Interview mit Kreispfarrerin Martina Wittkowski
Um die Glaubensräume der Menschen geht es Kreispfarrerin Martina Wittkowski im Zusammenhang mit dem Gebäudeeffizienzplangesetz im Ev.-luth. Kirchenkreis Oldenburger Münsterland. Sie ist dort für den Gebäudeplanungsprozess verantwortlich. Wir haben mit ihr über Glauben, Räume und neue Perspektiven gesprochen.
Der Mensch tut sich schwer mit Veränderungen. Im Rahmen des Gebäudeeffizienzplangesetzes wird sich Kirche neu aufstellen. Was bedeutet das für ihren Kirchenkreis, Frau Wittkowski?
Vorab muss man zwei Dinge über das Oldenburger Münsterland wissen. Unsere Region ist sehr ländlich und vorwiegend katholisch geprägt. Zwei evangelische Gemeinden können schon mal 20 Kilometer voneinander entfernt sein. Kein Weg, den man mit dem Fahrrad zurücklegt wie zwischen zwei Gemeinden in der Stadt Oldenburg.
Der evangelische Glaube ist erst anfänglich um 1900 herum mit den großherzoglichen Beamten und dann mit den Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Region gekommen. In den 1990er Jahren kamen viele deutschstämmige evangelische Christinnen und Christen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken hinzu. Dazu kommen andere Zugezogene. Wir, Protestantinnen und Protestanten, sind hier immer noch eine Minderheit.
Außerdem sind unsere Kirchengebäude jung – im Gegensatz zu anderen Kirchenkreisen der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Unsere älteste Kirche ist 175 Jahre alt und die jüngste erst 27.
Zusammengefasst haben wir im Kirchenkreis Oldenburger Münsterland rund 47.000 Gemeindeglieder in insgesamt 20 Kirchengemeinden. Darunter sind viele recht kleine Gemeinden, die ebenso über die Region verteilt sind wie unsere rund 60 jungen Gebäude.
In Bezug auf das Gebäudeeffizienzplangesetz heißt das, dass wir uns nicht nur mit unseren Gebäuden beschäftigen müssen, sondern damit, wie wir Kirche künftig gestalten wollen. Der Ansatz sollte nicht sein: Wir haben diese Räume, wie füllen wir sie? Sondern: Was wollen wir tun? Wie wollen wir Kirche leben? Und welche Räume benötigen wir genau dafür?
Was steht für Sie im Fokus?
Welche Formen, welche Initiativen braucht der Glaube? Welches sind die Glaubensräume der Zukunft? Das sind für mich die zentralen Fragen in diesem Zusammenhang. Und damit meine ich nicht unbedingt nur steinerne, sondern auch die gedanklichen, spirituellen Räume.
Die Gestaltung dieser Glaubensräume schafft die Grundlage für den Gebäudebedarf. Daraus kann eine Gebäudeaufgabe genauso wie deren Erhalt resultieren. Es können aber auch neue Nutzungsformen entstehen. Ich denke hier an Kooperationen, gemeinschaftliche Nutzungen oder Umnutzungen.
Sie haben Glaubensräume angesprochen. Was können wir uns darunter vorstellen?
Glaubensräume müssen nicht unbedingt steinerne Räume sein. Gerne veranschauliche ich das an einigen Beispielen. Vor kurzem habe ich in einem Gremium nach den ganz persönlichen Glaubensräumen der Menschen gefragt. Die Antworten waren überraschenderweise sehr unterschiedlich wie ein stiller Moment am Strand mit Blick auf das Meer, bei der täglichen Arbeit mit Kindern oder beim Innehalten in einer Kirche. Dies zeigt sehr schön, dass Menschen ihren Glauben im Alltag auf ganz verschiedene Art und Weise leben – und nicht immer wird eine Kirche oder ein anderes kirchliches Gebäude für ein Gebet oder einen kurzen Meditationsmoment benötigt.
Welchen Stellenwert haben kirchliche Gebäude dann noch in der Zukunft?
