Von Dieter Sell (epd)
Deutschlands erster spiritueller Radfernweg bekommt Zuwachs: Zwischen Bremen und Wischhafen führt der «Mönchsweg» nun in eine Region voller verborgener Natur- und Kulturschätze. Eine mehrtägige Tour, die Leib und Seele verwöhnt.
Bremen/Wischhafen (epd). Der Wind schüttelt die Gäste in der Turmlaterne der historischen Cosmaekirche hoch über den Dächern der Stader Altstadt mächtig durch. Unter ihnen schwingt das größte Glockengeläut im Alten Land, vor ihren Augen ein weiter Blick über Dörfer und Obstbäume bis zum Hamburger Hafen. Die abenteuerliche Turmbesteigung teils auf allen vieren gehört zu den Höhepunkten auf dem Mönchsweg. Er bringt Radler auf einer alten Pilgerstrecke über 190 Kilometer von der Weser in Bremen bis zur Elbe nach Wischhafen. Am Pfingstmontag wird er offiziell eröffnet.
In Schleswig-Holstein ist der Mönchsweg zwischen Glückstadt und Fehmarn schon seit 2007 Anziehungspunkt für jährlich Tausende Radtouristen. Seit drei Jahren führt er in Dänemark von Rødbyhavn weiter bis Roskilde. Mit dem niedersächsischen Teil erschließt er nun auf einer Gesamtlänge von 980 Kilometern steigungsarm nicht nur die Landschaft, sondern auch einen wichtigen Teil der kirchlichen Geschichte an Nord- und Ostsee. «Die Route folgt den Spuren der Missionare, die das Christentum in den Norden brachten», erläutert die Stader Pastorin Sonja Domröse, die mit vielen anderen Partnern aus Kirchen, Kommunen und Touristik den niedersächsischen Teil geplant hat.
Ausgangspunkt ist Bremen mit seinem mächtigen St.-Petri-Dom, dem mittelalterlichen «Rom des Nordens». Papst Gregor IV. hatte dort um 832 Ansgar, den «Apostel des Nordens», zum Missionserzbischof für die transelbischen Gebiete und Skandinavien bestellt. «Damit wuchs der Domkirche eine historische Aufgabe von europäischem Rang zu, denn die Ausbreitung des Christentums war für Europa konstitutiv», erläutert der Bremer Historiker Ulrich Weidinger.
Entlang des ersten spirituellen Radfernweges Deutschlands klären allein im Elbe-Weser-Raum Schautafeln an 24 Orten über Sehenswürdigkeiten, historische Hintergründe und Route auf. Wer dem Weg folgen will, achtet auf ein Logo, das die Silhouette einer Kirche in einer geöffneten Pforte zeigt oder programmiert das Fahrrad-Navi einfach mit den kostenlosen GPS-Daten. Für den niedersächsischen Weg seien rund 200.000 Euro investiert worden, bilanziert Koordinatorin May-Britt Müller vom Stadtmarketing in Harsefeld. Beteiligt daran sind neben der EU die Metropolregion Hamburg und viele Kommunen.
Herausgekommen ist eine Route, die nicht nur mehr als 30 Kirchen verbindet, unter ihnen Kleinode wie die leuchtend weiße Barockkirche St. Petri an der Oste. Gleich nebenan können Radler mit einer Fähre über die Oste schweben, wenige Kilometer entfernt Bauernmalereien, historische Orgeln oder das Christkinddorf Himmelpforten bestaunen. Und das sind längst nicht alle Attraktionen.
«Radpilgern auf dem Mönchsweg erschließt verborgene Kulturschätze», schwärmt Pastorin Domröse und fügt hinzu: «Ein Genuss für Leib und Seele.» Karl Heinz Brinkmann, Fährmann in Osten, wirbt für «einen Ort des Glücks und der Entschleunigung». Und meint damit nicht nur das Schweben über die Oste, nach dem sich im benachbarten Fährkrug gut und gerne Spargel, Aal, Scholle oder Matjes essen lässt.
Einzigartig sind Abschnitte wie das EU-Naturschutzgebiet Borgfelder Wümmewiesen, in denen Bekassine, Wachtelkönig, Eisvogel und Fischotter zu Hause sind. Wenig später lockt die Kräuterregion rund um Horstedt mit Attraktionen wie einem Bibelgarten und Europas größter Kräuter- und Duftpflanzengärtnerei. Weiter geht es Richtung Nartum, dem Wohnsitz des verstorbenen und vielfach ausgezeichneten Schriftstellers Walter Kempowski («Tadellöser & Wolff»).
Ein Snack unter Eichen im örtlichen «Melkhus» gefällig? Auf ihrem Bauernhof bieten Birgit und Klaus Intemann erfrischende Milch- und Buttermilchshakes nebst Quark- und Joghurtspeisen an. Zur nächsten willkommenen Rast lädt gut 20 Kilometer weiter der Park neben dem einst mächtigen Benediktiner-Kloster in Zeven ein. Dann durch den Urwald Braken zum Klosterpark Harsefeld: Dort soll der niedersächsische Mönchsweg am 9. Juni mit einem Festakt offiziell eröffnet werden.
Durch Europas größtes geschlossenes Obstanbaugebiet, dem «Alten Land», und entlang der Elbe mit Blick auf haushohe Containerschiffe führt die Strecke nach Stade, mit Bremen die zweite Hansestadt am Pilgerweg. Einst war sie der bedeutendste Hafenplatz an der Unterelbe, weit wichtiger und größer als Hamburg. Doch das Blatt hat sich gewendet. Heute besticht Stade mit einer liebenswerten Fachwerk-Altstadt, zu der eben auch der gelegentlich sturmumtoste Blick von der Cosmaekirche gehört.
Eine letzte Etappe führt über Himmelpforten mit Christkindpostamt und Ganzjahres-Weihnachtshaus auf schier endlos geraden Straßen durch Marsch und Moor nach Hamelwörden und schließlich nach Wischhafen. Wer will, kann hier mit der Elbfähre übersetzen und in Schleswig-Holstein weiterfahren. «Der Mönchsweg verbindet Kultur- und Naturerlebnisse», fasst Sonja Domröse die Stärken der Tour zusammen und ermutigt dazu, sich schon bald aufs Rad zu schwingen.
Info
Sternfahrt und Feier zur Eröffnung der neuen «Mönchsweg»-Etappe im Elbe-Weser-Raum am Pfingstmontag, 9. Juni, 12 Uhr bis 19 Uhr im Klosterpark Harsefeld.
Buchhinweis: bikeline-Radatlas Mönchsweg, Radwandern durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein von Bremen nach Fehmarn, Verlag Esterbauer Berlin, Juni 2014, 140 Seiten, 13,90 Euro
Infotelefon Mönchsweg: 04351/735-273
Internet: www.moenchsweg.de sowie www.munkevejen.dk
Die Eröffnungsfeier findet statt im Klosterpark Harsefeld, Am Amtshof 3, 21698 Harsefeld