„Ein bisschen mutiger sollten wir schon werden.“
Der Fernsehjournalist Arnd Henze stellt sein neues Buch „Mit Gott gegen die Demokratie – Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ am Mittwoch, 8. April, 19:30 Uhr im Gemeindezentrum Nikolai-Eversten (Hundsmühler Straße 111, 26131 Oldenburg) vor. Henze hat intensiv über den wachsenden Einfluss christlicher Nationalist*innen auf Politik und Gesellschaft in den USA recherchiert und zeichnet nach, wie die evangelikale Rechte US-Präsident Donald Trump maßgeblich ins Weiße Haus getragen hat.
Arnd Henze zeigt, wie Religion zum Machtinstrument wird. „Im Bündnis mit der Macht des US-Präsidenten hat sich der christliche Nationalismus zu einer globalen Bedrohung für Demokratie und Rechtsstaat radikalisiert“, schlussfolgert der WDR-Journalist und Publizist. Der Autor analysiert die religiöse Rechte in den USA, ihre Netzwerke und Strategien, mit denen sie ihren Kulturkampf auch nach Deutschland zu übertragen versucht. Er verbindet präzise Recherche mit historischer Tiefenschärfe und fragt, welche Lehren aus der Vergangenheit heute weiterhelfen. Sein Ausblick bleibt hoffnungsvoll: Wer die Mechanismen versteht, mit denen Religion zur politischen Waffe wird, kann sich wehren. „Widerstehen ist möglich!“, so Henze.
Der Journalist Uwe Haring hat Arnd Henze im Vorfeld der Buchlesung in Oldenburg interviewt. Den vollen Wortlaut des Interviews finden Sie im Folgenden. Im Gespräch mit Uwe Haring wünscht sich Arnd Henze: „Ein bisschen mutiger sollten wir schon werden.“ Er sei sehr froh und erleichtert, „dass ich mit dem Buch die Menschen nicht in Depressionen stürze, sondern sie mitunter sogar ein Stück weit wachküssen kann.“
Arnd Henze, geboren 1961, ist Fernsehredakteur beim WDR und Publizist. Er hat Theologie in Göttingen, Heidelberg und Berkeley, CA studiert. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit internationalen Krisen und Konflikten. Von 2012 bis 2019 war er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio. Viele seiner Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Er ist berufenes Mitglied der 13. EKD-Synode.
Interview mit Arnd Henze
Das Gespräch hat der Journalist Uwe Haring geführt.
Sie sind TV-Journalist, und Fernsehen kann ja alles sein: schnell, kompakt, hintergründig. Was reizt Sie, auch als Buchautor zu publizieren?
Genau die Möglichkeit, an etwas zu arbeiten, was nicht die Situation oder den Tag selbst erklären soll. So ein Buch ist eine Gelegenheit zu sortieren, einen roten Faden und Zusammenhänge zu erkennen – und zu fragen, was auch nachhaltig zum Verständnis beiträgt.
Wann genau haben Sie Ihr Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“ geschrieben?
Zwischen Mitte Juli 2025 und dem Ende der Weihnachtsferien. Und dann habe ich es im Prozess des Korrigierens und des Lektorats noch bis zum 30. Januar aktualisiert. Die letzte Anpassung ist tatsächlich am Tag vor der Drucklegung erfolgt. Die Ereignisse überschlugen sich in dieser Zeit, und anderes entwickelte sich am Horizont. Bei all dem habe ich davon profitiert, dass ich mich seit fast 40 Jahren mit dem Thema beschäftige. Als ich Student in Berkeley war, habe ich mit großem Staunen, aber dann auch mit wirklich großer Neugier versucht, das Phänomen der Fernsehpredigerinnen und -prediger sowie der Mega-Churches zu verstehen. Da entstand ein gewaltiges Geschäftsmodell durch das neue Bezahlen mit Kreditkarten. Und sie haben über das Satellitenfernsehen Reichweiten erzielt, die es nie zuvor gab. Damit waren sie aber auch unter US-Präsident Ronald Reagan ein riesiger Machtfaktor, aber immer wieder auch an ihren eigenen Allmachtsfantasien gescheitert. Seit diesen 80er Jahren beschäftige ich mich mit den Aufs und Abs dieser christlich-nationalistischen Bewegung. Als Donald Trump dann 2016 erstmals an die Regierung kam, war ich sehr früh alarmiert. Deshalb war ich auch von seiner ersten Wahl nicht ganz so überrascht wie manche anderen.
