Im neuen Schuljahr wird in Niedersachsen erstmals das neue Schulfach «Christliche Religion» unterrichtet. Der Religionspädagoge Andreas Kubik-Boltres nimmt den Lehrplan gegen konservative Kritiker in Schutz.
Osnabrück (epd). Der evangelische Theologieprofessor Andreas Kubik-Boltres hat den Lehrplan des neuen niedersächsischen Schulfachs «Christliche Religion» gegen konservative Kritik verteidigt. Er könne zwar nachvollziehen, dass sich traditionellere kirchliche Gruppen eine stärkere Gewichtung christlicher Inhalte gewünscht hätten, sagte der Religionspädagoge von der Universität Osnabrück dem Evangelischen Pressedienst (epd). «Ich halte das Curriculum aber insgesamt für gelungen und zeitgemäß.»
Das Angebot richtet sich an evangelische und katholische Schüler und soll in Niedersachsen künftig den konfessionell getrennten Religionsunterricht ersetzen. Das neue Fach wird von August an zunächst in den Klassen 1 und 5 unterrichtet.
Religions-Lehrpläne würden stets um zwei Pole gestaltet, erläuterte der Religionspädagoge: «Das eine ist die christliche Lehre, das andere sind die Interessen von Schülerinnen und Schülern sowie gesellschaftliche Orientierungsbedarfe.» Zwar gewichte der neue Lehrplan gesellschaftliche und interreligiöse Perspektiven stärker als bisher, im Vergleich zum bisherigen Unterricht sei der Schritt aber klein. «Seit mehr als fünfzig Jahren findet bereits eine allmähliche Gewichtsverlagerung in den Lehrplänen hin zum gesellschaftlichen Pol statt.»
Die Kritik, der Religionsunterricht laufe Gefahr, sich in ein unverbindliches Reden über gesellschaftliche Fragen auszulösen, sei deshalb nicht neu. Der Professor wies darauf hin, dass die katholischen Bistümer und evangelischen Landeskirchen das Curriculum gemeinsam verantworten. «Die Debatte müsste deshalb innerhalb der Kirchen geführt werden.» Dort könne man zwar für konservative Anliegen eintreten. «Damit ist man aber heute in den Kirchen in der Minderheit. Diese entscheiden daher eher in die andere Richtung.»
Familien seien heutzutage zurückhaltender mit der religiösen Sozialisation. Auch Kirchengemeinden seien nicht mehr die Orte, an denen alle Kinder mit dem christlichen Glauben verlässlich in Berührung kommen, sagte der Theologe. «Die Bedeutung des Religionsunterrichts für die religiöse Bildung hat deshalb enorm zugenommen.»
Bei den Schülerinnen und Schülern beobachtet er ein «Interesse an Religion in Halbdistanz». Dem entspreche der Unterricht, indem er die Möglichkeit gebe, sich erprobend und frei zu Glaubensinhalten zu verhalten. «Einen Unterricht, der rein Bibel und Katechismus vermitteln wollte, würden Kinder und Jugendliche nicht mehr akzeptieren», gab Kubik-Boltres zu bedenken. «Sie hätten da das Gefühl: 'Das hat mit meinem Leben nichts zu tun'.»