Interview mit Kreispfarrer Dr. Urs-Ullrich Muther
Kreispfarrer Dr. Urs-Ullrich Muther ist im Ev.-luth. Kirchenkreis Ammerland für den Prozess im Rahmen des Gebäudeeffizienzplangesetzes verantwortlich. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was sich mit einer geringeren Gebäudezahl und veränderten Nutzung der Bestandsgebäude ändern wird.
Was bedeutet das Gebäudeeffizienzplangesetz für Sie, Herr Dr. Muther, und Ihren Kirchenkreis? Was macht das Ammerland besonders?
Das Ammerland besteht aus mehreren relativ großen Gemeinden und wenigen kleinen. Unsere kirchlichen Gebäude sind flächendeckend verteilt. Jede Gemeinde hat mindestens eine Kirche und ein Gemeinde- sowie ein Pfarrhaus. Diesem Kontrast gerecht zu werden, ist die große Herausforderung.
Das Gebäudeeffizienzplangesetz stößt einen längst überfälligen Prozess an. Die Zahl unserer Gebäude ist im Laufe der Jahre immens gewachsen. Die Praxis zeigt, dass sich Kirche im Wandel befindet. Die Arbeit in den Gemeinden verändert sich, weil zum Beispiel bestimmte Formate nicht mehr funktionieren. Das bedeutet für uns im Ammerland, wie auch für die anderen Kirchenkreise, dass wir uns mit unseren Gebäuden beschäftigen müssen. Welche Gebäude benötigen wir für unsere Arbeit noch und wie wollen wir diese künftig mit Leben füllen?
Wo stehen Sie im Prozess?
Unser Gebäudeplanungsteam ist gebildet und hat bereits mehrmals getagt. Auch unsere Gemeinden haben wir inzwischen umfangreich über den Gebäudeprozess informiert. Dazu haben wir den Handlungsleitfaden, der die Vorgehensweise bestimmt, an die Bedürfnisse des Ammerlands angepasst und kommuniziert. Nun steigen wir in die Gebäudethematik und alles, was damit zusammenhängt, auf Kirchengemeindeebene ein.
Das geht nur mit Hilfe und Unterstützung unserer vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden, die uns begleiten und den Prozess aktiv mit Ideen vorantreiben. Danke!
Sie haben von einer sich ändernden Nachfrage nach kirchlichen Angeboten gesprochen. Welche Formate braucht Kirche in Zukunft?
Der klassische Seniorenkreis und Kirchenchor sterben langsam aus. Auch wöchentliche Angebote werden weniger angenommen. Dafür boomen Projektchöre. Veranstaltungen mit Eventcharakter sind klar auf dem Vormarsch. Das verändert die Gebäudenutzung. Wir brauchen innovative Angebote an neuen Orten.
Was heißt das für die Gebäude?
Das heißt, dass wir uns sehr genau überlegen müssen, welche Gebäude wir in Zukunft behalten und wie wir sie nutzen wollen. Damit einher geht die Frage, wie wir Kirche gestalten wollen. Arbeiten mehrere kleine Gemeinden künftig verstärkt zusammen und machen gemeinsame Angebote, hat dies unmittelbar Auswirkungen auf die Anzahl der Gebäude.
Im Zusammenhang mit gemeindeübergreifender Zusammenarbeit fällt das Stichwort „Gebäudeentwicklungsräume“. Was sind Gebäudeentwicklungsräume und warum gibt es sie?
Gebäudeentwicklungsräume sind Zusammenschlüsse von mehreren Gemeinden im Kirchenkreis, die in Hinblick auf die Gebäudeeffizienzplanung zusammenarbeiten. Gibt es Ideen für gemeinsame Angebote über die Gemeindegrenzen hinweg, lassen sich Kompetenzen bündeln. Auch wegfallende Pfarrstellen können für eine engere Zusammenarbeit von Gemeinden sorgen. Wenn das der Fall ist, können die Gemeinden ihre Gebäude gemeinsam betrachten und Visionen für eine zukünftige Entwicklung und Nutzung dieser erarbeiten.
