Deutschlands größter Suchtklinik für Jugendliche, der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn, droht das Aus. Die Klinik sei vom Kostenträger massiv unterfinanziert, kritisiert der Betreiber. Der letzte Strohhalm könnte nun eine Übergangslösung sein.
Hannover/Ahlhorn (epd). Die von der Schließung bedrohte Dietrich-Bonhoeffer-Klinik für suchtkranke Jugendliche in Ahlhorn bei Oldenburg hofft auf eine Rettung in letzter Minute. Dafür müsse die Deutsche Rentenversicherung (DRV) als wichtigster Kostenträger anerkennen, dass in der Klinik ein besonderer Personalbedarf bestehe, sagte der Vorstand des diakonischen Leinerstifts in Großefehn bei Aurich, Wolfgang Vorwerk, am Donnerstag in Hannover. Das in Ostfriesland gelegene Stift ist Träger der Bonhoeffer-Klinik, die als größte Suchtklinik für Kinder und Jugendliche in Deutschland gilt.
Die Rehabilitationsklinik mit bis zu 60 Betten hatte angekündigt, am 30. Juni aus finanziellen Gründen schließen zu müssen. Sie sei deutlich unterfinanziert, kritisierte Vorwerk: «Wir haben mehr Personal, als uns die Rentenversicherung zugesteht.» Allein nach den Standards der Versicherung lasse sich die Klinik aber nicht fachgerecht führen. So sehe die DRV nur eine Nachtwache für alle Jugendlichen vor. Die Klinik arbeite aber de facto mit drei Nachtwachen. Bis zum 10. Mai könne noch eine Lösung gefunden werden. Danach sei die Schließung unabwendbar, sagte Vorwerk.
Mit der drohenden Schließung fällt nach Angaben des Trägers ein großer Teil der Therapieplätze für suchtkranke Kinder und Jugendliche weg, die es bundesweit gibt. Nach Diakonie-Angaben ist es ungefähr die Hälfte. «Uns geht es um die Kinder und Jugendlichen, die eine Zukunft brauchen», betonte Vorwerk. «Sie haben es verdient, eine Perspektive für ihr Leben zu bekommen.» Dem Stift zufolge gibt es bundesweit rund 200.000 Jugendliche mit substanzbezogenen Störungen, etwa durch Alkohol, Cannabis, Opioide, Ecstasy, LSD oder Heroin.
Das Leinerstift hatte im Frühjahr einen Lösungsvorschlag für eine Übergangsphase von zwölf bis 24 Monaten vorgelegt. Ein abruptes Ende werde ein funktionierendes Versorgungssystem beschädigen, mahnte Vorwerk. Hochbelastete Jugendliche müssten dann in Strukturen zurückkehren, die bereits heute nicht in der Lage seien, ihnen gerecht zu werden. Für einen Erhalt der Reha-Klinik mit rund 60 Mitarbeitenden hatten sich auch der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), sowie Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) eingesetzt.
Der niedersächsische Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke appellierte an die DRV, auf das Leinerstift zuzugehen und ein deutliches Signal für den Erhalt der Klinik zu senden. «Details kann man dann später klären.» Das Stift hatte beim Betrieb der Klinik im vergangenen Jahr ein Defizit von 1,5 Millionen Euro erzielt und aus Eigenmitteln gedeckt.
Leinerstift-Sprecherin Karen Landwehr erläuterte, bei suchtkranken Jugendlichen kämen mehrere Krisen zusammen. Sie seien in der Pubertät und hätten neben ihrer Suchterkrankung häufig auch noch mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen. Auf all das müsse die Therapie eingehen, damit die Jugendlichen wieder zur Schule gehen könnten und möglichst nicht rückfällig würden.
Die DRV hatte den Vorwurf, Reha-Plätze für suchtkranke Jugendliche nicht ausreichend zu finanzieren, zurückgewiesen. Die Bonhoeffer-Klinik erhalte mit 320 Euro den bundesweit höchsten Tagessatz aller vergleichbaren Einrichtungen, erklärte sie in Berlin. Falsch sei auch die vom Träger genannte Gesamtzahl von bundesweit 85 Reha-Plätzen für suchtkranke Minderjährige. Insgesamt stünden 450 Plätze zur Verfügung. Diakonie-Chef Lenke forderte die DRV auf, konkret zu benennen, welche Einrichtungen hinter dieser Zahl stünden.
Der Hamburger Jugendpsychiater und Suchtexperte Professor Rainer Thomasius sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), er könne sich die von der DRV angegebene Zahl von 450 Reha-Plätzen nur so erklären, dass Plätze in Erwachsenen-Einrichtungen eingerechnet worden seien, die das Alter auf 16 oder sogar 14 Jahre abgesenkt hätten. Eine solche Reha sei aber nicht kinder- und jugendgerecht. Für die Versorgung suchtkranker Minderjähriger gebe es eigene Qualifikationskriterien.
Dazu gehören laut Thomasius unter anderem die enge Einbindung der Eltern, Ergotherapie, Erlebnispädagogik, Bewegung, Sport und Musik sowie der Schulbesuch. Der Mediziner schätzt die Kosten für einen qualifizierten Reha-Platz auf rund 400 bis 500 Euro. Nach Angaben des Leinerstifts wäre ein Tagessatz von 520 Euro nötig.