Kirchengebäude ohne Gottesdienste sind ein bundesweiter Trend. In Hannover ist aus einem Sakralbau ein Wohnprojekt geworden. Rund 30 junge Menschen leben dort in Wohnungen und teilen sich Gemeinschaftsflächen.
Hannover (epd). Von außen: bunte Kirchenfenster und der eigentümliche, freistehende Glockenturm. Innen: Tischtennisplatte, Gemeinschaftsküche und ein mit weißen Segeln abgehängtes Kruzifix. In der ehemaligen Gerhard-Uhlhorn-Kirche in Hannover finden keine Gottesdienste mehr statt. Stattdessen wohnen hier rund 30 Menschen.
Studenten, Ausbildende, Berufstätige, die meisten zwischen 18 und Anfang 30. Im Eingangsbereich - unter dem ehemaligen Orgelraum - sitzt Julian Franzius an einem schwarzen Flügel, daneben stehen einige Bierkisten.
Der 18-Jährige ist aus Bremen nach Hannover gezogen. Seit Anfang November wohnt er in der ehemaligen evangelischen Kirche. «Der Mond ist aufgegangen» hallt durch den Raum. Für einen kurzen Moment ist etwas von der feierlichen Stimmung vergangener Tage zu spüren, als diese Kirche noch nicht entwidmet war.
Auf Höhe der ehemaligen Bankreihen befinden sich auf zwei Stockwerken - Erdgeschoss und erste Etage - 27 Wohnungen. Eine davon wird als Airbnb vermietet. Jede Wohnung besteht aus einem Zimmer samt Kühlschrank und eigenem Badezimmer. «Haus im Haus» nenne sich das Baukonzept, erklärt Projektentwickler und Eigentümer Dirk Felsmann. So wurden die Wohnungen in das Kirchengebäude «reingebaut». Im Souterrain gibt es zudem vier Sozialwohnungen.
In ganz Deutschland zeigt sich der Trend: Seit dem Jahr 2000 wurden rund 1000 Kirchen geschlossen und entwidmet oder umgenutzt. So ist in der ehemaligen Elias-Kirche in Berlin ein Kindermuseum entstanden, in der Dreifaltigkeitskirche in Köln ein Trainingszentrum für Aikido. Hintergrund ist der seit Jahren anhaltende Mitgliederschwund der beiden großen Kirchen. Die Gebäude werden zu Fahrradgeschäften, Restaurants, Kinos. Oder eben zu Wohnhäusern wie in Hannover.
In der ehemaligen Gerhard-Uhlhorn-Kirche fällt durch die bunten Kirchenfenster rotes, blaues und gelbes Licht auf einen Teil der Zimmer in der ersten Etage. Gegenüber wohnt Julian Franzius. Als er das erste Mal für die Zimmerbesichtigung in der Kirche war, dachte er, er müsste flüstern. «Wenn ich hier reinkomme, staune ich immer noch ein bisschen, weil es mit den bunten Fenstern und dem Licht auch noch sehr kirchlich wirkt.» Schon in seiner Kindheit sang er mit dem Knabenchor häufig in Kirchen, ist christlich aufgewachsen und konfirmiert.
Doch für den Studenten ist das Gebäude auch aus «architektonischer Sicht spannend», wie er sagt. Denn er studiert Architektur. «Der Raum wurde so erhalten, wie er war, ohne ihn zu sehr zu entfremden», sagt Franzius. «Es gibt hier sehr viel freien Raum und Gemeinschaftsflächen.»
Auf der Gemeinschaftsfläche unter der ehemaligen Orgelbühne stehen eine Tischtennisplatte, hinten werden Fahrräder geparkt, gegenüber dem Kruzifix hängt eine Discokugel. Gemeinsam mit einigen Mitbewohnern spielt Franzius eine Runde Tischtennis-Rundlauf.
In den beiden Gemeinschaftsküchen stehen die alten Kirchenbänke. Hier kommen die Mitbewohner häufig zusammen, kochen, essen, tauschen sich aus. Gerade sitzt eine Gruppe von ihnen in der Küche im Erdgeschoss auf samtenen Sofas um einen Tisch herum und spielt Karten. Es wird ein Mix aus Englisch und Deutsch gesprochen. Manche Bewohner kommen aus Bolivien, Spanien, Belarus oder Griechenland.
Leon Waldt kommt in die Küche und setzt sich dazu. «Wir machen hier viel gemeinsam, Kinoabende, Partys oder kochen zusammen», erzählt der 21-jährige Geografie-Student. Für eine Party haben Freunde von ihm ein DJ-Pult auf den ehemaligen Altar gestellt. Felsmann erklärt, wie der Altar verändert wurde: Christliche Symbole wurden entfernt, er wurde abgeschliffen und weiß lackiert.
«Wir haben ihn auf Leuchtleisten gestellt, sodass er aussieht wie ein schwebender Monolith.» Darüber hängt immer noch das große Holzkreuz mit einem metallenen Jesus. Damals in den 1960er-Jahren habe das Kreuz große Wellen geschlagen, erzählt Felsmann. Einigen aus der Gemeinde sei das Leiden Jesu zu plastisch dargestellt gewesen.
Heute wird das geschichtsträchtige Kruzifix von drei weißen Segeln verhüllt, was die Dreifaltigkeit symbolisieren soll. Wer nah darunter steht, kann aber an den Segeln vorbei auf die Figur blicken. Ein Kompromiss, erklärt Felsmann: «Der Denkmalpfleger sagte: Ihr müsst das Kruzifix im Luftraum halten. Und der Beauftragte für liturgische Gegenstände sagte: Das geht nicht, das strahlt zu sehr christlich in den entwidmeten, nicht mehr christlichen Raum aus.»
Bauamt, Feuerwehr, Statiker, Denkmalschutz - alle Stimmen mussten gehört und berücksichtigt werden. Die Formulierung, verschiedene Vorstellungen, Wünsche und Vorgaben unter einem Dach zu vereinen, trifft in der ehemaligen Gerhard-Uhlhorn-Kirche im doppelten Sinne zu. 2016 haben Felsmann und sein Kompagnon Gert Meinhof das Gebäude gekauft, 2019 war der Umbau fertig.
Franzius gefällt das Projekt: «Ich glaube, eine Kirche umzunutzen und vorher zu entweihen und ihr in einem besonderen Rahmen eine andere Nutzung zu geben, ist eine deutlich bessere Möglichkeit, als sie leer stehenzulassen oder abzureißen.»