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Fast jeder trinkt ihn, aber über den Anbau von Kaffee denken nur die wenigsten nach. Eine Rösterei und ein Importeur zeigen, wie direkte Handelsbeziehungen einen Gewinn für Produzenten und Qualität bedeuten können.

Lilienthal (epd). Durch die verschachtelten Räume der Rösterei Utamtsi im niedersächsischen Lilienthal bei Bremen hallt an diesem Nachmittag der treibende Takt lauter Musik. Der große 45-Kilo-Röster hat Pause, der Kaffeeduft hat sich schon etwas verzogen, jetzt sind eine Handvoll Arbeiter damit beschäftigt, Kaffee abzuwiegen, zu mahlen und in kleine Verkaufsverpackungen umzufüllen.

Mittendrin in dem Wirrwarr aus Kaffeesäcken, Kartons und großen Behältern mit gerösteten Kaffeebohnen steht Fokam Fobissie. Seinem Vater gehört die Rösterei, die hauptsächlich fair gehandelten Bio-Kaffee aus dessen Heimatland Kamerun verarbeitet. Weil Morin Kamga Fobissie aber gerade in Kamerun weitere Kaffeebauern vom Bio-Anbau überzeugen und neue Bohnen für das Unternehmen einkaufen will, erzählt der 23-Jährige, wie sein Vater vor 20 Jahren das Unternehmen nach einer überraschenden Entdeckung gegründet hat.

Es sei 1998 gewesen, als dieser als junger Wirtschaftsstudent in einem Bremer Supermarkt Kaffee für die WG besorgen sollte. Der Preis dort für ein Pfund Röstkaffee: sechs Mark. Fobissie stammt jedoch aus einer Kaffeebauern-Familie und wusste sehr genau, was diese für ein Pfund Rohkaffee in Kamerun umgerechnet bekamen: 30 Pfennig. Wo, habe er sich gefragt, landet das ganze Geld? Und was könne er tun, damit die Kaffeebauern mehr vom Kuchen abbekommen?

Zusammen mit seinem WG-Mitbewohner Stephan Frost gründete Fobissie daraufhin die Rösterei Utamtsi. Während Bio- und Fairhandels-Siegel im Supermarkt-Regal heute nichts Ungewöhnliches mehr sind, setzt die kleine Rösterei bereits seit ihrer Gründung nicht nur auf biologisch angebauten Kaffee, sondern auch auf den direkten Handel mit den Erzeugern. So schuf Fobissie eine Alternative und einen Gegenentwurf etwa zum verbreiteten Fairtrade-Siegel.

«Wir kennen unsere Kaffeebohnen», sagt Fokam Fobissie. Utamtsi beziehen den Kaffee direkt von den Bauern in Kamerun, Uganda, Ruanda und Nicaragua. Die erhielten rund vier Euro für ein Kilogramm für ihre Arbeit. «Utamtsi» ist ein Kunstwort aus der kamerunischen Nufi-Sprache. Frei übersetzt bedeutet es ungefähr: «Wir begegnen dem Wasser, dem uralten Heilmittel, das Kraft schenkt.»

Eine Studie zeigte 2024, dass viele Farmer für ihren konventionellen Kaffee von Großabnehmern gerade einmal 41 Cent erhalten. Doch die Anbaubedingungen sind schwieriger geworden und die Nachfrage ist gestiegen. Inzwischen wird das Kilogramm Kaffee für rund sieben Euro an der weltweiten Kaffeebörse gehandelt - sogar deutlich über dem Fairtrade-Mindestpreis von 6,16 Euro.

Auf Nachfrage legt Morin Kamga Fobissie schriftlich detailliert vor, wie sich der Preis eines Kilos Kaffee bei Utamtsi zusammensetzt. Nach Anbau, Bio-Zertifizierung, einer ersten Aufarbeitung und dem Export samt Zöllen und Abgaben kommt der Kaffee mit einem Warenwert von rund zwölf Euro pro Kilo in Bremerhaven an. In Lilienthal kommen Kosten für die Röstung, Verpackung, Unternehmensverwaltung und die Kaffeesteuer hinzu, bevor das Kilo Espresso für knapp über 30 Euro im Einzelhandel steht. Der Gewinn am Ende für Utamtsi laut Fobissie: 53 Cent.

Mit Kalkulationen wie diesen beschäftigt sich auch Wilts Marx tagtäglich. Der 29-Jährige leitet im Ein-Mann-Betrieb von Bremen aus das europäische Geschäft des kanadischen Kaffee-Importeurs «Semilla Coffee». Im Jahr bewegen er und seine Kollegen rund 20 Schiffscontainer hochwertigen Spezialitäten-Kaffee von Farmen in Zentralamerika und Ostafrika zu kleinen Röstereien weltweit. Die starken Auswirkungen des Klimawandels auf den Kaffeeanbau spüren sie dabei genauso wie regionale Konflikte.

«Kaffee war schon immer politisch und das wird sich auch nie ändern», sagt Marx. Koloniale Strukturen seien noch heute durch große Informationsvorteile und Machtgefälle sichtbar. Die wichtigste Frage für ihn daher: Was wollen die Produzenten? Und das sei eindeutig ein fairer Preis.

Semilla hat sich daher ähnlich wie Utamtsi auf langfristige Beziehungen direkt mit den Communitys vor Ort spezialisiert, umgeht Zwischenhändler, nimmt auch Kaffee aus schlechten Ernten ab und gibt kontinuierlich Feedback zur Qualitätsverbesserung. In den Augen von Wilts Marx ist das ein Konzept, das nachhaltiger ist als so manches Fairhandels-Siegel.