In Niedersachsen soll im Sommer ein neues, bundesweit beachtetes Modell des Religionsunterrichtes beginnen, das die beiden großen Kirchen gemeinsam entwickelt haben. Im Vorfeld keimt Kritik auf - aber auch Unterstützung.
Hannover/Münster (epd). Angesichts von Kritik in den Medien haben sich der Bundesverband der katholischen Religionslehrkräfte an Gymnasien und der niedersächsische Landesschülerrat hinter den geplanten gemeinsamen christlichen Religionsunterricht in Niedersachsen gestellt. «Dieses Modell ist das Ergebnis eines jahrelangen, verantwortungsvoll geführten ökumenischen Prozesses und stellt aus unserer Sicht einen wichtigen Schritt für einen zeitgemäßen Religionsunterricht dar», erklärte der Schülerrat am Mittwoch in Hannover. Es stärke die christlichen Grundlagen, bleibe klar bekenntnisgebunden und berücksichtige gleichzeitig die religiöse Vielfalt, die den Alltag vieler Schülerinnen und Schüler präge. Das neue Fach «Christliche Religion» soll im Sommer 2026 starten.
Damit übernehmen die evangelische und die katholische Kirche nach eigenen Angaben zum ersten Mal in Deutschland gemeinsam die Verantwortung für den Religionsunterricht. Der Bundesverband der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien mit Sitz im westfälischen Münster unterstützte das neue Fach ebenfalls und wies Kritik daran zurück: «Das neue Kerncurriculum Christliche Religion ist christlich - man muss es aber lesen können», erklärte der Verband am Mittwoch.
Beide reagieren damit auf Berichte in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (NOZ) und in der «Bild»-Zeitung. Darin wurde bemängelt, dass Jesus Christus in den Lehrplan-Entwürfen deutlich zu kurz komme. Nur fünf von rund 130 Themen hätten unmittelbar mit Jesus zu tun.
Stattdessen sei unter anderem von der Scharia und den UN-Klimazielen die Rede. Kritisch äußerten sich laut NOZ etwa der evangelische Religionspädagogik-Professor Andreas Kubik-Boltres von der Universität Osnabrück und später auch der Verband katholischer Religionslehrerinnen und -lehrer an Gymnasien im Bistum Hildesheim.
Die Interessenvertretung der niedersächsischen Schülerinnen und Schüler sprach in ihrer Stellungnahme von «verzerrten Darstellungen und zugespitzten Behauptungen». Der Schülerrat betonte: «Wer dieses sorgfältig entwickelte Modell mit Schlagworten diskreditiert, trägt nicht zu einer sachlichen Diskussion bei und gefährdet ein Projekt, das bundesweit Maßstäbe setzt.»
Auch Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne), die evangelischen Kirchen sowie die SPD-Fraktion im Landtag hatten der Darstellung in den Medien widersprochen. Eine Sprecherin der Kultusministerin sagte am Mittwoch, die beiden großen Kirchen seien in die Entwicklung der Lehrpläne maßgeblich mit eingebunden.
Das neue Fach soll an die Stelle der bisherigen Unterrichtsfächer evangelische und katholische Religion treten. Ab August 2026 sollen evangelische und katholische Schüler der Klassen 1 bis 10 gemeinsam in Religion unterrichtet werden, statt wie bisher zumeist getrennt. Das Fach ist offen für weitere Interessierte, die keiner Kirche angehören.
Unterdessen wurde am Mittwoch weitere Kritik von katholischen Religionslehrkräften laut. Angesichts der Lehrpläne stelle sich die Frage, ob es sich eigentlich noch um Religionsunterricht handele oder eher um ein Fach wie «Werte und Normen», erklärte der Verband der Religionslehrkräfte aus dem Bistum Hildesheim in der «Neuen Osnabrücker Zeitung».
Vorstandsmitglied Thomas Hollmann kritisierte insbesondere breite «Leerstellen» im Blick auf Zeit und Umwelt von Jesus von Nazareth und zum Thema Dreifaltigkeit. Jesus Christus werde nur an einzelnen Stellen unter der Überschrift «Ressourcen des Christentums» erwähnt. In den Entwürfen gehe es deutlich mehr um Ethik und Moral als um das Christentum.
Der Bundesverband distanzierte sich jedoch von der Kritik seines Hildesheimer Partnerverbandes. Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Lehrplan lasse schnell erkennen, dass Inhalte wie Jesus, Gott oder Kirche keineswegs herausgefallen seien. Vielmehr gehe der neue Lehrplan viel stärker als zuvor von den Lernenden und ihren Lebenswelten aus und bringe diese in eine Auseinandersetzung mit der Tradition und Kultur des christlichen Glaubens.
Klassische Inhalte fänden sich deshalb in einer neuen Systematik wieder. Sowohl der Bundesverband der Religionslehrkräfte als auch der regionale Verband hätten an der Gestaltung des Kerncurriculum mitgewirkt, betonte der Bundesverband.