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Celle (epd). Die Anfeindungen der AfD gegen den Islam in Deutschland stoßen nicht nur bei den Muslimen auf scharfe Kritik. Der Historiker und niedersächsische NS-Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner sagte am Montag: "Es ist in der Tat das erste Mal seit der NS-Zeit, dass eine Partei eine Religionsgemeinschaft als Ganze diskreditiert, indem ihr unterstellt wird, eher politische Ideologie als Religion zu sein." Insofern stimme er dem Zentralratsvorsitzenden der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, zu, sagte Wagner. Mazyek hatte die rechtspopulistische Partei in die Nähe zu Hitlers NSDAP gerückt.

In seiner Äußerung, die AfD bedrohe den Islam existenziell, gehe Mazyek aber zu weit, sagte der Historiker. "Zur Vernichtung hat die Partei ja nicht aufgerufen." Wagner ist Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, zu der auch das ehemalige Konzentrationslagers Bergen-Belsen gehört.

In Bergen-Belsen war erst am Sonntag an den 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers erinnert worden. In dem KZ kamen mehr als 50.000 Menschen um - unter ihnen mehrheitlich Juden und politische Häftlinge. Bei der Gedenkveranstaltung hätten Redner nicht nur den aufkeimenden Antisemitismus verurteilt, sondern auch die aktuellen Hetze gegen Flüchtlinge und Muslime, sagte Wagner.

Die AfD will laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" in ihrem ersten Parteiprogramm den Islam als unvereinbar mit der Verfassung darstellen. "Der Islam ist an sich eine politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist", sagte die stellvertretende Parteivorsitzende und Europaabgeordnete Beatrix von Storch der Zeitung. Zudem soll laut Programmentwurf des Bundesvorstands ein Verbot von Minaretten, Muezzins und Vollverschleierungen gefordert werden.

Wagner sieht in so einer Haltung durchaus Ähnlichkeiten zu Ausgrenzungsmechanismen gegen Menschen in den 1930er Jahren. "Ich bin wahrlich kein Freund von falschen historischen Analogien", betonte der NS-Experte. Aber selbst bei differenzierter Betrachtung ließen sich Parallelen erkennen. Das gelte für eine Unterteilung von Menschen in "wir" und "die", durch die eine Gruppe gezielt ausgegrenzt werde. "Es gilt auch, wenn bewusst Angst geschürt wird vor vermeintlich Gefährlichen oder Kriminellen."

Selbst wenn AfD-Politiker sagten, sie lehnten Gewalt ab, legitimierten sie oftmals Gewalt, indem sie Verständnis für die Täter äußerten. "Damit wird der Gewalt gegen vermeintlich Fremde Vorschub geleistet", sagte Wagner. So habe es in Deutschland allein 2015 mehr als 900 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben.