Der frühere Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger sieht die Demokratie durch künstlich erzeugte Wut geschwächt. Kirchengemeinden sollten Räume für respektvollen Diskurs schaffen.
Osnabrück (epd). Der SPD-Politiker und frühere Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger (67), hat die Kirchen aufgefordert, sich auch weiterhin unmissverständlich gegen rechtsextreme Ideologien zu positionieren. «Gegenüber Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit darf es keine neutrale Kirche geben», sagte Krüger am Mittwoch laut Redemanuskript in der Osnabrücker Marienkirche. «Wenn von der Kirche politische Neutralität gefordert wird, dann kann das nur parteipolitische Neutralität meinen. Es bedeutet niemals ethische Neutralität.»
Wer von «Remigration» fantasiere und Hass gegen Minderheiten schüre, verlasse den demokratischen und verfassungsrechtlichen Boden, betonte der Ex-DDR-Bürgerrechtler beim Empfang des evangelisch-lutherischen Sprengels Osnabrück. Die klare Distanz der evangelischen Kirche zu dieser Ideologie sei keine parteipolitische Laune. «Sie ist tief im christlichen Selbstverständnis begründet.»
«Aufregung ist das neue Gold»
Die Demokratie leide heutzutage an fehlender Beziehungsfähigkeit, sagte Krüger. Sogenannte Polarisierungsunternehmer aus dem Netz und von den politischen Rändern fütterten die Öffentlichkeit im Stundentakt mit künstlich aufgepumpten Erregungsthemen. «Die Aufregung ist das neue Gold, und die Gesellschaft zahlt täglich kräftig ein.»
Zugleich drifteten die Lebenswelten auseinander: Akademisch geprägte Milieus und Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen begegneten einander kaum noch. Gemeindesäle könnten und sollten laut Krüger analoge Begegnungsflächen gegen das Auseinanderdriften, gegen Einsamkeit und digitale Isolation bieten. Solche Begegnungsräume böten auch die Chance, trotz unterschiedlicher politscher Überzeugungen respektvoll zu diskutieren, aus Meinungsblasen herauszukommen und Brücken zu bauen.
Regionalbischof: Kirche tritt für Minderheiten ein
Die Kirche könne sich aber nur dann glaubwürdig an der demokratischen Willensbildung beteiligen, wenn sie sich an ihren eigenen Ansprüchen messen lasse, mahnte Krüger, der seit diesem Jahr Präsident des Landesmusikrates Berlin ist. In kirchlichen Apparaten erlebe man aber oft eine Diskrepanz zwischen gepredigter Partizipation und hierarchischer Absicherung. Wo die Aufarbeitung von Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt oder Finanzaffären zögerlich verlaufe, beschädige die Institution ihre gesellschaftliche Stimme.
Die Kirche trage vor allem mit ihrem sozialen Engagement, ihrer Bildungsarbeit und ihrem mutigen Eintreten für bedrängte Minderheiten zur Stärkung der Demokratie bei, betonte Regionalbischof Friedrich Selter. Auch die synodale Struktur der Kirche und die Gremienarbeit auf allen Ebenen trügen zum Demokratieverständnis bei, sagte Selter am Rande des Empfangs: «Genau dort lernen wir, Kompromisse zu finden.»