für Gespräche bereit. Wer Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht hat, kann sich an die Ansprechpersonen der oldenburgischen Kirche unter www.kirche-oldenburg.de/sg wenden.