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Musik kann unter die Haut gehen, Stress reduzieren und bei der Bewältigung von Schmerzen und negativen Emotionen helfen. Davon können insbesondere trauernde Menschen profitieren, weiß der Oldenburger Musikpsychologe Gunter Kreutz.

Oldenburg (epd). Musik und Gesang können nach den Worten des Musikpsychologen Gunter Kreutz trauernden Menschen oft mehr helfen als nur Worte. Das treffe besonders auf das gemeinsame Singen zu, sagte der Professor, der an der Universität Oldenburg lehrt, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ein Gespräch über Trauer und Gefühle von Geborgenheit, Erinnerungen und Herzklopfen, ausgelöst durch Musik.

epd: Herr Kreutz, Musik und auch Gesang spielen bei Trauerfeiern eine wichtige Rolle. Berührt uns die Musik emotional stärker als die Sprache, die Trauerrede?

Gunter Kreutz: Natürlich helfen tröstende Worte sehr und werden gebraucht. Musik fügt dem eine emotionale Ebenen hinzu, die Worte allein nicht so leicht erreichen, auch und gerade in der Trauer. Denn das gemeinsame Singen wirkt beruhigend und verbindet die Menschen.

Trauer, Angst und Stress werden geteilt und die Trauernden fühlen sich weniger allein mit ihrem Schmerz. Zu spüren und zu wissen, dass Menschen in der Umgebung ähnlich fühlen, wirkt erhebend und wird häufig im Nachhinein als schön und wohltuend beschrieben.

Somit ist es kein Widerspruch, dass Freude, Trauer und andere Emotionen ineinander aufgehen und es vielleicht verhindern können, in tiefere Niedergeschlagenheit zu gleiten. Man schaut jemanden an, der singt und mitfühlt und erkennt sich dabei vielleicht auch selbst.

Wenn wir einer singenden Person zuschauen, besser noch, wenn wir mitsingen, spiegeln sich darin unsere Gefühle. Musik vermittelt Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit, da sie auch Kindheitserinnerungen wecken. Körperliche Verkrampfungen lassen sich leichter lösen. Das allein setzt neue Energie frei.

epd: Das kann also so etwas wie Gänsehaut und Herzklopfen auslösen, vielleicht sogar Atmung und Blutdruck beeinflussen?

Kreutz: Ja, das ist vielfach beschrieben und teils auch gemessen worden. Entscheidend und direkt wahrnehmbar ist: Die Atemzyklen werden länger, wodurch sich auch das Herz-Kreislaufsystem beruhigt.
Die Psyche reagiert auf die körperliche Entspannung, und es können sich Gefühle von Erleichterung einstellen. Der Vorteil ist, dass wir physiologisch ähnlich auf Musik reagieren. Die Wirkung von Worten ist dagegen schwer vorherzusagen und zuweilen eher kontraproduktiv.

epd: In der Regel werden die Stücke für eine Trauerfeier mit den Angehörigen abgesprochen. Das ist dann Musik, die auch Erinnerungen an den Menschen weckt, der da gestorben ist.

Kreutz: Absolut. Menschen werden mitsamt ihren musikalischen Biografien erinnert und gefeiert. Außerdem sind musikbezogene Lebensereignisse oft sehr emotional, verbunden mit Feiertagen, Geburtstagen, ersten Lieben oder Hochzeiten. Glückliche Momente, die unvergessen bleiben sollen. Damit dringt ins Bewusstsein, was den Menschen zu Lebzeiten bewegt und was er geliebt hat. Da schließt sich ein Kreis. Es ist ein Abschied, der durch die Musik den Menschen oftmals sehr angemessen und in einer Weise würdigt, sodass Anteilnahme erfahrbar wird.

epd-Gespräch: Dieter Sell

Info
Buchhinweis: Gunter Kreutz, «Warum Singen glücklich macht», Psychosozial-Verlag Gießen, 4. Auflage 2023, 239 Seiten, 22,90 Euro