Deutschlandweit gibt es immer mehr ausgewiesene Mountainbike-Strecken. Allerdings warnen Naturschutzverbände, Jäger und Behörden vor Auswirkungen auf die Natur. Vielerorts gibt es daher lange dauernde Genehmigungsverfahren.
Diemelstadt/Hannover (epd). Zwischen Buchen, Eichen und Fichten schlängelt sich ein befestigter Weg für Mountainbiker. Die abwechslungsreiche Strecke im nordhessischen Diemelstadt führt durch Wald und über Lichtungen, entlang von Dickicht, wo Insekten schwirren und Vögel zwitschern. Dieses Sporterlebnis in der Natur fühlt sich auf dem wellenförmigen Weg ein bisschen an wie fliegen, schwärmt der zwölfjährige Toni. «Das macht richtig viel Spaß.»
Deutschlandweit wächst die Zahl offiziell ausgewiesener Mountainbike-Strecken. Auch in Niedersachsen und Bremen gibt es mehrere solcher Anlagen, vor allem im Harz. Befürworter sehen darin eine Chance für Tourismus und Besucherlenkung. Naturschutzverbände, Jäger und Behörden verweisen hingegen auf die Folgen für Tiere, Pflanzen und sensible Ökosysteme.
Besondere Aufmerksamkeit erhält derzeit das Projekt «Green Trails» im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg, zu dem die Strecken in Diemelstadt gehören. Nach Angaben des zuständigen Zweckverbands handelt es sich dabei um das größte Mountainbike-Trail-Projekt Europas. Das Naturerlebnis im Wald stehe im Vordergrund. Bis 2028 sollen rund 200 Kilometer Strecke sowie weitere 200 Kilometer Verbindungswege in 14 Kommunen entstehen.
«Das ist mit Abstand das größte professionelle Projekt in Deutschland», sagt Heiko Mittelstädt, Fachreferent beim Deutschen Interessenverband Mountainbike (DIMB). Anders als viele andere Anlagen, die von Vereinen getragen werden, werde das Projekt öffentlich finanziert und professionell geplant: «Die Green Trails zeigen, wie es auch anders gehen kann.»
Nach Angaben des DIMB gibt es bundesweit etwa 150 offizielle Mountainbike-Trail-Projekte unterschiedlicher Größe. Ein Großteil sei aus dem Wunsch entstanden, dem gestiegenen fahrerischen Anspruch entsprechende Strecken anzubieten. «Wir brauchen Angebote, sonst entsteht Wildwuchs», sagt Mittelstädt. Wo keine legalen Trails existieren, würden Mountainbiker sich mitunter eigenmächtig welche anlegen. Das führe zu Konflikten mit Waldbesitzern, Naturschutzbehörden und anderen Nutzergruppen.
In Stuttgart läuft bereits seit Jahren ein Verfahren zur Legalisierung ausgewählter Trails. Nach Angaben der Stadt wurden mit Vertretern der Mountainbike-Community passende Strecken ausgewählt. Da jedoch 94 Prozent der Flächen im Stadtgebiet unter Schutzgebietskategorien fielen, seien umfangreiche artenschutzrechtliche Prüfungen erforderlich. Die Gutachten würden derzeit ausgewertet. Wann erste Strecken freigegeben werden können, ist nach Auskunft der Stadt noch offen. Die Verwaltung steht wegen der langen Verfahrensdauer in der Kritik von Mountainbikern.
Auch in der Region Hannover wird über neue Strecken gestritten. Am Deister, einer Bergkette nahe der Landeshauptstadt, sollen naturverträgliche «Singletrails» entstehen. Nach Angaben der Region Hannover wurden mögliche Korridore identifiziert. Naturschutz, rechtliche Fragen und ein laufendes Gerichtsverfahren zur Nutzung früherer Downhill-Strecken spielten dabei eine wichtige Rolle.
Während früher überwiegend bestehende Wege zum Mountainbiken genutzt wurden, entstünden heute vielerorts spezielle Trails, berichtet DIMB-Referent Mittelstädt. Einen zusätzlichen Schub habe die Entwicklung während der Corona-Pandemie erhalten. Die Gesamtzahl der Mountainbiker sei über die Jahre kaum gewachsen. Allerdings habe die zunehmende Verbreitung von E-Mountainbikes dazu beigetragen, dass Menschen längere Strecken zurücklegten und häufiger unterwegs seien.
Der Landesjagdverband Hessen sieht in dem «Green Trail»-Netz Chancen, fordert jedoch klare Regeln für eine naturverträgliche Nutzung. «Der Wald ist kein reiner Freizeitpark, sondern ein sensibler Naturraum», sagt Verbandspräsident Jürgen Ellenberger. Die Jägerschaft spreche sich deshalb für Nachtfahrverbote, Wildruhezonen, eine Besucherlenkung und ein konsequentes Wegegebot aus: «Wildtiere brauchen Rückzugsräume und Ruhephasen. Das gilt ganz besonders während der Brut- und Setzzeit.»
Dass mehr Menschen in die Natur kämen, sei grundsätzlich positiv, sagt Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund (Nabu). Zugleich fordert der Verband jedoch, alte Laubwälder, Brutgebiete störungsempfindlicher Vogelarten und weitgehend ungestörte Landschaftsräume bei der Planung auszuschließen. Offiziell ausgewiesene Strecken könnten helfen, Besucherströme zu bündeln, hofft Langenhorst: «Es hängt viel davon ab, ob sich Mountainbiker daran halten und nicht noch zusätzlich illegale Trails einrichten oder nutzen.»