Die Nässe kriecht in die Schlafsäcke. Die Männer haben trotz Schneefalls draußen vor dem Hauptbahnhof in Hannover geschlafen. Sozialarbeiter des Diakonischen Werkes sind unterwegs, um nach einer Nacht mit Minusgraden nach ihnen und anderen zu sehen.
Hannover (epd). Manuel und Steven rollen ihre Isomatten zusammen. Um die Mittagszeit wird es unter dem großen Dach des Hauptbahnhofs in Hannover lebhaft, auch wenn noch Züge ausfallen. Die beiden Wohnungslosen haben mit drei Kumpeln draußen vor dem Hintereingang geschlafen - vor dem Schnee nur leidlich geschützt durch ein schmales Vordach. Einmal wurden sie zwischendrin vom Ordnungsdienst vertrieben, berichten die Männer, die nur ihren Vornamen nennen wollen. «Das Fiese ist, wenn die Sachen nass werden», sagt Manuel. «Weil wir nicht wissen, wie wir sie trocknen sollen.»
Manuel lebt schon länger auf der Straße. Wenn es ganz hart käme, würde er zum Schlafen in das Bahnhofsgebäude hineingehen, auch wenn das verboten sei, sagt er. «Wer will einen dann rausschicken.» Doch jetzt hat er andere Pläne. Ein junger Mann habe ihnen für zwei Nächte ein Quartier angeboten, berichten die Männer. Steven ist misstrauisch. «Das war ein Linksextremer», meint der 28-Jährige. Außerdem sei der Weg zurück in die City lang und voller Schneematsch.
Manuel hat sich für das Angebot entschieden. Er packt seine Wärmflasche ein. Gelegentlich füllt er sie mit heißem Wasser, zum Beispiel bei der Bahnhofsmission. «Kuschelzeit» steht auf dem Bezug. Zwar hat die Stadt Hannover angesichts von Schnee und Eis ihre Notunterkünfte ausgeweitet. Doch dorthin wollen die Männer nicht, auch wenn die Straßensozialarbeiter Lea Coners und Manuel Selle noch einmal dafür werben. Mit Wärmepads für die Hände können die beiden bei der Gruppe aber landen. Alle greifen zu.
Coners und Selle arbeiten für den Kontaktladen für Wohnungslose «Mecki» des Diakonischen Werkes ganz in der Nähe. Dreimal in der Woche drehen sie ihre Runde, aktuell auch öfter. «Viele schlafen schon lange draußen, die Witterung ändert daran nichts», sagt Lea Coners. Die Gefahr, lebensbedrohlich auszukühlen, sei jedoch nicht allen bewusst. Anders als sonst sprächen sie deshalb die Menschen an, die sie mittags noch schlafend vorfänden, erläutert Manuel Selle. «Normalerweise achten wir die Privatsphäre. Wir stehen ja quasi bei den Leuten im Schlafzimmer.»
Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin leben deutschlandweit rund 56.000 Menschen ganz ohne Unterkunft auf der Straße. Mindestens vier wohnungslose Menschen haben in diesem Winter bereits jetzt ihr Leben durch Kälteeinwirkung verloren. Allein in Hannover leben nach Schätzungen bis zu 4.500 Menschen ohne festen Wohnsitz. Von ihnen übernachten rund 500 regelmäßig im Freien. Die Ursachen für Wohnungslosigkeit seien zumeist Schicksalsschläge, wie eine Trennung, der Verlust von Angehörigen oder der Arbeit, sagt Lea Coners.
Kaum haben die Sozialarbeiterin und ihr Kollege den Mecki-Treff verlassen, finden sie den ersten Bekannten, in einen Schlafsack gewickelt, unter einer schmalen Brücke liegend. Die silber-goldene Isolierfolie, mit der er sich zugedeckt hat, konnte ein Eindringen der Nässe nicht verhindern. «Ich bringe dir noch einen Schlafsack und eine Plane», sagt Selle. «Dann wirst du wenigstens nicht nass.» Dass die Notschlafstellen geöffnet seien, wisse er, sagt der Mann in hastigen Sätzen. Ob er dort hingeht, lässt er offen.
Einige Personen unter denjenigen, die auch im Winter draußen blieben, seien psychisch krank, andere Individualisten, die sich bewusst dafür entschieden, sagt Lea Coners. Angst vor Diebstahl und der Verlust der Privatsphäre in den Gemeinschaftsunterkünften schreckten sie ab. Überdies böten die meisten Übernachtungsquartiere keinen Platz für Hunde, mit denen manche unterwegs seien. Die beiden Sozialarbeiter kennen die Orte, an denen die Wohnungslosen üblicherweise «Platte machen». Sie wissen, wessen Isomatte und Decke sie vorfinden, auch dort, wo gerade niemand ist. «Vertrauen zu schaffen ist wichtig in diesem Job», sagt Selle.
Im U-Bahn-Bereich am zentralen Platz Kröpcke treffen sie auf eine Gruppe aus Polen. Ein Mann hat sich den Kopf aufgeschlagen, die Wunde blutet stark. Er sei auf der Rolltreppe ins Rutschen geraten, erklären die anderen in Brocken auf Deutsch und Englisch. Den Rettungsdienst haben sie schon gerufen. «Ihr könnt heute Nacht auch nach unten gehen, in die untere Etage», sagt Coners. «Da ist es wärmer.» Der Kröpcke gehört zu den Stationen, die von der Stadt in den Kältetagen zum Übernachten geöffnet wurden.
Zum Abschluss ihrer Runde machen sie sich zu einem weiteren Bekannten auf den Weg. Wie erwartet steht Jürgen am Eingang zur Markthalle. Gerade hat ihm dort jemand ein Brötchen spendiert. «He is a friend», sagt ein Mitarbeiter mit einem Grinsen, der kurz rausgekommen ist, um die Mülleimer zu leeren. Mit den Jahren hätten viele Wohnungslose ihre eigenen Überlebensstrategien entwickelt, berichten die Sozialarbeiter. «Zehn Grad Minus gab es schon mal», sagt Jürgen. Er habe die Nacht in einem Hauseingang verbracht, wie schon oft. Dass Coners und Selle wie versprochen einen neuen Schlafsack und eine Isomatte mitgebracht haben, freut ihn jedoch: «Erstklassig»