Der Entwicklungsraum ist meines Erachtens die wesentliche Ebene für Kirche in der Zukunft. Es geht darum, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen. Regionale Kirche ist vernetzt. Sie kooperiert nicht nur mit benachbarten Gemeinden, sondern auch mit Playern vor Ort. Das können Vereine, Kommunen oder Initiativen sein. Kirche muss nicht unbedingt in kirchlichen Gebäuden stattfinden, sondern auch an nichtkirchlichen Orten. Wir haben zu meiner Zeit als Gemeindepfarrer beispielsweise jedes Jahr einen großen tollen Erntedank-Gottesdienst in der Eibenhorstschule in Torsholt gefeiert.
Welche Rolle spielt die Mobilität bei der Gebäudeaufgabe?
Wenn ein kirchliches Angebot nun nicht mehr im heimischen Ort stattfindet, sondern im Nachbarort zehn Kilometer weiter, kommen die Menschen trotzdem dorthin – sofern sie dies wirklich wollen. Das zeigt die Erfahrung. Aber natürlich denken wir auch an ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr mobil sind. Deshalb wird es weiterhin Orte geben, an denen unsere Kirche im Dorf bleibt, aber vielleicht an anderen Orten als gewohnt.
Welche neuen Orte können Sie sich für Kirche in Zukunft vorstellen?
Ich kann mir viele Orte für Gottesdienste oder kirchliche Angebote drinnen oder draußen vorstellen. Das können Turnhallen, Schulaulen oder Dorfgemeinschaftshäuser sein. Auch Dorfgasthäuser sind denkbar. Das kann im Wald, auf der Wiese oder in einer Mühle sein. Attraktive Plätze gibt es genug.
Gebäudeauslastung betrifft nicht nur uns. Auch die Kommunen und andere Einrichtungen haben ähnliche Probleme. Dann kann eine gemeinschaftliche Nutzung oder eine Kooperation ein Lösungsansatz sein. Ob wir unser Gemeindehaus der politischen Gemeinde öffnen oder umgekehrt –Hauptsache wir sind flächendeckend präsent und können unsere Botschaft zu den Menschen bringen.
Werden Gebäude aufgegeben, schürt dies Ängste bei der Bevölkerung. Wie wollen Sie den Menschen zeigen, dass Kirche trotzdem präsent bleibt?
Natürlich kann es beängstigend für die Menschen sein, wenn schon der Supermarkt und der Bäckerladen aus dem Ort verschwunden sind und nun auch noch die Kirche das Gemeindehaus aufgibt. Aber wir werden trotzdem präsent sein und bleiben, auch wenn wir vielleicht kein eigenes Gebäude mehr haben. Und genau das kommunizieren wir den Menschen klar, offen und transparent.
Wir kommen mit den Menschen ins Gespräch und bleiben im Gespräch, um sie in diesen Prozess miteinzubeziehen und mitzunehmen. Wir informieren laufend über unsere Pläne und Entscheidungen über alle Kanäle. Damit haben wir bereits angefangen. Das ist sicherlich herausfordernd, aber absolut notwendig und machbar.
Das Herz vieler Menschen hängt an Kirchen und Gemeindehäusern, die sie mit schönen und traurigen Ereignissen und Momenten verbinden. Worauf kommt es bei der Gebäudeaufgabe an?
Natürlich ist es schwer, Gebäude aufzugeben, die einen hohen Stellenwert in der Gemeinde bzw. einem Ort haben, mit denen Menschen sich identifizieren und zu denen es persönliche Bindungen gibt. Nichtsdestotrotz werden wir diesen Schritt an einigen Orten gehen müssen. Es kommt dabei aber auf die Sichtweise und den Umgang damit an.
Offene Kommunikation und Rituale sind wichtig. Wir werden das Positive in den Mittelpunkt rücken. Kommt es zu einer Gebäudeaufgabe, nehmen wir gemeinsam mit den Menschen in der Gemeinde Abschied und begleiten sie dabei.
Schließlich bringt eine Gebäudeaufgabe auch Chancen mit sich. Wir wollen den Menschen weiterhin nah sein, nur anders. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten, Kirche zu leben, außerhalb der eigenen Mauern. Kirche zieht sich nicht zurück, auch wenn dies auf den ersten Blick vielleicht so erscheint. So ist es aber nicht. Wir starten nur in eine andere Form der Präsenz und werden weiter nah bei den Menschen sein – vielleicht sogar noch näher.
Das Interview führte Daniela Conrady am 25. August 2025

