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Hamid Ismailov, Wunderkind Erjan, aus dem Russischen von Andreas Tretner, Berlin: Friedenauer Presse, 2022.

 

Hamid Ismailov entführt die Leser und Leserinnen in die kasachische Steppenwelt, die in ihrer landschaftlichen Unbändigkeit und mit ihren Märchen und Legenden einen Raum öffnet, welcher Menschen Mitteleuropas fremd und merk-würdig erscheinen dürfte. Der Autor ist selbst in Nord-Kirgistan an der Grenze zu Kasachstan geboren. Seine Beschreibungen sind Einführungen in die eigenständige Welt des kleinen Erjan. Diesen nennt man wegen seines Geigenspielens ein „Wunderkind“. Allerdings liegt wie eine schwere Last auf ihm, dass seine Herkunft ungeklärt ist. Erjan selber wächst in seiner kleinen kasachischen Familie aus drei Generationen mit Großeltern, Mutter, Onkel, Tante und seiner geliebten Cousine auf. Zusehends spinnen sich Legenden und Lieder aus volkstümlicher Tradition um den kleinen Erjan. Und als er mit zwölf Jahren aufhört zu wachsen, wird die Welt dieses Wunderkindes immer verhexter. Träume und Ängste, der Zerfall der Familie, die bei einem Bahnhof im Niemandsland in Nähe der Atombombenversuchsgebiete lebt, all dies beherrscht Erjan zusehends. 
Hamid Ismailov ist ein großartiges kleines Buch gelungen. Die Übersetzung von Andreas Tretner und ein Glossar helfen, sich in diese Steppenwelt des jungen Erjan schnell einzufinden. »Wunderkind Erjan« führt in eine Lebenswirklichkeit, die mitfühlen, aber auch erschrecken lässt. Es ist ein literarisch sehr gut geschriebenes Fragen nach Sinn und Widersinn unseres Daseins.