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Die Schlange hat ein Imageproblem. Kaum ein anderes Tier gilt so selbstverständlich als hinterlistig, gefährlich und böse. Doch woher stammt dieses Bild? Die Antwort führt in Märchen und Literatur, in antike Mythen - und immer wieder in die Bibel.

Hannover/Barth (epd). Wenn Samira Schmitz das Terrarium öffnet, hebt Rhaenyra nur den Kopf. Die Kornnatter schaut kurz, wer da ist. Mehr passiert meistens nicht. Nur wenn die Reptilien-Tierärztin aus Hannover das Terrarium gründlich reinigt oder neu gestaltet, nimmt sie die Schlange lieber heraus. «Sie ist schon sehr neugierig», sagt Schmitz.

Kaum ein anderes Tier hat einen so schlechten Ruf wie die Schlange. Sie ist die Verführerin im Paradies, das Böse in Märchen, die lautlose Jägerin in Filmen und bis heute Sinnbild für Hinterlist und Gefahr. Doch woher kommt dieses Bild eigentlich? Die Antwort führt in antike Mythen - und immer wieder in die Bibel.

«Je nach Übersetzung kommen Schlangen in der Bibel über 70-mal vor», sagt Doreen Habermann, Leiterin des Bibelzentrums in Barth im Mecklenburg-Vorpommern, wo derzeit die Ausstellung «Tierisch biblisch - Tiere in der Bibel» gezeigt wird. Die bekannteste Geschichte sei die Vertreibung aus dem Paradies.

Doch anders als viele glaubten, werde die Schlange dort nicht mit dem Satan gleichgesetzt, erläutert Habermann. «Diese Verbindung entwickelt sich erst im Verlauf der biblischen Überlieferung.» Zwar werde sie als «das listigste aller Tiere» beschrieben. «Der Text selbst nennt sie aber nicht den Teufel oder Satan.» Erst in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel im Neuen Testament, werde die «alte Schlange» ausdrücklich mit dem Teufel identifiziert.

Für Habermann erzählt die Paradiesgeschichte ohnehin etwas anderes. «Sie erzählt keine Biologie, sondern eine Geschichte über den Menschen.» Doch wer glaubt, die Bibel kenne Schlangen nur als Verführer, der irrt. Im Alten Testament richtet Moses in der Wüste eine bronzene Schlange auf, so Habermann. Wer sie ansieht, wird von tödlichen Schlangenbissen geheilt.

Jesus greift dieses Bild später auf und vergleicht im Johannes-Evangelium seine bevorstehende «Erhöhung» am Kreuz mit der ehernen Schlange - wer an ihn glaubt, wird gerettet. Deshalb findet sich bis heute am Fuß vieler Kruzifixe eine Schlange. Und als Jesus seine Jünger aussendet, fordert er sie auf: «Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.»

Dass die Schlange zugleich für Heilung steht, ist sogar älter als die Bibel. «Die Schlange ist immer ein Symbol der Götter gewesen», sagt Habermann. Weil sie regelmäßig ihre Haut abstreift, galt sie in vielen antiken Kulturen als Sinnbild für Erneuerung und neues Leben. Auch der Äskulap-Stab, das Symbol der Medizin, zeigt bis heute eine Schlange.

Doch wie viel hat dieses jahrtausendealte Bild noch mit dem Tier selbst zu tun? Sind Schlangen wirklich hinterlistig oder aggressiv? «Das kann ich absolut nicht bestätigen», sagt die Tiermedizinerin Schmitz. In ihrer Praxis seien Schlangen meist ausgesprochen friedliche Patienten, die Konfrontationen eher aus dem Weg gingen. Auch privat habe sie diese Erfahrung gemacht: «Keine meiner Schlangen hat mich jemals angegriffen, wenn ich sie oder ihr Terrarium gepflegt habe. Oftmals empfinde ich sie eher als sehr neugierig und lieb.»

Wer die Körpersprache einer Schlange lesen könne, erkenne ihre Warnsignale früh, erklärt die Tierärztin. Während ein Hund knurre oder ein Pferd die Ohren anlege, bringe eine Schlange ihren Kopf in eine S-Stellung. «Schlangen drohen erstmal und sagen damit: Bis hierhin und nicht weiter.» Selbst bei Giftschlangen sei nicht jeder Biss giftig. Das Gift sei für die Tiere kostbar und werde nicht leichtfertig eingesetzt.

Die meisten Unfälle seien deshalb auf mangelnde Erfahrung der Halter zurückzuführen. Schmitz hält die Hundehaltung sogar für riskanter. In Kleintierpraxen habe sie deutlich häufiger Bissverletzungen bei Hunden und ihren Besitzern erlebt. «Ich gehe schließlich nicht mit meiner Kobra auf der Straße spazieren», sagt sie.

Mit einem weiteren Vorurteil räumt Schmitz ebenfalls auf: Schlangen fühlten sich keineswegs kalt, glitschig und schleimig an. «Tatsächlich sind sie trocken und warm.» Tiere, die in Deutschland gehalten werden, könnten ihre Halter durchaus wiedererkennen und positive Erfahrungen mit ihnen verknüpfen wie etwa die Fütterung.

Was sie an der Terraristik besonders fasziniere, sei die Möglichkeit, den Tieren mit viel Liebe zum Detail ein kleines Biotop zu bauen. «Ich liebe es, sie in ihren persönlichen Verhaltensweisen zu beobachten. Und generell sind es unfassbar schöne Tiere mit einer unglaublichen Artenvielfalt.»

Die Schlange wird ihr Imageproblem wohl so schnell nicht los. Dafür ist ihre Geschichte zu alt und ihre Symbolkraft zu groß. Seit Jahrtausenden erzählen sich Menschen Geschichten über sie. Die Schlange selbst kommt dabei kaum zu Wort.