Zum Hauptinhalt springen

Mehr Einfluss, als viele denken: Die Wissenschaftlerin Isabella Helmreich beschreibt, wie wir angesichts globaler Krisen die eigene Widerstandskraft stärken können, um auch in unsicheren Zeiten zuversichtlich und handlungsfähig zu bleiben.

Mainz (epd). Krisen, Kriege und Konflikte stehen für eine herausfordernde Zeit, in der es die Zuversicht gerade schwer hat. Wie der Einzelne trotz allem resilient bleiben kann, also psychisch widerstandsfähig, das ist das Thema der psychologischen Psychotherapeutin Isabella Helmreich am Mainzer Leibniz-Institut für Resilienzforschung. Ein Gespräch mit dem Evangelischen Pressdienst (epd) über den Vorteil von Älteren in der Krise, den Werkzeugkasten der Hoffnung und die Frage, ob sich Zuversicht lernen lässt.

epd: Frau Helmreich, der Moderator der «Tagesthemen» in der ARD, Ingo Zamperoni, schließt seit Beginn der Corona-Pandemie seine Sendungen immer mit den Worten «Bleiben Sie zuversichtlich», meist nach einer halben Stunde gefüllt mit Nachrichten über Kriege, Krisen und Konflikte. Da hat es die Zuversicht schwer, oder?

Isabella Helmreich: Auf alle Fälle, vor allem bei der jüngeren Generation. Deutschland hat lange Zeit eine recht stabile Phase erlebt, dann kam die Pandemie und mit ihr eine richtig große Krise, mit der wir umgehen mussten. Und die hat tatsächlich das Weltbild vor allem der jungen Menschen erschüttert, die nicht mehr zur Schule gehen konnten, keine Freunde mehr treffen durften. Die Forschung hat gezeigt, dass Ältere besser durch die Krise gekommen sind.

epd: Woran lag das?

Helmreich: Ältere haben in der Regel gesehen, dass es im Leben öfter schwierige Situationen gibt, die man aber auch meistern kann. So lässt sich eher Zuversicht in einer aktuellen Krise entwickeln. Diese Erfahrungen stärken Ältere wie eine Stressimpfung, weil sie anders als die Jugendlichen einen Wissensschatz haben, der Hinweise darauf gibt, wie man sich in einer solchen Situation verhalten und zuversichtlicher in die Welt blicken kann. Das hat viel mit Selbstwirksamkeit zu tun.

epd: Inwiefern?

Helmreich: Es geht darum, bewusst und aktiv an die Bewältigung von Stress- und Krisensituationen heranzugehen. Wir nennen das in der Resilienzforschung Aktives Coping. Beispielsweise nach einem Konflikt das klärende Gespräch suchen, in Überlastungssituationen Prioritäten setzen oder bei Stress Entspannungstechniken nutzen. Oder kann ich meinen Blick auf die Dinge, meine Haltung ändern? Es gibt so etwas wie einen Handwerkskoffer mit wichtigen Strategien, um schwierige Situationen zu bewältigen. Zu diesem Werkzeugkasten gehört es auch, sich Ziele zu setzen. Das stärkt das Durchhaltevermögen.

epd: Auf viele Dinge habe ich aber auch gar keinen Einfluss. Da ist es schlecht bestellt um die Selbstwirksamkeit, jetzt beispielsweise mit Blick auf die Spritpreise an den Tankstellen.

Helmreich: Zur Resilienz gehört, dass man sich darüber ärgern darf, ohne Frage. Dann kommt es aber darauf an, einen Schritt weiterzugehen. Ich weiß eben auch, dass es bei den Spritpreisen eine Wellenbewegung gibt und sie auch wieder sinken. Aktiv werden könnte ich, indem ich vermehrt auf das Fahrrad steige, Busse und Bahnen nutze oder für den Weg zur Arbeit eine Fahrgemeinschaft gründe. Ich kann mich auch politisch engagieren, einer Partei anschließen, demonstrieren. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, trotz allem ein wenig Einfluss zu nehmen. Und das heißt: Ich bin nicht einfach Opfer.

epd: Hilft es, sich an zuversichtlichen Beispielen zu orientieren?

Helmreich: Ja, das hat sich seit der Pionierstudie der Resilienzforschung der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner immer wieder bestätigt. Resilienzvorbilder können zeigen, wie man Krisen bewältigt. Und natürlich sind auch Menschen wichtig, die mir beistehen, wenn es mir schlecht geht, die an mich glauben - Eltern, Lehrer, Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde. Soziale Unterstützung macht ganz viel aus, das ist ein wichtiger Faktor, um Zuversicht zu gewinnen.

epd: Sie haben gesagt, die Haltung spielt eine wichtige Rolle. Wie ist das gemeint?

Helmreich: Wer mit Optimismus an eine Sache geht, hat eine größere Motivation. Denn die Gedanken zu einem Geschehen verursachen Gefühle, die unser Handeln leiten. Optimisten bekommen zudem häufiger Hilfe von ihrem Umfeld. Da gibt es sozusagen eine positive Spirale nach oben. Eine optimistische Grundhaltung einzunehmen ist nicht immer einfach, aber durchaus erlernbar. Optimismus ist eine bewusste Entscheidung und eine Frage der Perspektive, die trotz negativer Umstände das Gute sucht, ohne die Realität aus den Augen zu verlieren. Und dabei auch sieht, dass ich bestimmte Dinge nicht ändern kann, weil es nicht in meiner Macht steht. Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, eine rosarote Brille aufzuziehen.

epd: Was könnte das dann konkret bedeuten?

Helmreich: Den Fokus verändern, phasenweise: Sich gezielt Zeiten einräumen, in denen die Weltpolitik außen vor bleibt. Auch Zeiten im Internet und am Handy beschränken, wo wir in Echtzeit schlechte Nachrichten übermittelt bekommen. Stattdessen bewusst Dinge unternehmen, die guttun, die Energie geben. Es gibt immer Lichtblicke, auch in dunklen Zeiten. Und weil das Gehirn evolutionsbedingt viel stärker auf schlechte Nachrichten reagiert, könnte ich etwas dafür tun, schöne Momente stärker wahrzunehmen, etwa mit einem Tagebuch, in dem ich positive Erlebnisse notiere. Oder mit der Glücksbohnenmethode, bei der morgens Bohnen in die linke Tasche gesteckt und bei jedem schönen Moment in die rechte Tasche gewechselt werden. So kann ich mir das Positive besser merken. Das hilft, den Tag zufriedener abzuschließen.

epd: Das heißt, Zuversicht lässt sich lernen und als innere Haltung trainieren?

Helmreich: Ja, mit dem Fokus auf Lösungen und eigene Stärken, durch Dankbarkeit, das Setzen kleiner Ziele und mit der Unterstützung anderer. Dabei ist mir wichtig: Zuversicht ist nicht blind, sondern realisiert Schwierigkeiten. Sie lässt sich von ihnen aber nicht lähmen und ist ein wesentlicher Faktor von Resilienz.