Nasse Moore speichern CO2. Werden sie trockengelegt, entweicht das Treibhausgas. In Zeiten des fortschreitenden Klimawandels stehen deshalb die Zeichen auf Wiedervernässung.
Osnabrück/Greifswald (epd). Matthias Schreiber lässt seinen Blick über die mit saftigen Gräsern bewachsene Landschaft wandern. Die Fläche des Großen Moores in Ostercappeln bei Osnabrück liegt knapp einen Meter unterhalb des dammartigen Weges und weckt Erinnerungen bei dem Biologen. «Das ist unsere legendäre Anfangsfläche», sagt der 67-Jährige, und ein wenig Pathos schwingt in seiner Stimme.
Vor 40 Jahren hat Schreiber genau an dieser Stelle mit anderen Ehrenamtlichen des Naturschutzbundes (Nabu) begonnen insgesamt rund 12 Hektar des damals trockenen Moores wiederzuvernässen: «Mit Sägen, Schaufeln und Beilen haben wir Entwässerungsgräben verschlossen und Bäume gefällt.» Naturschutz und Artenvielfalt hätten dabei im Vordergrund gestanden, erklärt der Vorsitzende des Umweltforums Osnabrück, dem Dachverband der örtlichen Naturschutzverbände. Welche Bedeutung nasse Moore aufgrund ihrer Fähigkeit, CO2 zu speichern, für den Klimaschutz haben, sei erst später ins Bewusstsein gerückt.
In der Europäischen Union sind etwa 50 Prozent der Moore entwässert, in Deutschland rund 90 Prozent der rund 1,9 Millionen Hektar Moorflächen, erläutert Moorexpertin Franziska Tanneberger. Mehr als zwei Drittel werden landwirtschaftlich genutzt. Etwa fünf Prozent seien mittlerweile wiedervernässt. «Das ist ein wichtiger Etappenerfolg», sagt die Direktorin des Greifswald Moor Centrums und Trägerin des Deutschen Umweltpreises 2024.
Doch die Bemühungen müssen weitergehen und sogar verstärkt werden. In Deutschland machten entwässerte Moore nur 7 Prozent der Landwirtschaftsfläche aus, erläutert Tanneberger. «Doch sie verursachen 99 Prozent der CO2-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden.»
Mehr Anstrengungen, das Wasser in der Landschaft zu halten, fordert auch Jennifer Merten, Ko-Koordinatorin des europäischen Wiedervernässungsprojekts «LIFE Multi Peat». Derzeit würden in Deutschland rund 2.000 bis 5.000 Hektar Moor pro Jahr wiedervernässt. «Um bis 2045 klimaneutral zu werden, bräuchten wir aber um die 80.000 Hektar pro Jahr, rechnet Merten vor.
Matthias Schreiber weist unterdessen mit ausgestrecktem Arm auf die knapp unter der Wasseroberfläche wurzelnden Pflanzen: »Wir haben hier Wollgras, Moosbeere und Krähenbeere. Alles Pflanzenarten, die in so ein nasses Moor gehören«, schwärmt der Biologe.
Dann hebt er sein Fernglas an die Augen und folgt einem Bussard, der über die Landschaft zieht. »Es gibt hier mehrere seltene Vogelarten und sogar einen Seeadler.« Auf einer angrenzenden Fläche haben sich junge Birkentriebe im offenen Grasland angesiedelt, ein Zeichen dafür, dass der Torfboden darunter nicht mehr komplett unter Wasser steht. »Da müssen wir demnächst noch mal wieder rein und die Triebe rausholen.«
Niedersachsen ist das moorreichste Bundesland. Vor allem Hochmoore, die auf Regenwasser angewiesen sind, kommen dort vor. »Sie überstehen trotzdem extrem trockene Phasen wie in diesem Sommer«, erläutert Schreiber. Die überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern vorhandenen Niedermoore werden zusätzlich aus Grund-, Quell- und Flusswasser gespeist.
Beide Arten von nassen Mooren dienen zudem dem Brandschutz, betont der Biologe. »Lediglich in trockenen Mooren können sich unterirdische Brände wie im Juli im deutsch-belgischen Grenzgebiet über Tage und Wochen unkontrolliert ausbreiten.«
Vor der Wiedervernässung steht allerdings häufig ein jahrelanger Prozess von Genehmigungen, Planungen und Eigentümerbeteiligungen, weiß Franziska Tanneberger. »Und Landwirte brauchen eine alternative Nutzungsmöglichkeit oder müssen entschädigt werden.«
Ein Beispiel dafür ist die Paludikultur. Dabei werden die oberirdischen Pflanzenteile nasser Moore regelmäßig abgemäht und etwa für die Herstellung von Baumaterialien verwendet. Der Bund hat in diesem Jahr ein eigenes Palu-Förderprogramm aufgelegt und stellt bis 2029 rund 1,8 Milliarden Euro bereit. Ziel ist es, etwa 90.000 Hektar land- und forstwirtschaftlich genutzter Moorböden wieder zu vernässen. Auch die Landkreise Osnabrück und Vechta wollen im Gebiet Großes Moor/Campemoor die Renaturierung vorantreiben und haben eine Förderung beantragt.
Wenn Landwirte trockene Moorböden nutzten, führten Entwässerung und Ackerbau zu einem stetigen Absacken des Bodens, erläutert Tanneberger. Das wiederum erzwinge tieferes Entwässern, bis der Grund auf Sand oder Wasser stößt. »Durch diesen Teufelskreis der Moornutzung verlieren die Landwirte auf lange Sicht ihre Bewirtschaftungsgrundlage.«
Ähnliches gilt für den Torfabbau, der in Niedersachsen auf einigen trockengelegten Moorflächen betrieben wird. Auf einem Firmengelände im Gebiet des Großen Moores ist trockener, krümeliger Torf zu riesigen Haufen aufgeschoben. Etwas weiter sind ziegelsteinartige Torfplacken zu großen Wällen aufgestapelt. Matthias Schreiber zerdrückt einen Klumpen zwischen seinen Fingern. »Hier werden mit einer Baggerschaufel über 2.000 Jahre gewachsene Torfschichten abgeräumt«, sagt der Biologe und schüttelt unwillig den Kopf. »Torf wächst im nassen Moor nur etwa einen Millimeter pro Jahr.«
Torf gilt im professionellen Gartenbau als unverzichtbares Substrat. Die Abbaurechte im Großen Moor gelten noch bis 2042. Allerdings haben die Firmen mittlerweile die Auflage, eine ausreichend dicke Schicht Torf übrig zu lassen, so dass mithilfe gezüchteter Torfmoose und ausreichend Niederschlag wieder ein nasses Moor entstehen kann. »Natürlich wäre es besser, den Torf gar nicht erst abzubauen«, sagt Schreiber. »Aber unter den aktuellen Bedingungen ist der Abbau ansonsten intensiv genutzter landwirtschaftlicher Flächen das kleinere Übel.« Zumal die Firmen den Torf sonst aus dem Baltikum holen würden, bemängelt der Naturschützer. »Zudem ist kein politischer Wille erkennbar, der Torfverwendung ein Enddatum wie bei der Braunkohleverstromung zu setzen."