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Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn Gräben tiefer werden? Zum Jubiläum der Evangelischen Akademie Loccum richten Ministerpräsident Lies und Landesbischof Meister den Blick auf die Kraft des Dialogs.

Loccum/Kr. Nienburg (epd). Angesichts von Tendenzen zur Abschottung und Spaltung in Teilen der Gesellschaft hat Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) dazu aufgerufen, das Gespräch über die Grenzen von Milieus hinweg zu suchen. «Wir brauchen Räume zur Diskussion und zum Austausch, um aus den sozialen Blasen herauszukommen», sagte Lies am Wochenende im niedersächsischen Loccum bei einer Feier zum 80-jährigen Bestehen der Evangelischen Akademie Loccum. Landesbischof Ralf Meister aus Hannover erinnerte in einem Festgottesdienst an die Anfänge der Akademie im Jahr 1946.

Lies betonte, die Gesellschaft teile sich zunehmend in soziale Gruppen und «Bubbles» auf, die getrennt voneinander unterwegs seien. «Wir erleben, dass Feindseligkeiten, Abgrenzung und Ausgrenzung zunehmen. Da müssen wir aufpassen und gegensteuern.» Die sozialen Medien verstärkten diesen Trend.

Die eigene Meinung kundzutun, genüge nicht, unterstrich der Ministerpräsident: «Wir müssen auch zuhören, reflektieren und nachvollziehen, was die Argumente des anderen sind.» Das sei in den sozialen Medien schwierig. Die Evangelischen Akademien seien solche Orte, wo Begegnung und Kommunikation stattfinden.

Bischof Meister sagte, die Gründung der Akademie im Jahr 1946 sei eine «Expedition in eine Trümmerlandschaft» gewesen: «Die Städte zerbombt, Ideologien zersplittert, die großen Erzählungen zerlegt.» Nach den autoritären und rassistischen Monologen der Nationalsozialisten hätten Menschen in der Akademie wieder damit begonnen, aufeinander zu hören und gemeinsam nach politischen und gesellschaftlichen Lösungen zu suchen.

Der Mensch werde erst zum Menschen «im Antlitz des Gegenübers», betonte Meister. Darum drehe sich die ganze biblische Geschichte von Gott und dem Menschen, die von Beginn an auf Dialog hin angelegt sei. «Ohne den Dialog mit Anderen und mit der Schöpfung verwüsten wir unsere Lebensgrundlagen.»

Dieser Dialog sei in der Evangelischen Akademie von Anfang an eingeübt worden. «Sie verdankt ihre Existenz der Überzeugung, dass die Suche nach Wahrheit größer ist als politische Lager, wissenschaftliche Disziplinen oder weltanschauliche Grenzen.»

Die Akademie wurde 25. September 1946 in Hermannsburg bei Celle mit dem Ziel eröffnet, Menschen aus verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nach der Katastrophe des Weltkriegs miteinander ins Gespräch zu bringen. 1952 zog die Einrichtung ins Klosterdorf Loccum bei Nienburg um. Neben ihrer Schwestereinrichtung in Bad Boll in Baden-Württemberg ist sie zweitälteste unter den 16 Evangelischen Akademien in Deutschland.

Zu den jährlich etwa 60 Veranstaltungen kommen im Schnitt rund 5.000 Besucherinnen und Besucher in das Dorf Loccum zwischen Weser und Steinhuder Meer, darunter viel politische Prominenz. Zu den Gästen gehörten Gerhard Schröder, Angela Merkel, Cem Özdemir, Willy Brandt, Rudi Dutschke und die US-Sicherheitsexpertin Condoleezza Rice. Trägerin der Akademie ist die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers.