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Rund 5,6 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, und es werden immer mehr. Niedersachsens Diakonie-Chef Lenke glaubt, dass der drohende Pflegenotstand auf alten Wegen nicht bewältigt werden kann, und bringt einen neuen Vorschlag ein.

Hannover (epd). Angesichts der zunehmenden Zahl von Pflegebedürftigen in Deutschland regt der niedersächsische Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke an, eine Neuorganisation bei den ambulanten Pflegediensten in den Blick zu nehmen. «Wir werden gerade in ländlichen Regionen viel stärker darüber nachdenken müssen, die Versorgungsbereiche zu organisieren nach dem Prinzip: ein Dorf, ein Stadtteil - ein Pflegedienst», sagte Lenke dem Evangelischen Pressedienst (epd). So könnten Fahrzeiten reduziert und Pflegefachkräfte gezielter eingesetzt werden.

«So wie es jetzt ist, lassen wir zu viel Zeit auf der Straße liegen», unterstrich Lenke anlässlich des «Internationalen Tags der Pflegenden» am 12. Mai. Aktuell säßen Pflegekräfte zu lange im Auto. «Bei dem eklatanten Fachkräftemangel, in den wir immer weiter hineinrutschen, müssen wir schauen, wie wir die Pflegekräfte möglichst effektiv einsetzen.»

Gegenwärtig sei die Gesellschaft von einem solchen Versorgungsprinzip noch weit entfernt, weil Pflegeleistungen wie eine Ware angeboten würden, sagte Lenke: «Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns in diese Richtung entwickeln müssen.» Der Diakonie-Chef bat die Politiker, sich gemeinsam mit den Kostenträgern und den Leistungserbringern auf den Weg zu machen. Eine kommunale Pflegeplanung wäre dabei eine notwendige Basis. Die Dörfer und Stadtteile wüssten selbst am besten, wie viele Pflegebedürftige es bei ihnen vor Ort gebe und wie die Alterspyramide aussehe.

Derzeit sind bundesweit rund 5,6 Millionen Menschen pflegebedürftig. Prognosen zufolge wird ihre Zahl bis 2030 auf rund sechs Millionen und bis 2040 auf bis zu sieben Millionen steigen. Rund 80 Prozent der Betroffenen werden zu Hause versorgt, in den meisten Fällen von Angehörigen.

«Ich glaube, dass es in Zukunft viel stärker quartiersbezogene Netzwerke für die Pflege und Versorgung pflegebedürftiger Menschen geben muss», betonte Lenke. Daran könnten neben den Familien auch Nachbarn mitwirken. «Sie müssen nicht pflegen, aber vielleicht können sie einkaufen. Und im Sommer darauf achten, dass die Menschen genug trinken.» Das Ganze könne von der hauptamtlichen Kraft eines ambulanten Pflegedienstes koordiniert werden, die sich dann auch um Vertretungsregelungen kümmere. «Dann wären wir bei einem Modell Gemeindeschwester 2.0.»

Lenke betonte: «Es muss unser Ziel sein, dass wir die Menschen möglichst lange zu Hause halten.» Das entspreche dem Wunsch der meisten Menschen und entlaste die Pflegeheime. Pflegende Angehörige müssten allerdings umfassend unterstützt werden, auch durch Beratung, durch gut organisierte Tagespflege-Einrichtungen und möglicherweise durch Kirchengemeinden vor Ort. Die Angehörigen leisteten Enormes, betonte Lenke: «Das ist praktisch und emotional eine große Herausforderung.»