Wie erleben Sie Glaube, Religion, Kirche derzeit in den USA?
Vor einem Jahr hätte man gedacht, das ganze Land wird von MAGA dominiert – also von Trumps Bewegung „Make America Great Again“. Der öffentliche Raum wurde beherrscht von diesen heilsgeschichtlich aufgeladenen Allmachtsfantasien der religiösen Rechten. Und die klassischen christlichen Kirchen – also Lutheraner, Methodisten, Presbyterianer, Anglikaner – waren an vielen Orten in eine Art Resignation verfallen. Das hat sich im Prozess des Schreibens an dem Buch geändert. Mit der Zivilgesellschaft, die ja ebenfalls in einer Art Schockstarre war, haben auch viele Gemeinden und Kirchen eine unglaubliche neue Energie gewonnen: im Widerstehen und inzwischen auch im Widerstand gegen das, was Donald Trump, seine Regierung und die MAGA-Bewegung als Spur der Zerstörung im Land anrichten.
Was wissen Sie über das Gottesbild des US-Präsidenten?
Das kenne ich von niemandem, weil ich nicht in die Herzen blicken kann. Bei Donald Trump ist jedenfalls sicher, dass er keine gewachsene Bindung zu einer Kirchengemeinde oder auch zu einem Glauben hat. Für ihn ist das Bündnis mit der religiösen Rechten rein taktisch. Es wurde geschlossen vor der Wahl 2016, als es gegen seine Gegenkandidatin Hillary Clinton sehr schlecht für ihn aussah. Da kamen die Führungspersonen der religiösen Rechten mit einer Liste an Forderungen in den Trump-Tower und haben gesagt: „Wenn du das für uns umsetzt, dann werden wir dich ins Weiße Haus bringen.“ Das war so etwas wie ein Pakt mit dem Teufel. Später haben diese christlichen Nationalisten überlegt, warum ausgerechnet so ein ganz anderer Typ als sie selber jetzt ihr Retter werden soll. Und da haben sie in der Bibel mit dem Perserkönig Kyros jemanden gefunden, der das Volk Israel aus der babylonischen Gefangenschaft geführt hat. Also haben sie gesagt: Gott hat ja schon immer mal Leute eingesetzt, die gar nicht fromm sein müssen, um die Frommen zu retten. Und weil Trump ein System-Sprenger ist, weil er sich nicht an Spielregeln hält, weil er die Begrenzung der Macht nicht akzeptiert, ist er für sie genau der Richtige, um den Kulturkampf auf eine neue Ebene zu führen. Und aus diesem Notbündnis ist dann irgendwann eine gefestigte Partnerschaft geworden – eine symbiotische Beziehung.
Also folgt diese Bewegung keinem Zeitgeist, sondern ist eine Strategie?
Donald Trumps Strategie ist er selber. Aber für die Ideologinnen und Ideologen hinter ihm gibt es das Project 2025, also eine Blaupause für die Umwandlung der Gesellschaft und des Staates in ein autoritäres System. Das ist auf über 900 Seiten detailliert ausgebreitet, was man vorhatte. Man konnte alles, was seit Januar 2025 passiert ist, vorher im Project 2025 nachlesen. Und im Internet wird genau Buch geführt, wie viel davon schon umgesetzt wurde und wie viel noch aussteht.
Umso überraschender ist ja, wie überrascht viele sind, wo doch alles mit Ansage geschieht.
