Interview mit Kreispfarrerin Christiane Geerken-Thomas
Christiane Geerken-Thomas ist Kreispfarrerin im Ev.-luth. Kirchenkreis Wesermarsch. Sie hat den Gebäudeprozess im Rahmen des Gebäudeeffizienzplangesetzes mit angestoßen. Warum dieser für einen ländlichen Raum wie die Wesermarsch so wichtig ist, hat sie uns in einem Interview berichtet.
Kreispfarrerin Geerken-Thomas, was zeichnet Ihren Kirchenkreis, die Wesermarsch, aus?
Die Wesermarsch ist der ländlichste Raum unter den sechs Kirchenkreisen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, der sich von Wesermündung und Jadebusen bis Bremen erstreckt. Barock und Renaissance prägen unsere Dorfkirchen, die von Friedhöfen umgeben sind. Zu den Kunstschätzen unserer Kirchen zählen Altäre, Kanzeln und Taufsteine von Ludwig Münstermann sowie die Orgeln von Arp Schnitger.
Auf 1.000 Gemeindeglieder kommt ein Gemeindehaus. Vergleicht man dies mit dem Kirchenkreis Oldenburg Stadt, sind es dort fast 5.000 Gemeindeglieder auf ein Gemeindehaus. Wir verfügen flächendeckend über viele Gebäude, konkret bedeutet das, dass sich in jeder der 27 Kirchengemeinden mindestens eine Kirche mit Friedhof sowie ein Gemeinde- und ein Pfarrhaus befinden.
Warum muss sich die oldenburgische Kirche mit ihren Gebäuden auseinandersetzen?
Wir haben den Auftrag, nicht nur an uns zu denken, sondern an die Zukunft. Wir müssen das Klima schützen, um die Schöpfung zu bewahren.
Gebäude spielen dabei eine zentrale Rolle, denn sie verursachen einen großen Teil der CO2-Emissionen. Gebäudeerhaltung ist sehr kostenintensiv und eine ständige Aufgabe. Wir verfügen allein in der Wesermarsch über rund 90 kirchlich genutzte Gebäude. Angesichts der rückläufigen Mitgliederzahlen müssen wir uns fragen, ob wir all diese Gebäude in Zukunft noch benötigen. 2022 haben wir in diesem Zusammenhang bereits begonnen, Pfarrstellen zu reduzieren.
Warum haben Sie den Gebäudeprozess mit auf den Weg gebracht? Warum ist er Ihrer Meinung nach so wichtig?
Der Finanzdruck in unserem Kirchenkreis ist durch die regionalen Gegebenheiten vor allem auf die sehr kleinen Kirchengemeinden erheblich. Schauen wir uns die Gemeinden Butjadingen und Moorriem an. Die sechs Gemeinden in Butjadingen haben Gemeindeglieder im Umfang von einer Pfarrstelle und in Moorriem gibt es drei Kirchen, auf die zukünftig nur eine halbe Pfarrstelle kommt. Wir haben also vielerorts deutlich mehr Kirchen als Pfarrpersonen. Das Verhältnis stimmt einfach nicht mehr. Es war also wichtig, den Gebäudeprozess anzustoßen, damit wir uns den nötigen Veränderungen stellen.
Kirchliche Gebäude dienen gerade im ländlichen Raum der Identifikation. Die Menschen reagieren oft zunächst mit Ablehnung, wenn es darum geht, eine Kirche oder ein Gemeindehaus aufzugeben. Deshalb ist es umso wichtiger, die Menschen in diesem Prozess mitzunehmen und ihnen zu erklären, warum wir das tun.
Wie sieht das praktisch aus?
Hier sind die Gemeinden gefragt. Sie sind es, die bestimmen müssen, wie ihr Gemeindeleben künftig aussehen soll und wie sie ihren Glauben leben und weitertragen wollen. Denn dies hängt unmittelbar mit der dafür benötigten Art und Anzahl der Gebäude zusammen.
Mein Respekt gilt den Ehrenamtlichen in den Gemeindekirchenräten, die vor Ort den Prozess vertreten. Denn sie sind diejenigen, die die Entscheidungen verantworten und in den Gemeinden weiterleben müssen. Sie stehen den Menschen in den Gemeinden und Kommunen mit allen Fragen, Sorgen und auch Ablehnungen gegenüber und müssen den Prozess erläutern.
