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Zu früheren Zeiten war die Ehe zuweilen Zweckbündnis. Sie galt der Versorgung oder wurde nötig, weil Kinder unterwegs waren, sagt die Soziologin Rosemarie Nave-Herz. Heute stehe ein öffentliches Bekenntnis zu einer dauerhaften Verbindung obenan.

Oldenburg (epd). Viele, die heute ihre Hochzeit planen, legen Wert auf einen feierlichen Rahmen. Die Eheschließung sei so etwas wie ein öffentlicher Schwur. Paare wollten damit bekräftigen, dass ihre Liebe von Dauer ist, sagt die Oldenburger Soziologin Rosemarie Nave-Herz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Frau Nave-Herz, laut Statistischem Bundesamt haben 2024 so wenig Menschen standesamtlich geheiratet wie noch nie seit 1950. Wie erklärt sich der Trend?

Rosemarie Nave-Herz: Die Eheschließungen nehmen ab, das stimmt, aber wellenförmig. Und wenn Sie vor 1950 weiter in die Geschichte zurückgehen, gab es Zeiten mit weniger Eheschließungen. Bis ins 19. Jahrhundert galten Heiratsverbote zum Beispiel für Knechte, Gesellen oder Offiziere. Damals war die Ehe ein Privileg, und der Mann musste ökonomisch in der Lage sein, zu heiraten.

Die Funktion der Ehe hat sich in den letzten 50 Jahren sehr verändert. Die Ehe war eine Versorgungsinstitution, in der Regel für die Frauen. Wir haben in einer Untersuchung nach den Gründen für die Eheschließung gefragt. Ehepaare, die 1950 geheiratet haben, nannten an erster Stelle, dass sie wegen einer Schwangerschaft geheiratet hätten und an zweiter Stelle wegen Wohnungsproblemen oder aus anderen materiellen Erwägungen. Die emotionale Beziehung, die heute das Hauptmotiv ist, war selten der einzige Grund.

Noch in den 1960er Jahren gab es viele «Muss-Ehen», wie sie in der Öffentlichkeit genannt wurden. 1973 wurde der Kuppelei-Paragraf gestrichen, der das Zusammenleben von unverheirateten Paaren unter Strafe stellte. In den letzten 50 Jahren hat sich die öffentliche Einstellung zu sexuellen Beziehungen stark verändert und die sichere Empfängnisverhütung wurde möglich. Anders als früher liegt die Empfängnisverhütung seit Einführung der Pille nunmehr auch bei der Frau.

epd: Und heute?

Nave-Herz: Dadurch, dass sich die Rolle der Frau sehr verändert und weitere rechtliche Veränderungen stattgefunden haben, hat die Ehe ihren Monopolanspruch als einzig anerkannte Lebensform zur Erfüllung emotionaler und sexueller Bedürfnisse verloren. Auch nichteheliche Lebensgemeinschaften sind heutzutage möglich und sozial anerkannt. Dennoch hat die Ehe einen eigenen Stellenwert behalten. Sie wird auch immer noch überwiegend im Rahmen eines sehr festlichen und aufwendigen Rituals geschlossen.

Außerdem entsteht - soziologisch gesehen - ein neues Rollensystem mit gesellschaftlich genau festgelegten Rechten und Pflichten: So wird jeder Mutter bei der Eheschließung öffentlich vor Augen geführt, dass sie jetzt eine neue Rolle zusätzlich hat, nämlich die der Schwiegermutter. Der Bruder wird zum Schwager und so weiter. Das geht einher mit sozialen Solidaritätsverpflichtungen.

epd: Früher heirateten Paare oft auch in einem jüngeren Alter ...

Nave-Herz: Das Heiratsalter ist in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen und damit auch das Alter der Eltern bei Geburt ihres ersten Kindes. Es beträgt zurzeit bei den Frauen durchschnittlich 30 Jahre, bei den Männern 33. Zurückzuführen ist dieser Wandel vor allem auf die Verlängerung der Berufsausbildungszeiten für immer mehr Frauen und Männer und auch auf die bessere Möglichkeit der Familienplanung.

epd: Politisch wird die Ehe noch immer gefördert, etwa steuerlich durch das Ehegattensplitting. Welche Rolle spielt das?

Nave-Herz: Das Ehegattensplitting spielt für die Entscheidung zu heiraten überhaupt keine Rolle. Wir haben mehrere Untersuchungen durchgeführt, die zeigen: Materielle Überlegungen stehen meist erst an dritter Stelle, wenn überhaupt.

epd: Gibt es nicht zuweilen auch einen Rückfall in traditionelle Rollen. Man denke an die sogenannten Tradwives, die in sozialen Medien Bilder einer Hausfrau wie in den1950er Jahren glorifizieren.

Nave-Herz: Es gibt eine Untersuchung, die zeigt, dass der Einfluss sozialer Medien nicht allzu groß ist. Die Hausfrauenehe ist ein Modell, das stark zurückgegangen ist und gilt nur noch für eine Minorität. Im Übrigen unterstützen die «Tradwives» in den sozialen Medien ein Rollenbild, dem sie selbst gar nicht entsprechen. Denn sie selbst sind  ja durch die Gestaltung dieser Sendungen beruflich tätig und eben keine Hausfrauen.

epd: Die «Hausfrauenehe» gibt es also nicht mehr?

Nave-Herz: Juristisch ist sie quasi abgeschafft worden. Denn bei einer Scheidung muss nachher die Frau für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen. Quantitativ überwiegt in Deutschland die «Zuverdienst-Ehe», das heißt, der Ehemann geht einer Vollzeitarbeit nach, die Ehefrau einer Teilzeitarbeit.

epd: Manche zelebrieren die Eheschließung mit großem Aufwand, andere wollen es eher schlicht ...

Nave-Herz: Bei der Mehrzahl ist es so, dass die Eheschließung - wie ich bereits sagte - mit großem Aufwand vollzogen wird. Vielen ist dabei auch eine Art von Öffentlichkeit wichtig. Früher traten allein das Brautpaar und Zeugen vor die Standesbeamten. Das hat sich verändert. Das Standesamt versucht, öffentliche Räume zu schaffen. Früher war die Kirche der einzige Raum, in dem viele Gäste Platz hatten.