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Bei hohen Temperaturen sind Menschen ohne Wohnung besonders gefährdet. In Hannover versorgen Sozialarbeiter sie mit Wasser und Sonnenschutz - und erleben, wie schwierig es ist, sich vor der zunehmenden Hitze zu schützen.

Hannover (epd). «Ich kann nicht mehr.» Der ältere Mann sitzt auf dem Boden der Bahnhofshalle in Hannover, den Rücken an eine Glaswand gelehnt. Draußen flimmert die Mittagshitze über dem Vorplatz, 31 Grad zeigt das Thermometer an. Auch in der Halle steht die warme Luft. Als ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ihn auffordert, aufzustehen, hebt der Mann nur kurz den Kopf. «Ist ja gut», murmelt er. Der Wohnungslose hat Tränen in den Augen. «Ich schaffe keine hundert Meter mehr», sagt er leise. Die Straßensozialarbeiterin Lea Coners kniet sich neben ihn und reicht ihm eine Wasserflasche.

Nach den letzten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in Deutschland rund eine Million Menschen wohnungslos. Sie seien den hohen Temperaturen schonungslos ausgesetzt und hätten kaum Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, sagt Coners. «Sie sind besonders gefährdet.» Laut Robert Koch-Institut sind in diesem Jahr bundesweit rund 9.800 Menschen infolge hoher Temperaturen gestorben. Eine eigene Statistik zu Hitzetoten unter Wohnungslosen gibt es nicht.

Lea Coners und ihr Kollege Konrad Krebs arbeiten für den Kontaktladen für Wohnungslose «Mecki» des Diakonischen Werks in der Nähe des Bahnhofs. Dreimal die Woche drehen sie ihre Runde durch die Innenstadt. An diesem Tag haben sie einen Handwagen mit Wasser, Apfelschorle, Sonnencreme und Caps dabei. Diese Hilfsmittel hat die Stadt über ihre Sommernothilfe finanziert.

Konrad Krebs zieht den Wagen durch die Bahnhofshalle. Mit Faustcheck begrüßt er einen Mann. Er kennt viele der Menschen auf der Straße schon länger und spricht sie mit Vornamen an. «Wir wollen für die Menschen da sein, schauen, wie es ihnen geht», sagt Krebs. «Vertrauen ist eine wichtige Grundlage für unsere Arbeit.»

Ein paar Meter hinter dem Bahnhof führt eine Unterführung unter den Bahngleisen entlang. Eigentlich wäre dort ein guter Schutzort: schattig, kühl, überdacht. Doch der Platz bleibt leer. «Menschen dürfen an öffentlichen Orten nicht einfach liegen bleiben», erklärt Coners. Die Stadt habe in den vergangenen Jahren zwar mehr Trinkbrunnen aufgestellt, sagt die Sozialarbeiterin. «Dafür gibt es aber leider viel zu wenig Schatten.» Immer wieder müssten Wohnungslose neue Plätze suchen, um mit den Schatten mitzuwandern oder weil sie vertrieben werden.

Vor dem Hauptbahnhof liegt ein Mann auf seiner Jacke, den Kopf auf dem Rucksack. Er hat einen Platz unter Bäumen gefunden, im Hintergrund rauschen die Wasserfontänen. «Eigentlich lassen wir Menschen schlafen», sagt Lea Coners. Für Wohnungslose sei es eine große Erleichterung, wenn sie einen Ort gefunden hätten, an dem sie sich ausruhen können. Doch an diesem Tag schauen die Streetworker genauer hin. «Wenn jemand bei 30 Grad mit einer Jacke daliegt oder nicht mehr richtig reagiert, müssen wir handeln», sagt Coners und tippt den Mann an. Er reagiert und greift nach ihrer Wasserflasche und sie verabschiedet sich: «Schön weiterschlafen.»

Einige Wohnungslose hätten im Sommer noch lange Kleidung und Jacken an, weil das alles sei, was sie besitzen. Wenn die Menschen psychische Erkrankungen hätten, Alkohol oder Drogen konsumierten, könnten sie die Temperaturen nicht mehr richtig einschätzen, erläutert die Sozialarbeiterin.

Auf einer langen Bank beim Zentralen Omnibusbahnhof, den in Hannover alle nur ZOB nennen, sammeln sich viele wohnungslose Menschen unter den Bäumen. Die Straßenbahn klingelt, Autos und Busse rauschen vorbei. Mittendrin sitzt Oliver Drell. Der 51-Jährige trägt einen orangefarbenen Pullover und eine lange Jeans. «Zu warm heute», seufzt er. Neben ihm sitzt eine Frau in kurzer Hose und Top und pflichtet ihm bei: «Total ekelhaft.» Sie erzählt, dass sie die Lungenkrankheit COPD habe und kaum Luft bekomme.

Drell lebt seit sechs Wochen wieder auf der Straße. Er schläft hinter einem Haus und bemüht sich um eine Wohnung in einem Wohnheim, erzählt er. Er möge es, wenn Menschen um ihn herum sind, dann sei er nicht so einsam. «Viele, die vorbeikommen, halten Abstand, wenn sie sehen, dass ich Alkohol trinke», sagt Drell. Er schaut auf seine Bierdose und schluckt. «Ich fühle mich dann wie ein Mensch zweiter Klasse.» Lea Coners gibt ihm den Tipp, in die Marktkirche zu gehen, die ab 30 Grad geöffnet sei. Sie drückt ihm einen Flyer mit Tipps gegen die Hitze in die Hand. Viele Menschen wüssten nicht, wo sie Hilfe finden.

Am Ende der Runde ist der Wagen leer. 60 Flaschen haben die Sozialarbeiter verteilt. Doch dann sehen sie den älteren Mann aus der Bahnhofshalle mitten in der Sonne liegen. Seine Augen sind geschlossen. Mit Jogginghose und Sweatshirtjacke ist er zu warm angezogen. Ein Polizist auf einem Fahrrad hält an. Er verspricht, den Mann im Auge zu behalten.

«Man darf in dem Job keine Person sein, die das alles mit nach Hause nimmt», sagt Coners. «Wir haben nicht viele Möglichkeiten, aber es ist auch keine Möglichkeit, die Menschen einfach liegenzulassen.» Der Klimawandel bereite ihr Sorgen, denn ihr Blick auf Extremwetter, wie Starkregen oder Hitzewellen habe sich geändert. «Ich denke dann automatisch an die Menschen auf der Straße.»