Wir brauchen auch in Zukunft Kirchen als Orte, an denen Menschen ihren Glauben in der Gemeinschaft leben können. Wir müssen aber auch hinausgehen zu den Menschen – dorthin, wo sie ihr Leben verbringen. So wie bei unserem Segensprojekt bei der „Dorfpartie“ im Museumsdorf Cloppenburg, wo wir Kurzandachten und Segnungen angeboten haben. Diese innovativen Konzepte müssen wir weiter ausbauen.
Kirchliche Gebäude haben also auch in Zukunft absolut ihre Berechtigung. Aber die Art und die Anzahl der Gebäude muss überdacht und an den Bedarf angepasst werden. Für Jugendliche benötigen wir beispielsweise andere Räume als für Seniorinnen und Senioren.
Wie und wofür sollen welche Gebäude genutzt werden?
Genau das ist die Frage, um die es in diesem Prozess geht. Sie lässt sich nicht pauschal beantworten. Deshalb schaut sich jede Gemeinde jedes einzelne ihrer Gebäude an und hinterfragt die Kosten und die derzeitige Nutzung. Gleichzeitig steht die Überlegung an, welche Angebote noch zeitgemäß sind und in Zukunft bestehen bleiben oder überdacht werden sollen. Welche Gebäude brauchen wir dafür? Müssen das unsere eigenen sein? Oder können wir Gebäude der Kommune, von Vereinen, anderen Trägern und Initiativen oder von unseren katholischen Geschwistern nutzen? Beim Thema Kooperationen spielt in unserem Kirchenkreis auch die wachsende Ökumene eine Rolle.
Übrigens stehen andere Gebäudeträger vor ähnlichen Problemen wie wir. Deshalb sprechen wir über Kooperationsmöglichkeiten. Vielleicht lassen sich unsere Gebäude oder die der anderen Player gemeinschaftlich nutzen. Dazu tauschen wir uns aus. Denn schließlich haben wir alle das Ziel, unser Klima zu schützen und damit Gottes Schöpfung zu bewahren.
Wie definiert sich Kirche zukünftig?
Kirche bleibt die Gemeinschaft von Menschen, die Gott suchen. Die Institution Kirche wird mit sinkendem Gebäudebestand und mit weniger hauptamtlichem Personal regionaler werden. Aus vielen kleinen Gottesdiensten entsteht ein großer. Vielleicht ist so ein großer Gottesdienst sogar noch erfüllender als ein kleiner, weil ihn viele Menschen zusammen feiern und das gemeinsame Singen noch mehr Spaß macht. Das ist ein positiver Effekt des Prozesses.
Kirche wird mehr zu den Menschen gehen – raus aus den Mauern. Wir werden den Fokus verstärkt auf Kinder, junge Leute und Familien legen. Aber natürlich bleiben wir auch in den Dörfern für alle Menschen, die nicht mehr mobil sind. Nur wird sich der Ort für unsere kirchlichen Angebote vermutlich teilweise verlagern. Wir werden eigene oder auch kirchenfremde Gebäude gemeinschaftlich nutzen, um die Auslastung zu steigern und damit die anfallenden Gebäudekosten zu senken.
Was ist am Prozess rund um das Gebäudeeffizienzplangesetz besonders herausfordernd?
Die Menschen mitzunehmen, sie zu informieren, das ist die größte Herausforderung. Denn es ist ganz schwierig, sich Kirche anders vorzustellen, als man sie kennengelernt hat. Das geht nicht nur den Gemeindegliedern so, sondern auch vielen Mitarbeitenden. Der Mensch tut sich schwer mit Veränderungen. Wir dürfen dabei das Positive nicht aus den Augen verlieren, denn mit der Gebäudereduktion bietet sich die Chance, Kirche neu zu gestalten.
Ich bin mir sicher, wenn wir offen unsere Gedanken und Pläne kommunizieren und alle Fragen und Anliegen ernst nehmen, dann wird uns das gelingen.
Das Interview führte Daniela Conrady am 29. Juli 2025

