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Symbole im Klassenchat, Hakenkreuze an Toilettentüren: In vielen Schulen wächst die Notwendigkeit, Rechtsextremismus vorzubeugen. Ein Kurs an einer hannoverschen Gesamtschule zeigt, wie das mit Freiraum und spielerischen Methoden gelingen kann.

Hannover (epd). Ursprünglich galt das Handzeichen als harmloser Tauchergruß. Doch seit einigen Jahren schon stehen der von Daumen und Zeigefinger geformte Kreis und die drei abgespreizten Finger nicht mehr nur für «Ok», sondern auch für «White Power». Rechtsextreme haben das Symbol für sich gekapert. Von einem geheimen Code kann längst keine Rede mehr sein: Selbst unter Grundschülern ist er bekannt - und manche verwenden ihn.

Symbole wie diese in Klassenchats, Hakenkreuze an Toilettentüren, rassistische und antisemitische Äußerungen auf dem Schulhof - das haben Evan und Camie erlebt, bevor sie an die IGS Roderbruch in Hannover kamen. Die Integrierte Gesamtschule, deren Angebot von der ersten Klasse bis zum Abitur reicht, zählt zu den größten in Niedersachsen. Antirassismus, gegenseitige Wertschätzung und Demokratieförderung werden dort besonders großgeschrieben.

Teil dieses Engagements ist das Wahlpflichtfach «Kunst und Politik». Es kann als Ersatz für eine dritte Fremdsprache im elften Jahrgang belegt werden. Die Pädagogin Melanie List hat es vor vier Jahren in den Stundenplan eingebracht. Für sie ist es «eines der lebendigsten Formate» überhaupt im Schulunterricht. Die Jugendlichen arbeiten ein Jahr lang an der Schnittstelle von künstlerischer Gestaltung, Journalismus und politischem Diskurs.

So wirken sie etwa mit kreativen Beiträgen an den Hannah-Arendt-Tagen der Stadt Hannover mit oder entwerfen T-Shirts mit der Aufschrift «Make Racism Wrong Again». Zudem veröffentlicht der Kurs eigene Podcasts, selbst verfasste Essays und Kommentare zu gesellschaftspolitischen Themen in einem digitalen Magazin der Schule.

Angesichts steigender rechtsextremistischer Tendenzen, insbesondere unter Jugendlichen, wird immer wieder diskutiert, Demokratie als Schulfach einzuführen. Doch ihr Kurs sei damit nicht zu verwechseln, betont der 17-jährige Evan, der auch Hannovers Stadtschülersprecher ist. Er lehnt die Idee ab, «zumindest, wenn der Unterricht so aufgebaut ist, dass uns nur theoretisch beigebracht wird, was Demokratie bedeutet.»

Das ausschließlich mit Begriffen zu lernen und Klausuren darüber zu schreiben, könnte dazu führen, dass es Schüler langweilt und sie dem ablehnend gegenüberstehen, warnt Evan. Seine Mitschülerin Camie, 16, ergänzt: «So ein Fach muss Raum bieten, um Denken und Diskutieren zu lernen.» Ein kreativer Zugang helfe dabei.

Kreativität müssen Schulen künftig wohl immer öfter beweisen. Denn obwohl rechtsextremistische Vorfälle in Bildungseinrichtungen bundesweit zunehmen, fehlt es an finanzieller Förderung für Beratung, Projekte und Workshops. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) will das Programm «Demokratie leben!» weitreichend überarbeiten. Das könnte auch Auswirkungen auf das Landes-Demokratiezentrum Niedersachsen (L-DZ) und seine Angebote wie präventive Schulungen haben.

Derzeit sei das L-DZ noch nicht von Kürzungen betroffen, teilt eine Sprecherin des niedersächsischen Justizministeriums auf Nachfrage mit. Doch problematisch sei, dass das Bundesbildungsministerium am «Prinzip der Jährlichkeit» festhalten wolle. Die stets auf ein Jahr befristete, aber über Folgeanträge verlängerbare Förderung von Demokratieprojekten schaffe kaum Planungssicherheit und erschwere die Begleitung längerfristiger Projekte.

Doch gerade das ist offenbar nötig. Denn wie es ebenfalls aus dem Landesjustizministerium heißt, wächst nicht nur der Beratungsbedarf stetig, sondern auch eine «rechtsextrem orientierte Jugendkultur, die sich vor allem im Netz als »rebellisch und attraktiv« präsentiere und vor allem Anziehungskraft auf junge Männer ausübe.

Für Camie und Evan ist klar: »Demokratie muss am meisten gefördert werden.« Und sie haben auch eine Idee, was sie mit einem Fördertopf für entsprechende Projekte an ihrer Schule anfangen würden: »Einen Monat lang von der ersten Klasse bis zum 13. Jahrgang Bundestag spielen - mit Wahlen, Programmen, Abstimmungen. Damit man weiß, wie Demokratie wirklich funktioniert."