Das ist ein psychologisches Phänomen, dass wir den Worst Case nicht wahrhaben wollen. Und wer ihn beschreibt, der gilt als Alarmist und als Störenfried. Ja – es gab genug warnende Stimmen, aber eben auch diese Haltung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Das ist in uns so angelegt. Das haben wir bei der ersten Wahl von Donald Trump 2016 erlebt und auch beim Brexit. Es führt letztlich dazu, dass man im entscheidenden Moment nicht die nötigen Gegenkräfte mobilisiert.
Sie behaupten und belegen in Ihrem Buch, dass ein zentrales Motiv der Bewegung Rache sei. Rache für was?
Wenn man die persönlichen Rache-Motive von Donald Trump mal beiseitelässt, geht es um die Rache für ein Jahrhundert der Niederlagen. Bei den religiösen Rechten ist das auch verbunden mit dem Gefühl von Verrat – vor allem durch republikanische Präsidenten, die zum Beispiel Richter ernannt haben, die dann wesentliche Entscheidungen in den Kulturkämpfen, die diese Bewegung angezettelt hat, gegen ihre Interessen getroffen haben. Das ging los Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Veränderung der ganzen Gesellschaft durch die Verschiebung von der Schöpfungslehre als Erklärung der Welt. Noch Ende der 1960er Jahre war in manchen Bundesstaaten die Unterrichtung der Evolution im Biologieunterricht verboten. Das haben sie verloren. Sie haben in den 1950er, 60er Jahren die Aufhebung der Rassentrennung nicht verhindern können. Das gehörte aber zu ihrem Ordnungsbild, das sie aus der Schöpfungsgeschichte abgeleitet haben: eine Hierarchie von Völkern und von „Rassen“, eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen und innerhalb von Familien. Alles davon Abweichende wurde als teuflisch denunziert. Jede dieser Auseinandersetzungen haben sie verloren. Die Gesellschaft wurde offener, diverser, säkularer. Und nun kommt Donald Trump und verspricht: Wenn ihr das als persönliche Demütigung erfahren habt, ich bin eure Rache. Das erklärt diese unglaubliche Wut und die Inszenierung der Grausamkeiten, mit denen jetzt das Rad der Geschichte wieder zurückgedreht werden soll – etwa die Abtreibung oder die gleichgeschlechtliche Ehe und die Angriffe auf Migrantinnen und Migranten.
Für wie widerstandsbereit und für wie widerstandsfähig halten Sie die Menschen in den USA?
Es werden ja durchgängig Vergleiche mit den 1930er Jahren in Deutschland gezogen. Das ist für uns erstmal verstörend, aber die Vergleiche drängen sich ja auf. Was ich jetzt jedoch gerade in den letzten Monaten gesehen habe, zeigt aber genau der Unterschied. Hätten wir diese Resilienz-Kräfte in den frühen 1930er Jahren in Deutschland gehabt, dann wäre auch in Deutschland die Geschichte anders verlaufen. Hätten wir doch die Resilienz von Zivilgesellschaft, von Institutionen, aber auch von Kirchen und der föderalen Strukturen gehabt, die wir in den USA erleben. Dort sind es Bürgermeisterinnen oder Bürgermeister, lokale Polizeiverantwortliche, Gouverneurinnen und Gouverneure, die sich dem Angriff zum Beispiel der ICE-Truppen entgegenstellen. Das macht mich extrem hoffnungsvoll. Wir sehen, dass da in den vergangenen Monaten eine Gesellschaft aus ihrer Schockstarre erwacht ist und damit auch den öffentlichen Raum zurückgewonnen hat. Und es ist jetzt wieder deutlich: Die MAGA-Bewegung ist eine radikale und eine radikalisierte Minderheit von etwa 15 Prozent der Bevölkerung, die für lange Zeit nicht wieder anschlussfähig an gemäßigte Konservative werden wird. Das Trump-Lager verliert jetzt schon eine Wahl nach der anderen, das werden wir vermutlich auch bei den US-Zwischenwahlen sehen – wenn es denn noch einigermaßen faire Wahlen gibt. Und ich kann niemandem im politischen Umfeld von Donald Trump erkennen, der oder die das Zeug hätte, diese 78 Millionen Wählerinnen und Wähler nochmal zusammenzubekommen, mit denen Trump 2024 ins Weiße Haus gewählt wurde. Das macht mich zuversichtlich, sehr zuversichtlich sogar.
