Wer im Garten Lebensgrundlagen für viele Tiere schaffen möchte, sollte auf eine bunte Mischung setzen, die lange blüht. Sogar der Balkon kann zur Artenvielfalt beitragen, sagt die Landesgartenberaterin Angela Rudolf.
Hannover (epd). Das Artensterben erschreckt viele Menschen. Doch im heimischen Garten oder auf dem Balkon lässt sich Artenvielfalt schon im Kleinen fördern, sagt Angela Rudolf. Die Landesgartenberaterin vom Verband Wohneigentum in Niedersachsen in Hannover gibt Tipps für nährende Pflanzen und schützende Gehölze.
Mit einer geschickten Bepflanzung blühe es im Garten von Februar bis in den November hinein, sagt Rudolf. Den Anfang machten die Hamamelis, die Zaubernuss, und Frühblüher wie Schneeglöckchen und Winterlinge. «Wenn ich das gut abstimme und dann noch Stauden dazu pflanze, habe ich den Insekten lange etwas anzubieten.» Astern zum Beispiel zeigten sich im Spätsommer und Herbst in voller Schönheit.
Bäume und Sträucher ergänzten den Mix. «Wichtig ist es, ein Potpourri abzudecken aus Frucht, Blüte, aber auch Totholz.» Eichen beherbergten viele Käferarten. Diese wiederum böten Nahrung für Vögel und Fledermäuse. «Totholz ist eine ganz wichtige Grundlage für Biodiversität und für einen aktiven und reichhaltigen Garten», erläutert Rudolf. Darum rät sie dazu, alte Obstbäume stehenzulassen. Obstbäume sorgten regelmäßig für Blüte und Frucht. «Wenn sie dann langsam absterben, neigen viele dazu, sie zu entfernen. Dabei geht dann das Leben dort erst richtig los.»
Heimische Pflanzen, die in Deutschland schon lange vorkommen, hätten mit Insekten eine Art «Koevolution» vollzogen, sagt Rudolf: «Beide haben sich aneinander angepasst.» Das gelte zum Beispiel für Schmetterlinge, deren Rüssel genau so lang sei, dass sie bequem Nektar saugen könnten. Noch stärker seien manche Wildbienen-Arten spezialisiert wie die Glockenblumen-Scherenbiene, die nur an Glockenblumen gehe. «Darum ist ein großer Bestand an heimischen Pflanzen wichtig.»
Die Wiesen-Schafgabe oder der kriechende Günsel, Nesselglockenblumen oder auch der Natternkopf zögen Insekten an. «Mein persönliches Highlight ist der gewöhnliche Oregano», sagt Rudolf. Auch am gewöhnlichen Dost summe es den ganzen Sommer lang, hat die Gartenfachfrau beobachtet. Wer aus optischen Gründen oder mit Blick auf den Klimawandel exotischere Arten bevorzugt, muss aus ihrer Sicht aber nicht ganz darauf verzichten. Wichtig sei es, zunächst den Standort zu betrachten und danach die Pflanzen zu wählen - für lehmigen oder sandigen Boden, Standorte mit viel Sonne oder wenig.
Rudolf rät dazu, Totholz- und Laubhaufen auch mal liegenzulassen. Diese böten vielen Tieren einen wichtigen Unterschlupf. Auch abgeblühte Staudenpflanzen sollten nicht sofort herausgerissen werden. «Wenn ich eine Ecke im Garten habe, in der Weißdornholz, altes Eichenholz oder Obstbaumholz aufgeschichtet ist, kann sich dort vieles verstecken. Das gilt auch für Benjeshecken.» Ein Nistplatz aus ungewaschenem Sand helfe Wildbienen. Steinhaufen seien für Eidechsen wichtig.
«Mit einer Mulde, in der sich Wasser sammelt, kann ich sogar noch ein paar Amphibien anlocken. Das ist das größte Kompliment an einen artenreichen Garten», sagt Angela Rudolf. Auch Vögel benötigten saubere Wasserstellen wie Schalen, die täglich gereinigt werden sollten.
Der Garten sollte aus Rudolfs Sicht nicht aufgeräumt sein wie ein Wohnzimmer. «Für die Natur ist das eine absolute Katastrophe.» Die Landesgartenberaterin plädiert deshalb dafür, nah am Haus einen Bereich für die Familie einzurichten und in einem hinteren Teil der Natur ihren Lauf zu lassen.
Im kurz gemähten englischen Rasen fühle sich kein Tier wohl, sagt sie. Auch angesichts heißer Sommer, in denen viele Kommunen tagsüber ein Bewässerungsverbot erließen, sei der Rasen keine gute Wahl. Er sei nämlich keineswegs pflegeleicht: «Da gibt es den Rasen-Vierkampf aus Vertikutieren, Düngen, Wässern und Mähen.» Mähroboter seien zwar eine Erleichterung, aber vor allem in der Dunkelheit eine Gefahr für Tiere. Rudolf rät dazu, eine Rasenmischung mit Kräutern und Blumen auszubringen, sie hochwachsen zu lassen und zwischendrin Laufwege zu mähen. «Dann entwickelt sich eine Artenvielfalt.»
Von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln rät Rudolf generell ab. Ein Großteil der Mittel wirke nicht selektiv. Sie töteten etwa mit der Blattlaus auch gleich den Marienkäfer und seine Larven ab. Das gelte ebenso für angeblich biologische Mittel wie Neem und Pyrethrum oder Hausmittel wie Spüli oder Essig.
In einem Hausgarten seien die Mittel ohnehin nicht nötig, unterstreicht die Expertin. Es sei zwar ärgerlich, wenn die Kartoffelernte einmal kleiner ausfalle, aber die Existenz hänge davon nicht ab. Vieles regle die Natur selbst. Zudem gebe es robuste Sorten wie ADR Rosen, die viel seltener von Krankheiten wie Sternrußtau befallen würden. Der Bund Deutscher Staudengärtner gebe Empfehlungen mit Blick auf Staudenpflanzen.
Auch wer nur einen Balkon hat, könne diesen artenreich gestalten, sagt Rudolf. So sei es möglich, verschiedene Höhen einzubauen oder mit Kletterpflanzen vertikale Strukturen zu schaffen. «So kann ich einen kleinen Beitrag zur Artenvielfalt leisten, mit ein paar Kräutern oder Wildstauden.» Von Insektenhotels aus dem Handel rät sie allerdings ab. «Die sehen immer niedlich aus, sind aber sehr teuer und erfüllen die Rahmenbedingungen gar nicht.»
Oft seien Bohrlöcher zu groß, oder es werde Füllmaterial wie Stroh oder Zapfen verwendet, in die kein Insekt gehe. «Dann kann ich dann lieber ein paar hohle Stängel in die Blumentöpfe stecken, zum Beispiel als Ranke für Tomatenpflanzen. Vielleicht verkriecht sich ein Insekt im Winter da hinein.»