Umnutzung im Nordwesten noch zurückhaltend
Seit 2015 haben die Kirchen in Deutschland knapp 1.000 Sakralgebäude umgenutzt oder verkauft. Aktuell gibt es noch rund 44.000 Gotteshäuser, davon rund 3.700 in Niedersachsen und Bremen. Der Bestand wird voraussichtlich weiter zurückgehen.
Hannover/Hildesheim (epd). Es gibt sie als mächtige Kathedralen und unscheinbare Wegkapellen, als barocke Schmuckstücke und Betonklötze mit Lagerhallen-Charme: Rund 44.000 Kirchen prägen im Jahr 2026 in Deutschland das Bild von Städten und Dörfern. Seit 2015 sind allerdings bereits rund 1.000 Gotteshäuser umgenutzt, verkauft oder abgerissen worden, wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) bei den 20 evangelischen Landeskirchen und 27 katholischen Bistümern ergeben hat. Dieser Trend wird sich aufgrund des Mitgliederschwunds und der rückläufigen Finanzmittel der Kirchen in den nächsten Jahren fortsetzen.
In Niedersachsen und Bremen gibt es der Umfrage zufolge derzeit rund 3.700 Kirchengebäude - die Zahl der entwidmeten Kirchen hält sich hier noch in Grenzen. So meldete die evangelische Landeskirche Hannovers nur 15 umgenutzte Kirchen seit 2015. Insgesamt unterhält die größte evangelische Landeskirche in Deutschland zwischen dem Landkreis Göttingen und der Nordsee derzeit rund 2.000 Sakralgebäude, von denen rund 80 Prozent unter Denkmalschutz stehen. Die Kirche setze darauf, ihre Kirchengebäude möglichst weiter zu pflegen, gegebenenfalls selbst umzunutzen oder temporär stillzulegen, hieß es.
# Rheinland an der Spitze
Bei den Protestanten liegt die Evangelische Kirche im Rheinland mit 180 entwidmeten Kirchen und Gottesdiensträumen seit 2015 an der Spitze, gefolgt von der Landeskirche von Westfalen mit 120 Kirchen und Gemeindezentren. Wie in vielen anderen Bistümern und Landeskirchen auch läuft in der rheinischen Kirche - die insgesamt noch 1.350 Kirchen auflistet - ein Prozess zur Gebäudebedarfsplanung.
Man erwarte, dass dabei «zwischen 30 und 50 Prozent der kirchlichen Gebäude aus der kirchlichen Nutzung genommen werden», teilte ein Sprecher mit. Ähnliche Einschätzungen kommen von den anderen 42 Umfrage-Teilnehmern. Meist entscheiden die Gemeinden vor Ort über die Zukunft eines Kirchengebäudes.
# Ziel: Gute Nachnutzung und Erhalt der Gebäude
Spitzenreiter auf katholischer Seite ist das Bistum Essen, in dem - allerdings schon seit dem Jahr 2000 - 131 Kirchen aufgegeben wurden. Mit größerem Abstand folgt das Bistum Trier, wo seit 2015 etwa 60 Gotteshäuser profaniert, also «weltlich gemacht» wurden. Eine solche Entwidmung bedeutet aber nicht gleich Verkauf oder Abriss: Generell werde in diesen Fällen «eine gute Nachnutzung und der Erhalt des Gebäudes angestrebt», teilte eine Sprecherin mit. Häufig handle es sich um soziale Konzepte wie Wohnungen oder Kitas.
Unkonventionelle Umnutzungen gibt es in den Bistümern Aachen und Hildesheim: Während in Aachen 13 Kirchen als Kolumbarien, also Begräbniskirchen für Urnenbestattungen, dienen, soll in Hildesheim künftig eine Kirche zur Sternwarte umgerüstet werden.
# Hörspielkirche, Boulderchurch und Synagogen
Die Protestanten in Berlin-Brandenburg haben derweil eine Flüchtlings- und eine Hörspielkirche im Angebot, sowie die ehemalige Schlosskirche Cottbus, die heute eine Synagoge ist. Im vorigen Jahr sorgte die «Boulderchurch» in Bad Orb für Aufsehen, wo aus einer katholischen Kirche ein Ort für Kletterer geworden ist.
In Hannover wurden bereits zwei frühere evangelischen Kirchen zu Synagogen umgebaut. Weitere dienen heute als Studentenwohnheim, als interreligiöses Zentrum oder als Domizil eines Knabenchors.
Eine gern gesehene Kooperation ist die mit anderen christlichen Gemeinschaften: Allein die Landeskirche von Württemberg hat laut Sprecher vier Gotteshäuser an die armenische, koptische, mazedonisch- und griechisch-orthodoxe Kirche übergeben. Auch Archive und Depots haben in Kirchen schon ihren Platz gefunden.
# Zukunftsprozesse zu Gebäudebestand
In Niedersachsen zählt die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg 208 Sakralgebäude oder Sakralräume zu ihrem Besitz, von denen 124 unter Denkmalschutz stehen. Alle Gemeinden nähmen aktuell ihren Gebäudebestand unter die Lupe und erarbeiteten bis Ende 2027 Effizienzpläne, hieß es.
Zum Immobilienportfolio der evangelischen Landeskirche Braunschweig gehören rund 430 Kirchen, Kirchenzentren und Kapellen, von denen 372 unter Denkmalschutz stehen. Auch hier gibt es einen Zukunftsprozess für die Nutzung der Immobilien, aber keine feste Quote für die Aufgabe von Gebäuden.
# Malermeisterin eröffnete Ausstellungsraum
Die Evangelisch-reformierte Kirche mit Sitz in Leer meldete 166 Kirchen und Gemeindehäuser mit Gottesdienstraum. Vier frühere Kirchen seien bereits verkauft worden, in einer habe eine Malermeisterin einen Ausstellungsraum eröffnet, wobei sie das Inventar zum größten Teil bestehen ließ. Die kleine Landeskirche Schaumburg-Lippe verfügt über 25 Kirchen - 22 davon sind denkmalgeschützt.
Das katholische Bistum Hildesheim hat 386 Kirchen und Pfarrzentren sowie sechs Klöster in seinem Bestand. Im Bistum Osnabrück sind es 289 Kirchen, von denen 168 unter Denkmalschutz stehen. In der Bremischen Evangelischen Kirche gibt es 70 Kirchen und Gemeindezentren, von denen die Hälfte unter Denkmalschutz steht.
Ein Beitrag von Susanne Schröder und Björn Schlüter (epd).