Sprichwörtlich schwappen ja oft Trends aus den USA über den großen Teich auch zu uns nach Europa. Für wie wahrscheinlich halten Sie das im Fall dieses christlichen Nationalismus?
Anschlussfähigkeit finden Sie in Nachbarländern, die zur Europäischen Union gehören. Allen voran Ungarn. Anschlussfähig ist er ganz stark zur russisch-orthodoxen Kirche – wir werden das sehen, sobald die Sanktionen gegen Russland gefallen sind. Auf Deutschland bezogen sehe ich, dass wir eine gewisse Resilienzkraft haben, weil wir um unsere eigene Geschichte des christlichen Nationalismus wissen. Für viel gefährlicher halte ich den Angriff, den US-Vizepräsident JD Vance vor einem Jahr auf der Münchner Sicherheitskonferenz gestartet hat. Da hat er den Anspruch erhoben zu definieren, was Meinungs- und Religionsfreiheit ist. Und dann sind Russland und China nicht mehr unsere Hauptbedrohung, sondern es ist die Europäische Union. Für ihn sind es Demokratien wie Deutschland oder Großbritannien, die sich dem Vordrängen rechtsextremer Kräfte und Parteien entgegenstellen.
Als wie politisch nehmen Sie zurzeit die großen Kirchen in Deutschland wahr?
Ich erlebe uns als sehr klar in unseren Haltungen, aber als oft noch zu schwach in unserer Kampagnen-Fähigkeit. Da wünsche ich mir, dass man sich mal in den USA anguckt, welche Sprache, welche Ausdrucksformen, welche Skills es braucht, um im öffentlichen Raum wirklich wahrgenommen zu werden. Das ist ja das, was mich so fasziniert. Kürzlich hatten wir bei einer Veranstaltung in der Marktkirche Hannover eine Bischöfin aus Seattle per Video zugeschaltet. Mit ihrer Energie, ihrer theologischen Klarheit und widerständigen Nächstenliebe ist der Funke sofort auf die 500 Besucherinnen und Besucher übergesprungen. Das haben wir auch bei der US-amerikanischen Geistlichen Mariann Edgar Budde auf dem Kirchentag erlebt. Aber dann dürfen wir das nicht nur bewundern und beklatschen, wir können auch eine Menge lernen. Das gilt für leitende Geistliche genauso wie für die Sprache, die wir in unserer Gemeinde sprechen. Ein bisschen mutiger sollten wir schon werden.
Zurück zu Ihrem Buch. Kommt es so an, wie Sie sich das vorgestellt haben? Machen Sie den Menschen mehr Mut als Angst?
Erstmal muss ich mich manchmal kneifen, wie unglaublich groß das Interesse an diesem Thema und damit auch an meinem Buch ist. Als ich anfing zu schreiben, war für mich ganz wichtig, dass ich die Leute nicht mit einem dystopischen Bild depressiv zurücklasse. Am Ende musste eine Perspektive der Hoffnung stehen. Das war für mich am Anfang eine Last. Beim Schreiben ist es mir dann aber immer leichter gefallen zu sagen: Hey, da ist doch viel mehr, als wir hier in Deutschland bisher wahrnehmen. Und offenbar springt dieser Funke tatsächlich über. Man muss die düsteren Kapitel oder Passagen meiner Vorträge durchstehen, aber am Ende erlebe ich oft das Erstaunen über so viel Hoffnungsvolles. Insofern bin ich sehr, sehr froh und erleichtert, dass ich mit dem Buch die Menschen nicht in Depressionen stürze, sondern sie mitunter sogar ein Stück weit wachküssen kann.
„Mit Gott gegen die Demokratie – Warum der christliche Nationalismus alle angeht“
Ausgabe: Hardcover, Pappband, 224 Seiten, 13,5x21,5cm
ISBN: 978-3-579-06202-0
Verlag: Gütersloher Verlagshaus

