Wer heute fastet, tut das nicht immer aus religiösen Gründen. Welche Motive und Traditionen es gibt, erläutert der evangelische Theologe Wolfgang Reinbold.
Hannover (epd). Tagsüber nicht essen, sieben Wochen auf Alkohol verzichten, jeden Tag Nähe zu Gott suchen: Menschen fasten auf ganz unterschiedliche Weise. «Fasten gab und gibt es in fast allen Kulturen und Religionen. Es hat einen inneren, tieferen Sinn, der vielen Menschen guttut», sagt der evangelische Theologe Wolfgang Reinbold. Die Gründe dafür seien ebenso verschieden wie die Formen des Fastens. «Es geht um Askese, Kontrolle, Verzicht, Reinigung, Trauer, Buße und vieles andere mehr, heute nicht zuletzt auch um Gesundheit. Einen einheitlichen Sinn gibt es nicht.»
Die Bibel hält fest, dass sich das Fasten auf Gott richten solle, nicht auf andere. «Anders gesagt: Wer fastet, sollte keine Show daraus machen», sagt Reinbold. In der christlichen Mystik entsteht später die Vorstellung, dass beim Fasten die Seele eins werden soll mit Gott und Jesus Christus.
Traditionell verzichten Christinnen und Christen vor allem auf Fleisch. «Der Verzicht auf Alkohol ist dagegen alles andere als eine Fastentradition , sagt Reinbold. Dem Theologen zufolge brauten Mönche in der Fastenzeit sogar ein besonders starkes »Fastenbier«. Dieses hat mehr Kalorien, damit man auch ohne Fleisch schnell satt werde.
Im Judentum ist für das Fasten der sogenannte »Große Versöhnungstag« besonders wichtig, auf Hebräisch »Jom Kippur«. An diesem Tag dürfen Jüdinnen und Juden nicht arbeiten und sollen streng fasten, um von ihren Sünden gereinigt zu werden. Muslime fasten im Ramadan tagsüber einen ganzen Monat lang. Nur nachts dürfen sie essen und trinken, erläutert Reinbold. »Auch Hindus, Buddhisten und andere Religionen kennen das Fasten und haben dafür genaue Zeiten und Regeln«, sagt der Experte für interreligiösen Dialog.
Selbstverständlich könnten auch nicht-religiöse Menschen von einer Zeit der Einkehr profitieren, sagt Reinbold. Zwischen religiösen und nicht-religiösen Angeboten sei ohnehin zunehmend schwerer zu unterscheiden. »Nehmen Sie beispielsweise ein Angebot wie Fasten und Einkehr', das von einem christlichen Kloster angeboten, von einer Ayurveda-Therapeutin und einer Meditationslehrerin geleitet und mit dem Motto 'Fasten zur Stärkung Ihrer Selbstheilungskräfte' beworben wird. Da könnten wir lang diskutieren, wo das Religiöse aufhört und wo das Säkulare beginnt."