Um ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen, müssen wir aufklären. Dazu geben wir unseren Mitarbeitenden Argumentationshilfen an die Hand. Nur mit dem notwendigen Hintergrundwissen können nachvollziehbare Antworten gegeben werden.
„Die Kirche hat doch Geld“ – ein Satz, der häufig fällt. Ja, die Kirche hat Geld. Aber wenn Gemeindeglieder wegfallen, sinken auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer. Dazu muss man wissen, dass sich die oldenburgische Kirche zu 90 Prozent aus Kirchensteuern finanziert. Das bedeutet, dass wir bei sinkenden Gemeindegliederzahlen weniger Geld zur Verfügung haben, mit dem wir Gebäude unterhalten können. Darüber hinaus spielt natürlich auch der Klimaschutz eine entscheidende Rolle bei der Betrachtung der Gebäude, denn Gebäude sind Treiber der CO2-Emissionen. Es besteht also großer Handlungsbedarf.
Was bedeutet das für die Gebäudeplanung in Ihrem Kirchenkreis?
Im Verhältnis zu unseren Gemeindegliedern haben wir hier in der Wesermarsch eine Fülle von kirchlichen Gebäuden. Wir werden gezwungen sein, umzudenken.
Der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus ist dabei entscheidend. Wir überlegen genau, welche Gebäude wir in Zukunft nutzen wollen und vor allem wie. Besondere Bedeutung haben bei den Überlegungen unsere Friedhöfe, die oft in einem Ensemble mit einer Kirche und einem Pfarrhaus stehen. Die Friedhöfe müssen erhalten werden. Für die dazugehörigen Kirchen denken wir die Raumnutzung teilweise neu.
Gottesdienstangebote befinden sich bereits im Wandel. Sie werden experimenteller und verlassen immer häufiger die kirchlichen Gebäude. Auch in unserem Kirchenkreis feiern wir bereits Gottesdienste unter freiem Himmel oder in Scheunen oder Tauffeste am Strand.
In Hamburg gibt es beispielsweise die Wohnzimmerkirche, in Brake hat der Kreisjugenddienst die große neugotische Kirche für einige Zeit in einen Platz zur Begegnung und zum Chillen mit Schaukeln verwandelt. Mit- und Umnutzungen von Kirchen sind in unseren Kirchenkreisen wie in ganz Deutschland in Ansätzen zu finden. Also, warum sollte nicht auch bei uns vielleicht eine Yoga-Lehrerin ihre Kurse in der Kirche abhalten dürfen? Letztendlich kommt es doch darauf an, dass solch ein Angebot zu unseren Werten passt.
Innovation ist in diesem Zusammenhang aber gar nicht so einfach. Denn für viele Menschen ist die Mit-oder Umnutzung von Kirchen in der Denke noch sehr weit weg.
Wir beginnen also behutsam und schrittweise, Gestaltungsideen in den Gemeinden zu entwickeln, auf deren Basis wir dann unsere Gebäude planen können.
Welche Herausforderungen und welche Chancen sehen Sie?
Die größte Herausforderung ist gleichzeitig auch die größte Chance des Prozesses. Sie besteht darin, uns als Kirche neu zu definieren. Kirche verändert sich, weil sich die Menschen und ihre Spiritualität verändern. Also sollten wir uns als Kirche auch verändern. Deshalb haben wir mit neuen Gottesdienstkonzepten schon erste Weichen dafür gestellt.
Weniger Orte bedeuten dann auch, dass mehr Menschen an einem zentralen Ort zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu unternehmen, sich auszutauschen oder Gottesdienst zu feiern. Das ist ein absolut positiver Effekt dieses Prozesses, denn mit mehr Menschen machen viele Dinge wie Singen einfach noch mehr Spaß.
Wir starten jetzt in eine neue Kirchenära. Wir gestalten aktiv unsere Zukunft, in dem wir uns als Kirche neu definieren. Wir verlassen unsere kirchlichen Mauern und machen uns auf den Weg zu den Menschen. Warum sollten wir also nicht auch andere Orte wie die Feuerwehr oder den Friseursalon für Gottesdienste wählen?
Es geht doch darum, dass wir präsent sind und die Botschaft Gottes weiter zu den Menschen tragen, und zwar dorthin, wo die Menschen sind. Innovationen sind dabei genauso entscheidend wie traditionelle Angebote, damit sich langfristig möglichst viele Menschen über unsere Kirchen hinaus mit ihrem Glauben identifizieren.
Das Interview führte Daniela Conrady.

