Zum Hauptinhalt springen

Im Rahmen des Projekts «Sea Care» hat eine Umfrage Seeleute zu ihren Bedürfnissen bei Krisen an Bord befragt. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig persönliche Unterstützungsangebote sind.

Bremerhaven (epd). Bordbesuche durch Kriseninterventionsteams haben für Seeleute bei Zwischenfällen auf See eine große Bedeutung. Das ist das zentrale Ergebnis einer Umfrage unter Seeleuten und Reedereien, das durch die Europäische Union im Rahmen des Projektes «Sea Care» gefördert wurde. «Diese persönliche Unterstützung ist für Seeleute ganz wichtig», sagt Dirk Obermann, Koordinator für Notfallseelsorge auf See der Deutschen Seemannsmission und ehemaliger Leiter des mittlerweile geschlossenen Seemannsheims in Bremerhaven.

Von den 306 Befragten hat knapp die Hälfte schon einmal eine Krisensituation auf See erlebt. Dabei könne es sich beispielsweise um gewalttätige Auseinandersetzungen an Bord, Unfälle, Piratenangriffe oder Todesfälle von Crewmitgliedern handeln. In diesen Situationen könne etwa die Deutsche Seemannsmission Seelsorge anbieten, berichtet Obermann. «Wenn ein Bordbesuch nicht möglich ist, kann das auch ein persönliches Telefonat oder ein Video-Call sein.»

Seeleute erhielten auch materielle Hilfe in Krisensituationen, wie Listen mit Stressreduktionsmöglichkeiten oder Verhaltensvorschlägen in Krisensituationen. Diese können den Ergebnissen der Umfrage zufolge aber den persönlichen Kontakt mit einem Kriseninterventionsteam nicht vollständig ersetzen. Jeric Bacasdoon, Doktorand an der World Maritime University (Malmö), der die Studie ausgewertet hat, erläutert: «Was sich gezeigt hat und für die Seeleute sehr wichtig war, ist die Vertrautheit mit dem Leben und der Arbeit von Seeleuten sowie deren Herausforderungen.»

133 der 306 Befragten wünschen sich eine persönliche Unterstützung ausschließlich vor Ort. 131 wünschen sich eine persönliche Online-Unterstützung über Video-Call. 73 erhoffen sich schriftliche Informationen, 68 E-Learning-Angebote, zwölf erwarten andere Angebote. Mehrfachantworten waren möglich. Die Umfrage zeige außerdem, dass es wichtig sei, «diese Unterstützung so schnell wie möglich - innerhalb von 48 Stunden - zu erhalten», sagt Obermann. Daran mangele es jedoch, ergänzt Stefan Francke, der sich als Pastor weltweit um die niederländischen Schiffscrews im Wasserbau kümmert.

«Die Umfrage hat uns auch gezeigt, dass es Bedürfnis nach spiritueller Unterstützung gibt, vor allem bei Todesfällen an Bord», sagt Obermann. In diesen Fällen könnten Seemannsmissionen wie in Bremerhaven, Cuxhaven und Bremen beispielsweise für eine kleine Andacht an Bord kommen. «Die Liegezeiten von solchen Frachtschiffen im Hafen sind oft extrem kurz. Das heißt, wenn jemand an Bord stirbt, erleben die Seeleute, wie innerhalb sehr kurzer Zeit der Tote an Land gebracht wird und eine Ablöse an Bord kommt.» Ein Abschiedsritual oder eine Andacht könnten den Seeleuten dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten. «Seeleute sind keine Ersatzteile. So sollen sie sich auch nicht fühlen», sagt Obermann.

So helfe die Umfrage auch dabei, «unsere Rollen klarer zu definieren», sagt Francke. Die Ergebnisse sollen dazu dienen, einheitliche Methodiken und Standards in der Krisenintervention im Nordseeraum zu schaffen. «Der nächste Schritt ist, bestehende Programme zu aktualisieren und zu verfeinern», sagt Inga Bartuseviciene, Professorin für Aus- und Weiterbildung im maritimen Bereich an der World Maritime University. Seemannsmissionen und Kriseninterventionsteams aus unterschiedlichen Staaten, unter anderem Deutschland, Belgien und den Niederlanden, seien in Kontakt.

«Jeder macht Krisenintervention, aber alle etwas anders», sagt Obermann. Um in Zukunft bestimmte Standards an Unterstützung zu bieten, arbeiten die Wohlfahrtsorganisationen mit der World Maritime University an einem Pilottraining für eine Gruppe von Krisenhelfern. Das Projekt soll im Februar 2027 starten.