Die Pflege wird immer teurer, und die Eigenanteile für Pflegebedürftige immer höher: Kassen und Verbände fordern die Politik deshalb zum Gegensteuern auf und mahnen zügige Reformen an. Sonst bleibe für viele nur der Weg in die Sozialhilfe.
Hannover/Bremen (epd). Angesichts steigender Eigenanteile für einen Platz im Pflegeheim fordern gesetzliche Krankenkassen und Sozialverbände in Niedersachsen, weitere Kostensteigerungen wirksam und dauerhaft zu begrenzen. «Wenn nicht endlich gegengesteuert wird, müssen immer mehr Heimbewohner Sozialhilfe beantragen», sagte der Landesleiter des Verbands der Ersatzkassen (vdek) in Niedersachsen, Hanno Kummer, am Donnerstag in Hannover.
Für die Krankenkasse AOK sagte der niedersächsische Landeschef Jürgen Peter, für viele Pflegebedürftige und ihre Familien werde es immer schwerer, die Kosten zu schultern: «Wer ein Leben lang gearbeitet und vorgesorgt hat, darf im Pflegefall nicht zum Sozialfall werden.» Ein Lösungsansatz könnte es sein, wenn das Land die Investitionskosten der Heime tragen würde.
Auch der niedersächsische Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke mahnte Reformen an. Der vdek in Bremen regte an, dass die Bundesländer auch die Ausbildungskosten für die Pflegekräfte tragen könnten.
Nach aktuellen Zahlen des AOK-Bundesverbandes sind die Eigenanteile wegen Tariferhöhungen in der Pflege und der Inflation weiter deutlich gestiegen. Wie das «RedaktionsNetzwerk Deutschland» (Donnerstag) berichtete, kletterte der Betrag, den die Pflegebedürftigen im ersten Jahr des Heimaufenthalts selbst aufbringen müssen, zwischen Juni und Ende Dezember 2025 im Bundesdurchschnitt um 112 Euro auf monatlich 3.204 Euro.
Die höchsten Eigenanteile sind demnach mit 3.528 Euro in Nordrhein-Westfalen zu zahlen, die niedrigsten mit 2.661 Euro in Sachsen-Anhalt. Auch in Niedersachsen setzte sich der Preisanstieg nach vdek-Angaben fast ungebremst fort: Pflegebedürftige müssten hier derzeit im ersten Jahr ihres Aufenthaltes zusätzlich zu den Leistungen aus der Pflegeversicherung im Schnitt 2.903 Euro pro Monat zahlen, hieß es.
Das seien 264 Euro und damit zehn Prozent mehr als vor einem Jahr und 60 Prozent mehr als vor vier Jahren. «Wir sind weiter denn je davon entfernt, dass der Eigenanteil für einen Heimaufenthalt aus einer Durchschnittsrente bezahlt werden kann», bilanzierte Kummer. Für Heimbewohner mit längerem Aufenthalt sänken aufgrund höherer Zuschüsse der Pflegekassen zwar die Eigenanteile. Dieser Effekt verpuffe aber schnell. Deshalb sei eine Pflegereform nötig.
Für das Land Bremen berechnete der vdek sogar eine Eigenbeteiligung von 3.637 Euro für das erste Jahr - ein Plus von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nach dieser Rechnungsmethode ist Bremen das Bundesland mit dem höchsten Eigenanteil.
Die AOK und der vdek greifen auf dieselben Daten zurück, gewichten sie aber verschieden. Spezifisch bremisch seien überwiegend kleine Einrichtungen in angemieteten und damit teureren Immobilien, erläuterte der Leiter der vdek-Landesvertretung in der Hansestadt, Torsten Barenborg.
Diakonie-Vorstandssprecher Lenke sagte, die erneuten Steigerungen müssten ein «Weckruf an die Politik» sein. «Eine grundständige Finanz- und Strukturreform der Pflegeversicherung muss in diesem Jahr endlich kommen und umgesetzt werden.» Pflege sei aktuell ein Armutsrisiko. Lenke plädierte dafür, die Finanzierung der Pflege auf eine breitere Basis zu stellen. So müssten auch Kapitalerträge und Mieteinnahmen in die Berechnung der Beiträge einfließen.
Lenke ist in diesem Jahr auch Vorsitzender in der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, mahnte eine Deckelung der Pflegekosten auf 1.000 Euro an.