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Forscher untersucht Herkunft der Objekte aus Missionssammlungen

Auf einem Dachboden in der Lüneburger Heide lagern knapp 3.000 Sammlerstücke, die Missionare einst aus Afrika oder Indien mitgebracht haben. Nun ergründet ein Forscher ihre Herkunft. Es geht auch um kulturelle Bedeutung und Rückgaben.

Hermannsburg (epd). Sebastian Sprute schließt die Tür zu einem Dachboden des Missionswerkes im niedersächsischen Hermannsburg auf. Bis unter die Decke reichen die gezimmerten Holzborde. An den Regalen kleben Zettel, die verraten, woher die Objekte stammen, die dort auf Seidenpapier liegen: Indien, Äthiopien, Australien oder schlicht Afrika. Es sind kunstvoll verzierte Kreuze aus Messing und Silber, geschnitzte Masken, Lanzen und verzierte Stöcke aus Holz - ein buntes Sammelsurium. «Wahnsinn trifft es ganz gut», sagt der Provenienzforscher Sprute. Er untersucht für das Niedersächsische Landesmuseum die annähernd 3.000 Exponate aus der Missionssammlung auf ihre Herkunft.

1849 gründete der lutherische Pastor Ludwig Harms in der Lüneburger Heide die damalige «Hermannsburger Mission». Er bildete dort Männer für den Dienst in «Übersee» aus. 1854 landeten die ersten acht Missionare gemeinsam mit Bauern und Handwerkern, acht sogenannten Kolonisten, mit dem Schiff «Candace» an der Küste Südafrikas an. Die frühesten Objekte, wie eine präparierte Schlange und einen in Spiritus eingelegten Skorpion, haben nach seinen ersten Erkenntnissen bereits sie oder die Seeleute der «Candace» bei Heimatbesuchen mitgebracht. Die Erforschung der Geschichte und Herkunft einzelner Stücke nennt Sprute «die Suche nach der Nadel im Heuhaufen».

# Missionswerk will Geschichte aufarbeiten

Vor Jahren hat laut Sprute schon einmal eine Mitarbeiterin zahlreiche der Kunstwerke und Sammelstücke systematisch registriert, doch viele Daten gingen verloren. «Ich schaffe jetzt eine Ordnung, die schon mal da war», beschreibt der Forscher den ersten Schritt seiner Arbeit, die er Anfang 2025 begonnen hat. Sprute ist Experte für die Kolonialzeit. Damals entstanden viele ähnliche Sammlungen, die erst seit rund fünf Jahren verstärkt im Blick der Forscher sind, wie er erläutert. Längst nicht alle öffneten wie das Hermannsburger Evangelisch-lutherische Missionswerk in Niedersachsen (ELM) dafür ihr Archiv.

Das Projekt hat nach Angaben des Missionswerkes zum Ziel, die Sammlung fachgerecht zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen. Dabei werde auch Fragen nach der kulturellen oder religiösen Bedeutung der Objekte, der Rechtmäßigkeit des Besitzes und einer eventuellen Rückführung nachgegangen. 2028 ist eine Ausstellung im Landesmuseum in Hannover geplant. «Als Missionswerk, das während des Kolonialismus manchmal Handlanger, manchmal subversiv war, haben wir die Verantwortung, die Geschichte aufzuarbeiten, wie man anderen Kulturen begegnet ist», sagt der Referent für Globale Kulturelle Vielfalt, Joe Lüdemann.

# Tjurunga sollen zurückgegeben werden

Geplant ist eine Rückführung bereits für die Tjurunga, geheim-sakrale Stein- und Holzobjekte der australischen Aborigines. Sie sind gut verpackt und besonders heikle Sammlungsstücke. Die früher oft als «Seelensteine und -hölzer» bezeichneten Gegenstände werden in ihren Herkunfts-Kulturen als heilig angesehen, wie Sprute erläutert. «Die Tjurunga sind wahrscheinlich nach der Taufe der ersten sieben Aborigines von Stamm der Aranda 1878 in die Hände der Missionare gelangt», sagt Sprute. «Die Heiden haben nach der Taufe ihre Schutzheiligen ausgeliefert», so stehe es in einem Brief.

Heute entsendet das ELM keine Missionare mehr. Es sieht sich als ein «internationales ökumenisches Partnernetzwerk», wie Lüdemann sagt. Er blickt dabei auf eine Figurengruppe, die der Künstler Micah Kgasi (1864-1956) aus Südafrika geschnitzt hat. Seine Urenkelin Suzan Skhosana recherchiert schon seit Jahren den Verbleib seiner Werke. Sie will die Holzskulpturen zurückholen und dafür persönlich nach Deutschland kommen. Kgasi war Prediger und Lehrer und zählte nach ihren Angaben zu den frühen schwarzen Künstlern. Für Südafrika könne die Rückgabe der Skulpturen auch Teil einer «Heilung der Geschichte» sein, ist Skhosana überzeugt.

# Kulturgut und Touristenware

Missionssammlungen erzählen vom Kontakt zwischen christlichen und nicht-christlichen Traditionen, aber auch der Verflechtung von Mission, Ethnologie und kolonialen Machtstrukturen, so heißt es im Flyer der Ausstellung «Missionssammlung ausgepackt», die bis Februar im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum zu sehen war. Als Privatsammlungen waren sie laut Sprute oft wenig systematisch.

«Vielen sind sie zeitweise in Vergessenheit geraten», sagt er. An einigen Stücken zeigen sich in Hermannsburg die Folgen. Zwei Tropenhelme aus einer Art Pappmaschee bröseln vor sich hin. Von einem kleinen Schild mit Fellüberzug haben Insekten nur wenig übrig gelassen. «Aus konservatorischer Sicht eine absolute Katastrophe», sagt Sprute.

Noch ist er erst am Anfang der Recherche, bei welchen Stücken es sich um bedeutendes Kulturgut handelt. Um dem wachsenden Interesse in den Herkunftsländern der Kolonialisten zu begegnen, sei schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen Kolonialgebieten Touristenware hergestellt worden.

Auch eine lebensgroße Schaufensterpuppe eines schwarzen Mannes gehört zur Sammlung. Ethnographika-Händler wie die Firma Umlauff in Hamburg seien auf solche Ausstellungsstücke spezialisiert gewesen, sagt Sprute: «Die Figur ist schon längere Zeit im Gebrauch und wurde bereits 1941 zusammen mit einer Zulu-Hütte auf dem Missionsfest in Hermannsburg ausgestellt.»

Ein Beitrag von Karen Miether (epd).

Internet:
Beitrag zur Provenienzforschung auf der Internetseite des Missionswerkes: https://s.epd.de/3rf6 
Zur Ausstellung in Köln: https://s.epd.de/3l23