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Wenn Fußball-Clubs wie Dortmund und Schalke oder Hannover und Braunschweig aufeinandertreffen, geht es selten nur um Sport. Dann drängen Feindbilder, Aggressivität und Leidenschaft nach vorn. Manche Rituale erinnern an Religion.

Göttingen/Braunschweig (epd). Die intensive Rivalität zwischen Fußball-Fans wie die zwischen Hannover und Braunschweig geht aus Sicht des Göttinger Theologieprofessors Thomas Kaufmann weit über den Sport hinaus und erinnert an religiöse Glaubenskriege. «Die Inbrunst, mit der sich Menschen ganz einem Verein verschreiben, hat aus meiner Sicht eindeutige Parallelen zur Religion», sagte Kaufmann dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf das Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig am Freitagabend.

Der evangelische Kirchenhistoriker äußerte sich vor dem Derby am Rande einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Hannover. Die religiösen Strukturen des Fans-Seins seien im Stadion deutlich zu sehen, sagte er. So stimmten sich die Anhänger eines Clubs mit liturgischen Gesängen auf ein Spiel ein. Wie bei einem religiösen Glauben identifizierten sie sich mit ihrer Mannschaft. Ein Spiel werde so zu einer Art Gottesdienst. Sportler avancierten zu Helden, im übertragenen Sinne zu Heiligenfiguren. Bei manchen Fans drehe sich das ganze Leben um den Fußball.

Bei Borussia Dortmund könnten sich die Anhänger durch eine Spende, ein Grab und eine Erinnerungstafel sogar ihr Nachleben im Umfeld des Stadions sichern, erläuterte Kaufmann: «Das kultisch Überhöhte ist dem Fußball eigen, insofern würde ich schon von einer Ersatzreligion sprechen.»

Mitunter löse sich diese Art von Fanatismus vom eigentlichen Spiel, und bestimmte Fans gerieten außerhalb des Stadions gewaltsam aneinander. «Dann wird die Identifikation mit einem Label oder einer Idee wichtiger, und das sportliche Ereignis tritt in den Hintergrund.»

Wo Fanatismus auftauche, egal ob in der Religion, im Sport oder in der Politik, wird es laut Kaufmann gefährlich: «Weil Fanatiker ihre Überzeugung und das, was ihnen wichtig ist, über alles stellen.» Der Theologe betonte: «Der Fanatismus bedarf der bändigenden und zivilisierenden Kraft von Recht und Ordnung.»

Auch das erinnere an die Erfahrungen aus religiösen Glaubenskriegen. Denn religiöse Menschen neigten dazu, sich selbst und ihre Meinung absolut zu setzen: «Es bedarf eines Staatswesens, das der Religion Grenzen setzt und Regeln vorschreibt.» Er sei überzeugt davon, dass dies eine der Folgen der protestantischen Reformation im 16. Jahrhundert sei.

Kaufmann räumte allerdings ein, dass die Identifizierung mit einem Fußball-Verein auch Sinn und Gemeinschaft stiften und für die Anhänger eine Art von familiären Strukturen schaffen könne. Auf die Frage, ob es einen Fußball-Gott gebe, antwortete der Theologe: «Nein. Die alles durchdringende, schöpferische Gegenwart Gottes umfasst keine Ereignisse dieser Art. Wenn man anfängt, das zu denken, landet man in Teufels Küche.»